Vorsicht bei der Kleiderwahl!

Es gibt gute Gründe, am Morgen länger vor dem Kleiderschrank zu verweilen. Denn was wir anziehen, prägt das Bild, das andere von uns haben. Aber was noch wichtiger ist: In welche Jacke, Hose oder Bluse wir schlüpfen, beeinflusst auch uns selbst

Vorsicht bei der Kleiderwahl!

Es gibt gute Gründe, am Morgen länger vor dem Kleiderschrank zu verweilen. Denn was wir anziehen, prägt das Bild, das andere von uns haben. Aber was noch wichtiger ist: In welche Jacke, Hose oder Bluse wir schlüpfen, beeinflusst auch uns selbst

Seitdem wir als Kind das erste Mal allein entscheiden durften, ob wir lieber im roten oder grünen Pullover in die Welt hinausgehen, begleitet uns eine Frage durchs Leben: Was ziehe ich heute an? Jeden Morgen stehen wir vor dem geöffneten Kleiderschrank und wählen aus unserem Fundus die Kollektion für den Tag. Mancher greift, ohne lange nachzudenken, zu irgendwelchen Stücken, andere stellen ihr Outfit sorgfältig zusammen.

Wer viel Zeit auf das Ankleiden verwendet, gilt schnell als oberflächlich, hat aber möglicherweise ein besseres psychologisches Gespür als andere. Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt, dass unsere Kleidung ein äußerst machtvolles Beeinflussungsinstrument ist. Nicht nur lenkt sie den Eindruck, den andere von uns haben, in eine bestimmte Richtung – sie hat auch eine durchgreifende Wirkung auf uns selbst. Stimmung, Selbstbild, sogar Konzentration und Denkvermögen lassen sich durch eine gekonnte Auswahl des Outfits steuern.

William James, einer der Gründungsväter der modernen Psychologie, betrachtete die Kleidung als wichtigen Teil des Selbst, wichtiger als Familie, Heim und Besitz. Die meisten Menschen wären lieber eine physisch unattraktive, aber jederzeit makellos gekleidete Person als eine Schönheit, die ständig Lumpen trägt, schrieb der Wissenschaftler, der selbst ein Faible für gepunktete Halsbinden hatte und den ein Freund einmal als „äußerst geschniegelten Kerl“ beschrieb. Mehr als 100 Jahre ist das her. Seitdem haben die meisten Psychologen das Thema allerdings vernachlässigt. „Mode“, beklagen Christoph-Simon Masuch und Kate Hefferon von der Universität East London, „ist in der heutigen Psychologie klar unterrepräsentiert.“ Die Wissenschaftler allerdings, die sich dafür erwärmen konnten, haben erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Besser denken durch die richtige Kleidung

Für die meisten Kinder gibt es nichts Schöneres, als sich zu verkleiden. Das Superman-Kostüm scheint ihnen übernatürliche Kräfte zu verleihen. Und wenn man das Kleid der Mutter überstreift, fühlt man sich so klug und souverän wie sie. Dies sind nicht nur Kinderfantasien, wie die neueste Forschung zeigt. In einem Experiment baten Adam Galinsky und Hajo Adam ihre Probanden, einen weißen Laborkittel zu tragen. Dann testeten die Wissenschaftler, wie gut die Teilnehmer Inkongruenzen zwischen der Bedeutung eines Wortes (zum Beispiel „rot“) und der Farbe, in der es gedruckt war (grün), erkennen konnten. Der Kittel, so zeigte sich, verlieh ihrer Aufmerksamkeit einen kräftigen Schub. Im Vergleich mit Teilnehmern, die ihre eigene Kleidung trugen, machten die Kittelträger nur halb so viele Fehler.

Beim konzentrationsfördernden Effekt kommt es allerdings sehr darauf an, was genau man mit einem Kleidungsstück verbindet. In einem zweiten Experiment legten alle Testpersonen die gleichen weißen Gewänder an. Doch einer Gruppe sagte man, es handele sich um Arztkittel, die anderen glaubten, Malerkleidung anzuhaben. Dann mussten alle in einer Serie von jeweils zwei fast identischen Bildern kleine Unterschiede finden. Das Resultat: Die „Ärzte“ spürten im Schnitt signifikant mehr Fehler auf als die „Maler“.

