Die Kriegsgeneration verstehen

Traumatische Kriegserlebnisse unserer Vorfahren haben Spuren in unserem eigenen Leben hinterlassen. Eine heilsame Reise in die Vergangenheit.

Die Enkel der Kriegsgeneration merken, wie sehr ihr Leben der Vorfahren geprägt ist © Barbara Ott

Familientreffen auf dem Soldatenfriedhof

Der Zweite Weltkrieg liegt Jahrzehnte zurück. Doch erst jetzt realisieren die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration, dass die traumatischen ­Erlebnisse ihrer Angehörigen auch in ihrem Leben Spuren hinterlassen haben. – Eine schwierige, aber heilsame Reise in die Vergangenheit

Es ist ein Sommertag wie gemalt. Ein paar Schleierwolken stehen über Rakvere am Himmel, es ist 27 Grad warm, und ein sanfter Wind weht über die von Eichen bestandene Wiese. Das Gras ist eine Weile nicht gemäht worden, die Gänseblümchen blitzen heraus. Wir betreten das von einer flachen Sandsteinmauer eingefasste Viereck. In einiger Entfernung ragt ein großes Eichenkreuz auf, das Symbol für die Bedeutung dieses Ortes: Hier sind Menschen begraben. Links und rechts neben dem Kreuz liegen zwei große Platten aus schwarzem Granit. Und auf der rechten, etwa in der Mitte, finden wir die Gravur: „Rohde Kurt Unteroffizier *18.5.1922 † 13.3.1944“.

Wir verneigen uns und verharren in Stille. Der 18. Mai 1922 ist uns nur zu gut vertraut. An diesem Tag wurde auch unser Vater, Gerhard Rohde, geboren. Kurt war sein Zwillingsbruder, unser Onkel, den wir nie kennengelernt haben. Meine Schwester schüttet ein Häufchen Heimaterde an den Sockel der Granitplatte. Sie stammt aus dem Garten, in dem Kurt einst mit seinen vier Geschwistern spielte. Sie leben alle nicht mehr, und keins von ihnen war je hier. 72 Jahre dauerte es, bis Kurt von seiner Familie besucht wurde.

Die Mauern der Verdrängung mussten fallen

Der Weg nach Rakvere, das früher Wesenberg hieß, war weit. Er führte meine Schwester und mich 1850 Kilometer von Hamburg durch Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und Estland zu diesem Städtchen auf halber Strecke zwischen der estnischen...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2018: Das erlaube ich mir!
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