„Der Umgang mit Konflikten lässt sich lernen“

Konflikte austragen, Streit nicht aus dem Weg gehen, selbstbestimmt entscheiden. Nur wer es wagt, aus der Reihe zu tanzen, anderer Meinung zu sein, eigene Überzeugungen und Bedürfnisse zu verteidigen, entwickelt sich weiter. Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Schützenhöfer

„Der Umgang mit Konflikten lässt sich lernen“

Konflikte austragen, Streit nicht aus dem Weg gehen, selbstbestimmt entscheiden. Nur wer es wagt, aus der Reihe zu tanzen, anderer Meinung zu sein, eigene Überzeugungen und Bedürfnisse zu verteidigen, entwickelt sich weiter. Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Schützenhöfer

Herr Schützenhöfer, was verstehen Sie unter Harmonie?

Es ist dieser angenehme Zustand von Ruhe, Ausgeglichenheit und Balance, dieses gefühlte Einssein mit sich und der Welt. Dabei unterscheide ich zwischen innerer und äußerer Harmonie. Bei der inneren Harmonie stellt sich ein Gefühl von Entspannung, Leichtigkeit und Unbeschwertheit ein. Wir sind mit uns im Reinen und zufrieden mit dem, was jetzt gerade ist und auch wie wir denken und fühlen. Kein Grübeln, kein Hadern, kein Sich-selbst-Infragestellen.

Und die äußere Harmonie?

Die spüren wir, wenn wir im Einklang mit der Umgebung, insbesondere dem sozialen Umfeld sind und uns mit unseren Einstellungen und Werten angenommen und bestätigt fühlen. Das tut der Seele gut und ist effizient und energiesparend. Auf diese Weise müssen wir nicht permanent selbst Situationen beurteilen, sondern können uns an den Ansichten und Handlungen der anderen orientieren. Die meisten dieser Prozesse spielen sich ohne unser willentliches Zutun im Unbewussten ab. Sie bewirken nicht nur eine Ausgeglichenheit und Balance, sondern helfen, uns in einer chaotischen Welt zurechtzufinden.

Wir wachsen also mit einer angeborenen Tendenz zur Harmonie auf?

Das Streben nach Konsistenz und Konformität gehört zu unserer genetischen Grundausstattung und hat sich im Laufe der Evolution bewährt. Doch auch unsere Sozialisation ist dadurch geprägt, dass wir von klein auf lernen, uns einzuordnen. Denn ausgestoßen zu werden ist wohl die schlimmste Strafe, die ein Kind oder einen Erwachsenen treffen kann. Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, politische oder religiöse Autoritäten sorgen dann im Laufe des Lebens immer wieder für eine entsprechende Anpassung. Wer zuverlässig ist, nicht auffällt und nicht aneckt, kann sich der Obhut und des Wohlwollens der Mehrheit überwiegend sicher sein. Was zunächst auch wichtig ist, denn jede soziale Gemeinschaft braucht für ihr Funktionieren und ihren Zusammenhalt verlässliche, berechenbare Individuen, die sich integrieren. Kritisch wird es, wenn die eigene Haltung sich überdurchschnittlich stark an Normen und Meinungen der Mehrheit der Gesellschaft beziehungsweise einer bestimmten Bezugsgruppe orientiert und die Entwicklung der Selbstbestimmtheit und der Individualität zu kurz kommt.

Übertriebene Harmoniebestrebungen bremsen die eigene Entwicklung?

Die Tendenz, mit sich und dem sozialen Umfeld im Reinen zu sein und Dissonanzen in sich beziehungsweise in der Bezugsgruppe um jeden Preis zu vermeiden, hat zur Folge, dass wir auf der Stelle treten und uns nicht verändern, in dem Sinne, dass wir in einmal gefassten Meinungen und Überzeugungen steckenbleiben. Um neue Erfahrungen zu machen, andere Perspektiven einzunehmen und unseren Handlungsspielraum zu erweitern, muss die Harmonieschwelle überwunden werden. Im Zustand anhaltender Harmoniebestrebungen gibt es keine Änderungsimpulse. Diese entstehen erst, wenn man dissonante Überzeugungen, Werte, Handlungen zulässt, die wie ein Veränderungsmotor wirken. Bremse der eigenen Entwicklung ist die Tendenz zur Konformität. Der Psychologe Solomon Asch hat sich damit in den 1950er Jahren beschäftigt und gezeigt, dass die meisten Menschen ein Leben lang bestrebt sind, ihre Überzeugungen der Mehrheit anzupassen.