Es reicht auch nicht aus, den Arztkittel nur vor Augen zu haben oder über seine Bedeutung nachzudenken, wie ein drittes Experiment offenbarte. Die Aufmerksamkeit stieg nur bei denjenigen an, die tatsächlich in einen Arztkittel schlüpften. Die physische Erfahrung, ein bestimmtes Kleidungsstück zu tragen, sich selbst darin zu sehen und es auf der Haut zu spüren, scheint etwas ganz Besonderes zu sein, so die Wissenschaftler. So löse die symbolische Bedeutung, die ein Kleidungsstück hat, beim Träger entsprechende abstrakte Konzepte aus und verändere so seine psychischen Prozesse.

Galinsky und Adam nennen den Effekt enclothed cognition. Sie lehnen sich damit an das Konzept der embodied cognition an, der Idee, dass physische Erfahrungen entsprechende kognitive Assoziationen auslösen können. So empfindet man die Persönlichkeit anderer Menschen als „wärmer“, wenn man eine warme Kaffeetasse in den Händen hält; und sich die Hände zu waschen löst Gedanken an moralische Reinheit aus.

Wie funktioniert die Dynamik zwischen Kleidung und Denken genau? Wenn man eine bestimmte Art von Kleidung trägt, erklärt Karen Pine, Psychologieprofessorin an der Universität Hertfordshire, schlüpft man unbewusst in die damit verbundene Identität. Im Experiment von Galinsky und Adam sei der Arztkittel von den Teilnehmern offenbar mit einer gewissenhaften Person, die umsichtige Entscheidungen trifft, assoziiert worden, schreibt sie in ihrem Buch Mind What Your Wear. Verleiht ein Superman-Kostüm einem also tatsächlich übernatürliche Kräfte? Das nicht gerade, aber es kann offenbar dazu beitragen, dass man sich übernatürlich fühlt. In einem Experiment von Pine stuften sich Probanden, die ein Superman-T-Shirt trugen, in einer Reihe von Aspekten als überlegen ein. So fühlten sie sich im Vergleich mit anderen attraktiver, selbstbewusster, intelligenter und physisch stärker.

Doch Vorsicht: Die Wirkung von Kleidung kann in beide Richtungen gehen. Ein Arztkittel mag zu mehr Genauigkeit und Aufmerksamkeit anregen, doch falsche oder unangemessene Kleidungsstücke sind in der Lage, das Denken nachteilig zu beeinflussen.

Wer übergreifende Probleme zu lösen hat, sollte nicht in T-Shirt und Schlabberhose darangehen. In einer 2015 veröffentlichten Studie hielten sich Probanden, die lässig gekleidet waren, an konkrete Überlegungen und Konzepte. Testpersonen dagegen, die formelle Kleidung trugen, dachten abstrakter und in größeren Zusammenhängen. Die Erklärung: Ein Anzug oder ein Kostüm vermittelt dem Träger: „Ich habe Macht.“ Und wer Macht hat, kann sich eher ums große Ganze kümmern.

Wenn man sich in seinen Klamotten unwohl fühlt, verändert sich die Wahrnehmung. Studenten, die in einem von der amerikanischen Forscherin Emily Balcetis geleiteten Experiment in einem auffälligen Kostüm aus Baströckchen, Kokosnuss-BH und hochaufgetürmtem Früchtehut über den Campus spazieren mussten, schätzten die zurückgelegte Distanz deutlich höher ein als Kommilitonen, die den Weg in ihrer eigenen Kleidung gehen durften.

In einer Studie der Psychologin Barbara Fredrickson und Kolleginnen schnitten Frauen, die Rechenaufgaben in einem Badeanzug lösen mussten, deutlich schlechter ab als Geschlechtsgenossinnen, die einen Rollkragenpullover trugen. Frauen, so die Erklärung der Wissenschaftlerinnen, lernen während der Sozialisation, sich als Sexualobjekte zu sehen, wie es häufig auch die Umwelt tut. Und diese sogenannte Selbstobjektifizierung zehrt an ihren mentalen Ressourcen. Wer Haut zeigen muss und sich sorgt, wie wohl andere den eigenen Körper beurteilen, kann sich nicht gut auf intellektuelle Aufgaben konzentrieren. Männer plagen solche Gedanken übrigens weniger. So rechneten männliche Probanden in Badehosen genauso gut wie solche, die Pullover trugen.

Die Kleidung beeinflusst unser Selbstbild

„Kleider machen Leute“, bei dieser Redensart denkt man oft nur an die Außenwirkung, die das eigene Outfit hat. Und in der Tat haben zahlreiche Studien gezeigt, dass die Kleidung den Eindruck, den andere von einer Person haben, beeinflusst. Doch wie ein raffiniertes Experiment von Bettina Hannover und Ulrich Kühnen belegt, wirken Kleider auch auf das Bild, das man von sich selbst hat.

