„Man darf Heimat nicht verklären“

Wir bekommen oft erst dann ein Gespür für Heimat, wenn wir sie verloren haben. Fern von zu Hause wächst in uns die Sehnsucht nach dem Vertrauten. Doch Vorsicht, warnt der Philosophieprofessor Christoph Türcke: Wir können auch unschöne, belastende Dinge vermissen

„Man darf Heimat nicht verklären“

Wir bekommen oft erst dann ein Gespür für Heimat, wenn wir sie verloren haben. Fern von zu Hause wächst in uns die Sehnsucht nach dem Vertrauten. Doch Vorsicht, warnt der Philosophieprofessor Christoph Türcke: Wir können auch unschöne, belastende Dinge vermissen

Herr Professor Türcke, was verstehen Sie unter Heimat?

Heimat hat zutiefst mit Kindheit zu tun. Es ist die erste Umgebung, der Menschen, wenn sie auf die Welt kommen, anwachsen. Dieses Anwachsen geschieht allerdings eher metaphorisch. Menschen wachsen ihrer Umgebung nie mehr so unmittelbar an, wie sie dem Mutterleib angewachsen waren. Der Mutterleib ist zwar die allererste Heimat. Doch die wird noch gar nicht voll erlebt. Das Sensorium des werdenden Menschen bildet sich ja erst aus. Und wenn es voll gebrauchsfähig geworden ist, ist die Zeit im Mutterleib auch schon vorbei. Es kommt die Geburt. Und die ist ein Schock. Sie presst den Organismus in eine fremde Umgebung hinaus, wo Licht ihn anleuchtet, Stimmen auf ihn einreden, Hände ihn anfassen. Es dauert, bis er damit klarkommt und dieser Umgebung anwächst. Dann aber ist sie die erste erlebte Heimat. Eltern, Familienangehörige, Freunde, der Landstrich, die Sprache, das Essen, Sitten und Gebräuche, Gerüche, Klima – alles das gehört dazu. Heimat ist der Ort, wo wir zu Hause sind, uns geborgen fühlen, mit allem vertraut sind. Die Umgebung, die so erlebt wird, als verstünde sie sich von selbst. Und dieses Erleben nehmen wir mit auf den weiteren Lebensweg. Die erste erlebte Heimat begleitet uns ein Leben lang.

Zur Heimat wird uns das Vertraute aber erst rückblickend?

Ja, erst wenn wir diese gewohnte Umgebung unserer Kindheit freiwillig oder unfreiwillig verlassen, bemerken wir sie als Heimat. Vorher war sie einfach bloß da. Nun lernen wir sie schätzen. Erst als abwesende oder verlorene bekommt sie Bedeutung.

Derzeit wird in Deutschland viel über Heimat geredet und nachgedacht. Was meinen Sie, wie kommt das?

Der Begriff „Heimat“ war in Deutschland lange durch den Nationalsozialismus vergiftet, assoziiert mit „Blut und Boden“, mit Expansion und Überheblichkeit. Auch für mich war das so. Als ich kurz nach der Wiedervereinigung zum Unterrichten an die Leipziger Kunsthochschule kam, wollten etliche Studierende Arbeiten über „Heimat“ schreiben. Du meine Güte, dachte ich, jetzt kommt hier im Osten der braune Sumpf zum Vorschein. Aber dann lehrten mich meine Leipziger Studierenden, dass es ihnen um etwas ganz anderes ging. Durch den Zusammenbruch der DDR waren sie mit elementaren Identitätsfragen konfrontiert: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Diese Art der Auseinandersetzung mit Heimat ist völlig unverdächtig, sie hat mit Überheblichkeit nichts zu tun. Ich konnte mich daraufhin dem Thema Heimat öffnen, und so ist das Buch dazu entstanden.

Die jungen Leute hatten mit dem Zusammenbruch der DDR ein Stück Heimat verloren?

Genau. Das musste ich erst mal kapieren. Die Umgebung, der sie angewachsen waren, befand sich in einem Umbruch: Das politische System war ein anderes geworden, auch das Wirtschaftssystem, die Reisefreiheit, all das veränderte ihre gewohnte Umgebung stark und warf daher Fragen zur Identität auf. Insofern hatten die Leipziger Studierenden einen anderen Blickwinkel auf das Thema: Man braucht immer den Blick von außen, um Heimat als solche zu erkennen. Von innen gesehen ist sie nur Selbstverständlichkeit.

Man bekommt also erst dann ein Gespür für Heimat, wenn man aus seiner heimatlichen Umgebung herausgerät. Das muss nicht aufgrund von Flucht oder Vertreibung geschehen. Handwerksgesellen etwa gingen früher freiwillig auf Wanderschaft. Fern der Heimat entwickelt man dann oftmals eine starke Sehnsucht – nach bekannten Gerüchen, Gerichten oder Gepflogenheiten. Man vermisst sie und neigt dann dazu, sie zu verklären.

Wie den Wind in Norddeutschland: Eigentlich nervt er – aber ist er weg, vermisst man ihn.

Ja. Wenn man woanders ist, merkt man erst, wie sehr er einem vertraut war und zum eigenen Lebensgefühl gehörte.

Dann ist es nicht anrüchig, sich nach einer Heimat zu sehnen?

Ganz im Gegenteil. Man darf Heimat nur nicht verklären, was allerdings leicht passieren kann. Wir neigen dazu, die Kausalität von Vertrautheit und Schönheit zu verwechseln. Zur Heimat gehört die Vertrautheit. Diese Vertrautheit bedeutet aber nicht, dass es sich um eine schöne, ideale Umgebung handelte. Das scheint uns nur so im Rückblick. Wenn es in der Kindheit etwa vertrauter Alltag war, dass man zu zehnt um einen kargen Esstisch saß, der Vater das Sagen hatte, die Kinder spuren mussten, dann war das alles andere als ein Idealzustand. Trotzdem liegt in dieser Vertrautheit etwas, was uns zunächst einmal fehlt, wenn wir es verlieren.

