Die Kunst der Zuversicht

RESILIENZ: Optimisten leben leichter, sind leistungsfähiger, haben mehr Freunde. Gute Gründe, Optimismus zu fördern – ohne alles schönzureden.

Die Illustration zeigt den Kopf einer Frau, die Blumen vor den Augen hat
Alles rosarot sehen? © Dorothea Pluta

Als die alleinerziehende Joanne nach einer gescheiterten Ehe aus Portugal nach Edinburgh zurückkehrte, besaß sie nicht viel mehr als eine blühende Fantasie. Mit ihrem Baby bezog sie eine kleine feuchte Wohnung sowie spärliche Sozialhilfe. Anstatt sich aufzugeben, begann sie, ein Kinderbuch zu schreiben: über einen kleinen Jungen, der zum Zauberschüler wird und in einem fantastischen Internat skurrile Gestalten und Freunde trifft, mit denen er spannende Abenteuer erlebt. Die Verlage, denen sie ihr Manuskript anbot, schickten ihr allesamt Absagen. Das Buch sei zu lang, die darin erschaffene Fantasiewelt verworren. Geld lasse sich mit ihrer kruden Geschichte nicht verdienen.

Wäre Joanne K. Rowling eine Pessimistin oder auch nur eine Realistin – sie hätte spätestens dann aufgegeben, als die Absagebriefe der Verlage bereits eine ganze Kiste füllten. Doch die arbeitslose Hobby­schreiberin gab nicht auf. Irgendwann erbarmte sich der Bloomsbury-Verlag, zahlte ihr 2500 Pfund und veröffentlichte ihr Kinderbuch in einer kleinen Auflage von nur 500 Exemplaren. Vor 20 Jahren war das. Mittlerweile wurden die Geschichten über den Zauberschüler Harry Potter weltweit 450 Millionen Mal verkauft und haben die einstige Sozialhilfeempfängerin zur Multmillionärin gemacht. Ihr Beispiel zeigt: Talent allein reicht nicht, um Erfolg zu haben. Vielmehr braucht es mitunter unerschütterlichen Optimismus, um nicht aufzugeben und sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen.

Ein Fußballwunder gelingt

Vom Pessimisten unterscheidet sich der Optimist vor allem dadurch, dass er bei Problemen und Rückschlägen nicht aufgibt, sondern seine Anstrengungen sogar noch verstärkt. Das führt längst nicht immer zum Erfolg, macht aber mitunter auch das Unmögliche möglich.

Wie in jenem berühmt gewordenen Fußballspiel zwischen Borussia Dortmund und dem spanischen Verein FC Malaga. Um die nächste Runde der Champions League zu erreichen, benötigte Dortmund seinerzeit nach verlorenem Hinspiel einen 3:2-Sieg im Rückspiel. Nach Ablauf der regulären Spielzeit von 90 Minuten führte Malaga mit 2:1. Erfahrung und Vernunft besagten: Für Dortmund war das Spiel verloren. Das deutsche Team würde ausscheiden. Gegen jede realistische Chance gaben sich die Dortmunder jedoch nicht auf. Als ihnen in der ersten Minute der Nachspielzeit der Ausgleich gelang, dachten wohl die allermeisten ihrer Fans: schade, das kommt leider zu spät! Doch die Dortmunder kämpften weiter – und stolperten den Ball eine Minute später zum völlig unerwarteten 3:2 ins Tor. Mit unerschütterlichem Optimismus, der Kräfte geweckt und Bemühungen angestachelt hatte, war ihnen ein seltenes Fußballwunder gelungen.

Wie entsteht Optimismus?

Welche Faktoren beeinflussen, wie hoffnungsvoll wir in die Zukunft blicken? „Es gibt eine genetische Komponente. Zuversicht ist als Disposition angelegt“, erklärt Hendrik Berth, Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Medizinische Psychologie im Bereich für Psychosoziale Medizin der TU Dresden. „Das Persönlichkeitsmerkmal ist zwar stabil, aber veränderbar, vor allem durch neue Erfahrungen.“ Entscheidend sei zunächst die Lernerfahrung in der Familie: „Wenn die Eltern Zuversicht ausstrahlen und auch nach Rückschlägen nicht aufgeben, färbt das auf die Kinder ab.“ In der Kindheit und Jugend werde die Grundlage dafür gelegt, ob jemand eher erwartungs- und hoffnungsvoll oder ängstlich und pessimistisch sei. Wobei wir Berth zufolge über viele unterschiedliche Optimismen verfügen: „Wir können durchaus an den beruflichen Erfolg glauben, während wir uns um die Familie große Sorgen machen.“

Mittlerweile weiß die Forschung, dass sich die unterschiedlichen Gemütszustände nachhaltig auf den Hirnstoffwechsel auswirken. Anders gesagt: Ob wir Angst oder Zuversicht verspüren, verändert die Biochemie in unserem Gehirn. Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tali Sharot, die am University College London lehrt, erklärt: Je optimistischer eine Person psychologischen Standardtests zufolge ist, desto mehr Aktivität zeigen zwei Hirnareale: nämlich der anteriore cinguläre Kortex (ACC), der die Aktivität für Emotionen und Motivation moduliert, sowie die Amygdala, die Emotionen verarbeitet. „Optimismus geht mit einer stärkeren Verbindung zwischen ACC und Amygdala einher sowie verstärkter Aufmerksamkeit für positive Stimuli“, so Sharot. Ähnlich wie sich Angst im Gehirn einbrennt, wirken umgekehrt positive Gefühle und Erlebnisse als Stimmungsaufheller. Wobei sich Angst zugegebenermaßen schneller und tiefer verfestigt als ein sonniges Gemüt.

Zuversicht schützt vor Stress und Angst

Einig sind sich Experten über die wichtigste Wirkung von Zuversicht: Optimisten leben gesünder. „Sie haben ein geringeres Risiko, an einer Depression zu erkranken“, erklärt der medizinische Psychologe Hendrik Berth. „Optimisten schütten weniger Stresshormone aus, der Blutdruck ist niedriger, damit verbunden ist auch ein geringeres Schlaganfallrisiko.“ Diese positiven Effekte seien gut belegt und könnten durch bildgebende Verfahren sogar sichtbar gemacht werden: „Optimismus ist gesund, weil er uns vor Stress und Angst schützt.“

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2018: Die Kunst der Zuversicht
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