Wie kann man das nachweisen?

Mit seinen Experimenten zeigte Asch auf, wie Gruppenzwang wirkt. Eine Testperson wurde in einen Raum geführt, in dem bereits einige Personen warteten. Ihr wurde gesagt, dass es sich um andere freiwillige Teilnehmer an diesem Experiment handele, in Wirklichkeit waren es jedoch Darsteller. Der gesamten Gruppe wurden auf einer Grafik drei verschieden lange Linien und eine Vergleichslinie gezeigt. Die Aufgabe, die kinderleicht zu lösen war, bestand darin, einzuschätzen, welche der Linien gleich lang war, so wie die Vergleichslinie. Die Darsteller gaben bei zwei Drittel der Aufgaben – wie zuvor vereinbart – einstimmig ein falsches Urteil ab. Das beunruhigende Ergebnis: 37 Prozent der Antworten der echten Probanden waren ebenfalls falsch.

Das bedeutet?

Wenn sich jemand konform verhält, vertraut er dem Urteil anderer mehr als dem eigenen und gibt deshalb nach. Wenn das eigene Urteil mit dem der anderen übereinstimmt oder, wie in diesem Fall, übereinstimmend gemacht wird, dann gibt es keine sichtbaren Differenzen, die zu diskutieren wären. Demzufolge herrscht Einigkeit, die Situation ist stabil und überschaubar. Gründe dafür, das Gefühlte oder Erkannte zu leugnen beziehungsweise hintanzustellen, sind der stark ausgeprägte Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung sowie die Angst vor Isolation.

Brauchen wir solch einen Selbstschutzmechanismus?

Ich behaupte: ja. Wer am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder in der Familie sich immer wieder mit gegensätzlichen Meinungen auseinandersetzen muss und das Gefühl hat, ständig gegen eine Wand zu rennen, fühlt sich ausgegrenzt und kann sogar psychische Schäden davontragen. Da scheint es zunächst problemloser, Dissonanz zu vermeiden und die eigene Überzeugung zugunsten der Harmonie zurückzustellen. Doch der Preis, den man dafür zahlt, ist hoch: Langfristig gesehen übt man Verrat an sich selbst, richtet ständig die Aufmerksamkeit von sich weg auf andere und wird abhängig von der Meinung anderer.

Wann genau sollten Meinungsverschiedenheiten auf den Tisch kommen und Auseinandersetzungen ausgetragen werden?

Es ist immer besser, Differenzen frühzeitig zur Sprache zu bringen. Das Problem liegt jedoch darin, dass diese Prozesse, die uns die trügerische Harmonie bescheren, meist unbewusst ablaufen. Daher wissen wir auch nicht, welcher Aufwand im Unbewussten bereits geleistet wird, um uns Harmonie vorzugaukeln. Aus meiner Sicht besteht daher eher die Gefahr, dass man Dissonanzen, sei es in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder in der Familie, zu spät anspricht. Harmonie aus Angst vor den Konsequenzen, die sich aus dem Ansprechen der Dissonanz ergeben können, scheint mir eine bedenkliche Strategie zu sein. Allerdings ist es auch nicht empfehlenswert, einen zu engen Harmonieanspruch zu haben und bei jeder kleinen Abweichung gleich aufzuschreien. Wir kommen eben im Leben um das sorgsame Abwägen zwischen Nachgeben und Widerstand, Toleranz und Durchsetzen nicht herum.

Kann es aber nicht auch gut sein, Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen?

Selbstverständlich ist es immer wieder notwendig, eigene Bedürfnisse hintanzustellen, sei es in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Problematisch wird es, wenn dies ständig oder bei wichtigen Entscheidungen passiert. Das erzeugt eine Dissonanz zwischen dem eigenen Wunsch und dem tatsächlichen Verhalten und beeinträchtigt die innere Harmonie. Das Streben nach Harmonie ist meiner Meinung nach eine egoistische Eigenschaft, die letztendlich dem eigenen Wohlergehen dienen soll und mit uneigennützigem, selbstlosem, also altruistischem Verhalten nichts zu tun hat. Entscheidet man sich dafür, Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen, können Harmonisierungsprozesse helfen, die innere Spannung erträglicher zu machen, indem man zum Beispiel sein Verhalten als moralisch hochwertig interpretiert. Auf diese Weise macht manch einer nachträglich aus seiner Entscheidungsnot eine Tugend.

Können Harmonisierungstendenzen uns hindern, notwendige Entscheidungen zu treffen?