Die Forscher suggerierten den Testpersonen, sie nähmen an einem Experiment zu polizeilichen Gegenüberstellungen teil. Manche wurden gebeten, in formeller, andere in salopper Kleidung ins Labor zu kommen. In Wirklichkeit ging es darum, den Zusammenhang zwischen Outfit und Selbstbeschreibung zu erkunden. Der Effekt war in der Tat profund. Teilnehmer, die Jeans, Sweatshirt und Turnschuhe trugen, wählten zur Selbstbeschreibung tendenziell Vokabeln wie tolerant, unbekümmert, tollpatschig, emotional, spielerisch und progressiv, während Probanden in Kostüm beziehungsweise Anzug Adjektive wie akkurat, strategisch, gepflegt, pünktlich, kosmopolitisch und beherrscht vorzogen.

Die Ergebnisse ihrer Studie, betonen die beiden Forscher, haben durchaus Bedeutung für Alltagssituationen. So könne man vermuten, dass Menschen nicht nur ihre Selbstbeschreibungen an ihre momentane Kleidung anpassen, sondern sich dann auch entsprechend verhalten. Beispielsweise könne es sein, dass sich formell gekleidete Personen in einem Test mehr anstrengen als salopp gekleidete. Und von Letzteren könne man erwarten, dass sie sich anderen gegenüber kontaktfreudiger und geselliger verhalten.

Diese Spekulationen laden zu – spielerischen – Selbstversuchen ein: Habe ich bei der nächsten Uniklausur mehr Biss, wenn ich Jackett oder Blazer überwerfe? Gelingt es mir bei der Hochzeitsfeier, bei der ich niemanden kenne, ungezwungen zu sein, wenn ich mich zwangloser kleide?

Kleidung macht Stimmung

Experimente können sich auch lohnen, wenn es darum geht, die Befindlichkeit durch den richtigen Aufzug zu verbessern. Männliche Leser dürfen sich hier besonders angesprochen fühlen. Es mag klischeehaft klingen, doch beim Stimmungsmanagement per Kleiderwahl kann das männliche Geschlecht vom weiblichen lernen. Frauen, so fand Yoon-Hee Kwon von der Northern Illinois University heraus, machen ihr Outfit eher als Männer davon abhängig, wie sie sich an diesem Tag gerade fühlen. Dabei bevorzugen sie an guten Tagen Klamotten, die aufregend, vorteilhaft oder ihre Lieblingsstücke sind, während sie bei Stimmungstieflage zu bequemer Kleidung greifen.

Strategien wie diese scheinen in der Tat hilfreich zu sein, um mit sich selbst besser zurechtzukommen, wenn man einer kleinen quantitativen Studie von 2014 glaubt. Zehn Männer und Frauen englischer, irischer, deutscher und polnischer Nationalität standen den Psychologen Christoph-Simon Masuch und Kate Hefferon Rede und Antwort und beschrieben, inwieweit sie Kleidung nutzten, um ihr alltägliches Wohlbefinden zu steuern. Eine wirkungsvolle Technik: an schlechten Tagen eine dunkle, unauffällige Kluft zu tragen, die wie „Tarnkleidung“ wirkt und dem Träger erlaubt, im Hintergrund zu bleiben. Dies reduziere die negative Stimmung und lasse angenehme Gefühle von Trost und Bequemlichkeit aufkommen, berichteten die Teilnehmer. An guten Tagen dagegen würden sie gerne zu farbenfrohen, aufregenden, gewagten, gar „skandalösen“ Teilen greifen, die nicht nur gute Laune signalisierten, sondern wie ein zusätzlicher Katalysator wirkten. „Wenn man sich gut fühlt und dann ein gutes Outfit zusammenstellt“, beschrieb eine Teilnehmerin, „lässt einen das noch höher steigen.“ In genauem Gegensatz zu den schlechten „Camouflagetagen“ nutzten die Befragten Kleidung nun, um sich abzuheben, in Kontakt mit anderen zu kommen oder Aufsehen zu erregen – und versetzten ihrer guten Stimmung damit zusätzlichen Schwung.