Psychologisch läuft es so: Wir werden mit etwas vertraut, wachsen an etwas an – im Nachhinein finden wir es schön, weil es so vertraut ist. Anders ausgedrückt: Unsere ästhetischen Begriffe von Schönheit docken an unser Empfinden von Vertrautheit an. Wir können also auch nichtideale Dinge vermissen, einfach weil sie uns so vertraut sind.

Sich nach einer Heimat zu sehnen hat nichts mit Nationalstolz zu tun, der andere abwertet?

Da sollte man unterscheiden. Eine Nation ist gewöhnlich eine andere Größenordnung. Ein Staatsgebilde. Es hat seine Meriten, sorgt für Infrastruktur, Bildung, ein Gesundheitswesen. Aber eine Nation ist nicht die heimatliche Umgebung, der man als Kind anwächst. Daher ist Nation auch nicht mit Heimat identisch. Wenn man beide gleichsetzt, wird die Heimat national aufgeblasen. Die Schwäbische Alb ist dann deutsch. Da können nur Deutsche zu Hause sein. Dass ein syrisches Migrantenkind ihr anwächst und dort seine Heimat findet, ist nicht vorgesehen. Misslich ist immer, wenn Stolz ins Spiel kommt. Er kommt gewöhnlich als Nationalstolz daher. Leute erklären sich als stolz darauf, Deutsche oder Polen zu sein, aber nicht darauf, aus der Lüneburger Heide oder der Danziger Bucht zu stammen. Dabei kann man vernünftigerweise nur auf eigene Leistungen stolz sein, nicht darauf, irgendwoher zu stammen.

Es gibt offenbar eine neue Liebe zum Regionalen. Davon zeugen Heimatkrimis, Rapmusik in Mundart oder regionale Dialekte, die in Internetforen gepflegt werden. Woher kommt auf einmal die Lust am eigenen Landstrich?

Das könnte eine Gegenreaktion auf globale Tendenzen sein. Man merkt: Allein übers Netz lässt sich Kommunikation nicht machen. Man braucht doch seine unmittelbare Umgebung, um sich geborgen zu fühlen, den kleinen Erfahrungsraum mit dem echten Kontakt. Das kann dann ein Tal sein, ein Landstrich, in einer größeren Stadt kann es der Kiez sein. Ich misstraue denen, die sagen, das brauchen wir alles nicht mehr. Die neue Heimat für alle sei das Netz. Dem Netz kann man nicht anwachsen.

Aber es gibt Menschen, die verbringen sehr viel Zeit in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, und sie kennen die dortigen Codes.

Tatsächlich sitzen manche Menschen wie angeschnallt vor dem Bildschirm. Aber was da auf dem Monitor passiert, ist ständige Fluktuation, dauernder Wandel. Auch die Codes sind flüchtig. Das Bleibende ist nur noch das Display, auf dem das Flüchtige erscheint und verschwindet. Zwar kann der Bildschirm zur heimatlichen Kulisse gehören, aber er kann nicht Heimat stiften. Die entscheidenden heimatbildenden Erfahrungen liegen viel früher. Negativ ausgedrückt: Der Bildschirm ist nichts für Säuglinge!

Wie meinen Sie das?

Säuglinge sind großenteils damit beschäftigt, sich ihre Umgebung zu ersaugen, zu ertasten, zu erschmecken. Der Bildschirm transportiert hingegen nur audiovisuelle Erfahrungen. Bis ein Kind dahin kommt, dass es den Signalen auf einem Bildschirm folgen kann, sind längst entscheidende Lebensweichen gestellt. Wenn heute Menschen sagen, sie tauschen die alte Heimat gegen das World Wide Web, machen sie die Rechnung ohne den Wirt. Gewiss gibt es im Netz bestimmte immer wiederkehrende Codes, die den Nutzern vertraut werden können. Die Frage ist aber, wie stabil diese Vertrautheit ist. Wenn sie sich tatsächlich sedimentiert, dann, so meine Vermutung, nur auf der Basis von frühkindlichen Vertrautheiten. Netzheimat ist allenfalls transformierte kindliche Heimat, nicht deren Ersatz.

Derzeit sind weltweit mehr Menschen auf der Flucht als nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie alle haben ihre Heimat verlassen. Ist das Thema Heimat auch deshalb heute so wichtig?

Wenn man sich darauf besinnt, was Heimat ist und wie sehr Menschen von ihr zehren, bekommt man ein Gefühl dafür, wie viel Überwindung es die meisten, die derzeit fern der Heimat sind, gekostet hat, ihre Länder zu verlassen. Manche von ihnen können beweisen, dass sie andernfalls mit Tod oder Folter hätten rechnen müssen, andere sind schlicht vor Hunger und Armut geflohen. Letztere gelten in Deutschland zumeist als „Wirtschaftsflüchtlinge“, als Abenteurer, die nur bessere Lebensbedingungen suchen. Den wenigsten wird diese Einschätzung gerecht. Wie viel Not dahinterstehen muss, wenn Menschen zu Tausenden ihre Heimat verlassen, auch ohne unmittelbar politisch verfolgt zu sein – das beginnen wir zu ermessen, wenn wir uns eingestehen, wie lieb und teuer uns unsere eigene Heimat ist.

Christoph Türcke war Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zum Thema des Interviews schrieb er: Heimat. Eine Rehabilitierung. Zu Klampen, Springe 2006.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2016: Heimat finden
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