Sieh’s doch mal so!

Sie wissen, wer und wie Sie sind? Vielleicht halten Sie sich für schüchtern, vielleicht glauben Sie, nur dann etwas wert zu sein, wenn Sie viel leisten, oder sehen sich grundsätzlich vom Pech ­verfolgt. Doch ist das die ganze Wahrheit?

Sieh’s doch mal so!

Sie wissen, wer und wie Sie sind? Vielleicht halten Sie sich für schüchtern, vielleicht glauben Sie, nur dann etwas wert zu sein, wenn Sie viel leisten, oder sehen sich grundsätzlich vom Pech ­verfolgt. Doch ist das die ganze Wahrheit?

Du warst ein winziges, sehr schwaches Baby, wir mussten lange bangen, ob du es schaffst, und wir waren so froh, dass du überlebt hast! Du warst von Anfang an ein Kämpfer.“ „Fast wärst du im Taxi zur Welt gekommen, so eilig hattest du es.“ „Du warst das schönste Baby auf der ganzen Station, die Schwestern waren verliebt in dich.“

An die Umstände unserer Geburt erinnern wir uns nicht. Aber wir hören die Erzählungen darüber immer wieder gerne. Uns faszinieren die Details, die Ausschmückungen, der emotionale Ton der Geschichte, ihre Deutung durch die Mutter, den Vater oder andere Verwandte. Und je öfter wir diese Story hören (manche Menschen bekommen sie jedes Jahr zur ihrem Geburtstag neu erzählt), desto mehr machen wir sie zu einem Teil unserer Geschichte. Wir sehen uns als „Kämpfer“, als „jemand, dem es nie schnell genug gehen kann“, als „Schönheit, die geliebt wird“.

Wir erzählen die Geschichte über unsere Geburt, wie auch alle anderen Geschichten über Episoden unseres Lebens, immer und immer wieder – um uns selbst zu verstehen. Der Antrieb, durch Erzählungen die Vielfalt des Lebens zu erklären, zu ordnen und einen Sinn darin zu finden, ist tief in uns verankert. Dabei ist uns meist nicht bewusst, dass diese Erzählungen nicht nur auf Fakten, sondern zu einem großen Teil auf Interpretationen beruhen – und es liegt im Wesen von Interpretationen, dass sie die interessanten Teile einer Lebensgeschichte betonen und weniger wichtig erscheinende weglassen. Unsere erzählte Lebensgeschichte ist immer subjektiv und etwas ganz anderes als der objektive Lebenslauf und erfüllt ganz andere Aufgaben als dieser: Sie ist die Grundlage unseres Lebensgefühls, sie formt unsere Identität. Wir leben mit dem emotionalen Akkord, der einer solchen Geschichte beigegeben wird – und der unser Leben prägt, ohne dass wir es bemerken. Die Mehrzahl unserer wichtigsten Lebensepisoden wird in unserer Kindheit und frühen Jugend geschrieben. In den Jahren, in denen sich unsere Identität festigt, entscheiden sich oft die Richtung und die Tonalität unserer Lebensgeschichte. In diesem Alter entwickeln wir Erzählungen, die die Qualität eines Drehbuchs haben: Wenn wir auf besondere Herausforderungen stoßen oder wichtige Entscheidungen treffen müssen, befragen wir diese Geschichte und suchen nach Hinweisen, die sie uns geben könnte. Wenn sie beispielsweise sagt, dass wir Probleme meistern können, dann werden wir das auch weiterhin versuchen. Wenn sie uns erzählt, dass wir bestimmten Herausforderungen besser aus dem Weg gehen, dann tun wir auch das.

Unglücklicherweise erinnern wir uns beim Erzählen der Lebensgeschichte oder von Lebensepisoden eher an negative Ereignisse. Der Psychiater und Psychotherapeut Arnold Retzer spricht von „monomythischer Identitätsatrophie“ und meint damit einen Vorgang, der uns bei Selbstbeschreibungen und...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2016: Sieh's doch mal so!
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