Das passiert recht häufig. Man kann das bei Rauchern beobachten. Viele sagen, dass sie gern rauchen und ihnen die Zigarette nach dem Essen schmeckt. Gleichzeitig wissen sie jedoch, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, denn wissenschaftliche Untersuchungen belegen einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs. Die Theorie der kognitiven Dissonanz gibt für dieses Herunterspielen der Folgen des Rauchens eine Erklärung: Wer raucht, möchte die Differenz zwischen dem eigenen Verhalten und dem eigentlichen Anspruch, gesund zu leben, vermindern und entwickelt Strategien, um diesen Widerspruch zu entkräften. Das kann dadurch geschehen, dass der Fokus darauf gelegt wird, dass man Leute kennt, die trotz Zigarettenkonsum lange gelebt haben. Oder es wird hervorgehoben, dass Zigarettenpausen entspannen oder man mit dem Rauchen sein Gewicht kontrollieren kann und beispielsweise nicht zunimmt. Die Bereitschaft, Dissonanzen auszuhalten, ist eine notwendige Voraussetzung dafür, eine schwierige Entscheidung treffen zu können und sie nicht gleich abzuwerten.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Selbstwert und Harmoniebestreben?

Das Selbstwertgefühl funktioniert wie ein innerer Schutzschild und ist untrennbar verbunden mit dem Glauben an die eigenen Möglichkeiten. Von daher steht beides in einem engen Zusammenhang. Das Streben nach Konformität und Konsistenz ist meistens umso stärker, je weniger selbstbewusst jemand ist. Während Menschen mit einem positiven Selbstwert ihre Fähigkeiten hoch einschätzen, sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen und Niederlagen auf ungünstige äußere Umstände statt auf eigenes Verschulden zurückführen, sind jene, die mit einem geringeren Selbstwert ausgestattet sind, stärker auf Lob und Anerkennung durch andere angewiesen. Sie neigen dazu, stärker an sich zu zweifeln, Kritik sich sehr zu Herzen zu nehmen und schnell den Mut zu verlieren. Ihnen fällt es schwerer, eigene Ansichten zu vertreten, Unstimmigkeiten auszuhalten und die entstandene Spannung zwischen sich und den anderen auszubalancieren.

Sind Frauen harmoniebedürftiger als Männer?

Dieser Eindruck kann entstehen, weil Frauen manchmal nachgiebiger sind, eher vermitteln, seltener als rechthaberisch und polarisierend erlebt werden. Da ein Zusammenhang zwischen Selbstwert und Harmoniebestreben besteht, ist der Aspekt, dass Frauen und Männer ihr Selbstbewusstsein zum Teil aus unterschiedlichen Quellen nähren, auch zu berücksichtigen. Männer tun es durch soziale Vergleiche, wollen besser sein als andere und stellen sich gerne dem Wettbewerb. Frauen gründen ihr Selbstbewusstsein stärker auf soziale Anerkennung und das Eingebundensein in die Gemeinschaft. Auf soziale Zurückweisung reagieren sie oft empfindlich, Männer dagegen nehmen es meistens gelassener hin. Das ist als Tendenz zu sehen, es heißt nicht, dass Männer die Helden der Selbstbehauptung sind und Frauen stets schlichten. Die Tatsache, dass Frauen sich eher harmonisierend verhalten, bedeutet nicht, dass sie harmoniebedürftiger sind als Männer.

Was brauchen wir, um konfliktfähiger zu werden?

Kritikfähigkeit ist bei uns allen unterschiedlich ausgeprägt und hängt von der Persönlichkeit ab. Der Umgang mit Konflikten lässt sich lernen. Es empfiehlt sich, für die ersten Übungen ein Ambiente zu suchen, in dem bei einem möglichen Misserfolg nicht gleich der eigene Ruf auf dem Spiel steht oder der Selbstwert einen Knacks bekommt. Dafür bieten sich Zufallsgruppierungen an, die sich schnell wieder auflösen, zum Beispiel an Bushaltestellen, in Wartezimmern oder in der Schlange an der Kasse. Auf diesen Trainingsplätzen kann man mit einem geringen Risiko beginnen, eigene Ansprüche oder Meinungen gegen den Widerspruch anderer anzusprechen und gegebenenfalls durchzusetzen. Wenn es da gelingt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sich das auch andernorts traut.

Louis Schützenhöfer, Jahrgang 1940, ist promovierter Psychologe. Sein aktuelles Buch Die Harmoniefalle. Nur Dissonanz bringt uns weiter ist 2016 im Verlag Orac, Wien erschienen.

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2016: Die Harmonie-Lüge
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