„Diese Arzneimittel sind nicht für Gesunde gedacht“

Frauen bekommen deutlich mehr Psychopharmaka und Schlafmittel verschrieben als Männer. Sind sie das psychisch kränkere Geschlecht? Nein, sagt der Pharmakologe Gerd Glaeske. Er kritisiert die unbesonnene Verschreibungspraxis und glaubt, dass die Medizin immer noch männlich dominiert ist

„Diese Arzneimittel sind nicht für Gesunde gedacht“

Frauen bekommen deutlich mehr Psychopharmaka und Schlafmittel verschrieben als Männer. Sind sie das psychisch kränkere Geschlecht? Nein, sagt der Pharmakologe Gerd Glaeske. Er kritisiert die unbesonnene Verschreibungspraxis und glaubt, dass die Medizin immer noch männlich dominiert ist

Herr Glaeske, in den 1950er Jahren kamen in Deutschland Psychopharmaka auf den Markt. Welchen Einfluss hatte das auf das gesellschaftliche Klima?

Grundsätzlich kann man sagen, dass damals Menschen mit psychischen Erkrankungen durch die neuen Arzneimittel die Möglichkeit bekamen, ambulant behandelt zu werden, sich freier zu fühlen und außerhalb von Klinikmauern zu wohnen und am Leben teilzunehmen. Ich habe selbst in den 1960er Jahren Praktika in psychiatrischen Kliniken gemacht und war bedrückt darüber, wie die Menschen in solchen geschlossenen Anstalten, wie das damals genannt wurde, lebten. Es war eine Zeit, in der psychische Krankheiten stark stigmatisiert wurden, deutlich stärker, als dies leider auch heute noch immer der Fall ist. Die Menschen wurden ausgegrenzt, die Psychiatrie war gewalttätig, Patienten wurden festgebunden und geknebelt. Der Film Einer flog über das Kuckucksnest aus dem Jahr 1975 zeigt diese Situation ausgesprochen realistisch.

In den 1960er Jahren kamen dann Schlafmittel und Valium, von den Stones als Mother’s Little Helper besungen, in Mode.

Die Arzneimittel wurden in ihren Indikationen erweitert. Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von psychischen Problemen gedacht waren, spielten plötzlich auch bei…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2016: Mitten im Leben
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