Zugegeben: Die Mehrzahl der Teilnehmer dieser Studie war modeinteressiert und die Stichprobe klein. Die Ergebnisse dürften also nicht repräsentativ sein. Aber auch wer nicht in Modezeitschriften blättert oder Fashion-Blogs liest, kann womöglich innerlich von mehr Kleidungsbewusstsein profitieren. Einen Versuch ist es allemal wert.

Und noch ein Tipp für ehrgeizige Sportler: Tragen Sie mal etwas Rotes. Die Forschung zeigt, dass Olympiateilnehmer in Sportarten wie Boxen, Taekwondo und Ringen mehr Kämpfe gewannen, wenn sie rote Hemden trugen (und nicht blaue). Eine mögliche Erklärung: Rot signalisiert dem Gegner Energie und Kraft. Doch in einer 2013 veröffentlichten Studie von Dennis Dreiskämper von der Universität Münster und Kollegen aus Kassel, Leipzig und Berlin zeigten Kämpfer, die rote Kleidung trugen, deutlich bessere physische Werte als ihre Konkurrenten in Blau. So konnten die „Roten“ vor dem Kampf schwerere Gewichte stemmen als die „Blauen“. Auch war ihre Herzfrequenz während des Kampfes höher. Der Farbeffekt, schließen die Wissenschaftler, lässt sich also nicht nur durch eine Signalwirkung nach außen erklären. Rot scheint auch eine Wirkung auf den Träger selbst zu haben.

WARUM WIR UNS IN SCHALE WERFEN

Was sind für Sie die wichtigsten Gründe, sich gut anzuziehen?Bei einer Befragung von 400 Personen erhielt die PsychologinKaren Pine folgende Antworten:

sich selbstbewusst fühlen _______ 72%

sich wohlfühlen_____ 52%

als Selbstausdruck____ 40%

modisch aussehen___ 28%

professionell aussehen___ 27%

wahrgenommen werden__ 18%

sexy aussehenden eigenen Körper zeigen_ 13%

den eigenen Körper verstecken_ 11%

in den Hintergrund treten_ 7%

Die Top-3-Gründe, unterstreicht Pine, sind innerlich motiviert.„Externe Gründe, wie modisch, sexy oder professionell auszusehen, tauchen auf der Liste erst weiter unten auf. Sie spieleneine gewisse Rolle für manche Leute, aber sie sind nicht dieprimärenMotive.“ Das heißt allerdings nicht, dass die Reaktion von anderen unbedeutend wäre. „Wenn wir anderen signalisieren, dass wir uns um uns selbst kümmern“, schreibt diePsychologin, „sehen sie uns eher als jemanden, der es wertist, dass man sich um ihnkümmert. Attraktive Kleidung anzuziehen, die einem steht, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dassuns andere positiv behandeln, was wiederum uns, dem Trägerder Kleidung, ein gutes Gefühl gibt.“

Literatur

M. Slepian u.a.: The cognitive consequence of formal clothing. Social Psychological and Personality Science, Vol.6.6, 2015, 661-668

C. Masuch, H. Hefferon: Understanding the links between positive psychology and fashion: a grounded theory analysis. International Journal of Fashion Studies, Vol.1.2, 2014, 227-246

K. Pine: Mind what you wear. The psychology of fashion. 2014, Kindle Edition.

D. Dreiskaemper u.a.: Influence of red jersey color on physical parameters in combat sports. Journal of Sport & Exercise Psychology, Vol.35, 2013, 44-49

H. Adam, A. Galinsky : Enclothed cognition. Journal of Experimental Social Psychology, Vol.48.4, 2012, 1225–1398

W. Moody u.a.: An exploratory study: Relationships between trying on clothing, mood, emotion, personality and clothing preference. Journal of Fashion Marketing and Management, Vol.14.1, 2010, 161-179

E. Balcetis, D. Dunning: Cognitive dissonance and the perception of natural environments. Psychological Science, Vol. 18.10, 2007, 917-921

C.Watson. The sartorial self: William James’s philosophy of dress. History of Psychology, Vol.7.3, 2004, 211-224

B. Hannover, U. Kühnen: The Clothing makes the self via knowledge activation. Journal of Applied Social Psychology, Vol.32.12, 2002, 2513-2525

B. Fredrickson u.a.: That swimsuit becomes you: sex differences in self-objectification, restrained eating, and math performance.Journal of Personality and Social Psychology, Vol.75.1, 1998, 269-284

Y-H. Kwon: The influence of the perception of mood and self-consciousness on the selection of clothing. Clothing and Textiles Research Journal, Vol.9.4, 1991, 41-46

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2016: Die Harmonie-Lüge
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