Platz zum Toben

Therapiestunde: Herr A. hatte die Macht über sein Leben an den Alkohol abgetreten. Wie kann der Wald ihm beim Thema Verantwortung helfen?

Die Illustration zeigt einen Mann in einer leeren Flasche im Wald, der auf einem großen Tannenzapfen versucht aus der Flasche zu klettern
Sandra Knümann stellt ihr Buch über Naturtherapie vor. © Jan Rieckhoff
Die Illustration zeigt einen Mann in einer leeren Flasche im Wald, der auf einem großen Tannenzapfen versucht aus der Flasche zu klettern
In der Natur der Anziehung der Bierflasche entkommen. © Michel Streich

Mein Klient stand an einem kritischen Punkt. Schaffte er es, seinen Erkenntnissen auch Taten folgen zu lassen oder wartete er weiter darauf, dass seine Probleme sich von selbst lösten? Herr A. war ein geistreicher Mann von kräftiger Statur, der höflich und zuvorkommend auftrat, unterschwellig aber immer etwas ärgerlich wirkte. Zur Therapie war er gekommen, weil er sich andauernd unter kritischer Beobachtung fühlte – zuallererst durch sich selbst. Er zweifelte an sich und seinen Fähigkeiten, konnte sich nur schwer zu Aktivitäten überwinden und fürchtete ständig, dass andere ihn verspotten und verachten könnten. Inzwischen hatte sich seine Nervosität so gesteigert, dass er nachts nicht richtig schlafen konnte und tagsüber sehr erschöpft war. Wirklich abschalten konnte er nur noch mit mehreren Flaschen Bier, die er jeden Abend trank.

Als Herr A. an diesem Morgen in meinem Sprechzimmer saß, sagte er: „Ich lebe mit angezogener Handbremse. Ich weiß zwar, was ich gern tun würde und wie ich eigentlich leben will, aber irgendwie treffe ich dann doch keine Entscheidung. Oder ich treffe sie, aber setze sie dann nicht um.“ Sein Zögern und seine gebremste Vitalität drückten sich auch in seiner Körperhaltung aus: Unbeweglich und mit flachem Atem saß Herr A. mir gegenüber – als sei er zwischen den Armlehnen des Sessels eingeklemmt. „Was halten Sie davon, wenn wir jetzt rausgehen und der Antriebshemmung etwas körperlich Aktives entgegensetzen?“, fragte ich. Etwas verhalten willigte Herr A. ein und so verließen wir die Praxis in Richtung Wald.

Draußen empfing uns warme Morgenluft, die nach staubigem Asphalt und frisch­gemähtem Rasen duftete. Als wir auf den Feldweg einbogen, verlangsamten sich unsere Schritte ganz von selbst. „Während wir gehen, achten Sie mal darauf, wie Ihr Körper jetzt gehen möchte. Welches Tempo ist momentan…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2020: ​Toxische Beziehung
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