Wir müssen reden

Es gibt Themen, die uns unangenehm sind und die wir am liebsten unter dem Deckel halten. Wenn wir uns zu einem schwierigen Gespräch durchringen, kann das befreiend sein. Aber Vorsicht: Offenheit ist nicht an sich gut

Wir müssen reden

Es gibt Themen, die uns unangenehm sind und die wir am liebsten unter dem Deckel halten. Wenn wir uns zu einem schwierigen Gespräch durchringen, kann das befreiend sein. Aber Vorsicht: Offenheit ist nicht an sich gut

Angeblich leben wir in einer Kultur, in der man über alles offen reden kann. Wir sind so durchpsychologisiert, dass es doch ein Leichtes sein müsste, über Probleme offen und vernünftig zu sprechen. Aber dem ist in Wirklichkeit bei weitem nicht so. Wenn es um intime Fragen oder sogenannte Tabuthemen geht, tun wir uns erstaunlich schwer. Offenheit und Ehrlichkeit sind propagierte Ideale, denen wir nur zu gerne folgen würden. Und doch neigen die meisten Menschen dazu, gewisse Dinge nicht anzusprechen.

„Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Menschen ein Problem mit sich tragen, das sie beunruhigt, einengt, deprimiert, quält, ihnen Schuldgefühle verursacht, Beziehungsstörungen auslöst, ihr Leben bestimmt“, schreibt der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer. Aber vermutlich sind es viele, die „es“ einfach nicht über die Lippen bringen.

„Es“ kann dabei vieles sein: der Geiz des Partners, den man kaum erträgt; der Seitensprung, den man gerne beichten würde, aber es nicht wagt; sexuelle Wünsche, von denen man glaubt, der andere würde sie nicht akzeptieren können; die heimlich erfolgte Abtreibung, derer man sich schämt; die Angst des schwer Erkrankten vor dem Tod; schwarze Flecken in der Herkunftsfamilie, die einen belasten.

Die Motive für das Schweigen sind vielfältig. Je nach Schwere des Themas hindern Schamgefühle oder Stolz einen Menschen daran, den Mund aufzumachen. Oder Angst. Man will den anderen nicht verletzen, fürchtet, ihn zu verlieren, wenn er die Wahrheit erfährt. Psychologen und Kommunikationsforscher haben festgestellt, dass das Warum – also die Gründe für die Vermeidung – oft wichtiger ist, als das Thema selbst.

So kommt es häufig aus Selbstschutz zur „Themenvermeidung“, wie die Kommunikationsforscher John Caughlin, Walid Afifi und Tamara Afifi von der University of Iowa feststellen. Die Vermeider fürchten die vielleicht heftige Reaktion des anderen, den emotionalen Aufruhr, auch die Peinlichkeit, die mit einem Ansprechen des heiklen Punktes verbunden sein könnten. Ein weiterer Vermeidungsgrund ist der nachvollziehbare Wunsch, die Qualität der Beziehung nicht zu gefährden – es ist die simple Angst vor einem Streit, der als Beginn einer Abwärtsspirale betrachtet wird.

Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet, bestätigt Böschemeyer. Derjenige, der dem anderen die Wahrheit mitteilt, kann nicht damit rechnen, dass dieser sich über die Offenheit freut. Vielmehr muss der Offenbarer sich auf möglicherweise dramatische Reaktionen gefasst machen und diese aushalten können. Böschemeyer beschreibt, wie eine Frau reagierte, nachdem sie von ihrem Mann erfahren hatte, dass er seit Jahren zu einer Prostituierten ging: „Sie rang nach Luft. Dann vergaß sie mich und ließ ihrem Mann gegenüber alle Gefühle los, die sich in ihr nach seiner ‚Beichte‘ entwickelt hatten. Sie weinte, sie fluchte, sie beschimpfte ihn, sie beschimpfte sich, sie schlug mit der Faust auf den Tisch, sie verkroch sich in sich selbst. Dem folgte ein langes Weinen.“

Trotz der möglicherweise dramatischen Reaktionen Betroffener: Die meisten Forschungsergebnisse unterstreichen, dass alle heiklen Gesprächsformen– ein schwieriges Gespräch, eine Beichte, eine Selbst­offenbarung, eine lange unterdrückte Kritik – emotional gesehen bekömmlicher und langfristig auch produktiver für eine Beziehung sind, als man denkt. „Wenn wir etwas erklären können, etwas aussprechen und bereinigen können, gewinnen wir Kontrolle über dieses Thema. Deshalb ist eine offene Aussprache meistens günstiger als die Vermeidung“, bestätigt Walid Afifi.

Ein offenes Gespräch will vorbereitet sein

Der gute alte Psychologenspott „Gut, dass wir darüber geredet haben!“ spielt nicht ohne Grund darauf an, dass Gespräche an und für sich schon etwas Positives seien. Aber der Satz stimmt nur bedingt. Es kommt sehr darauf an, das Gespräch nicht einfach zu beginnen und irgendwie hinter sich zu bringen, es reicht auch nicht, ein Thema einfach nur angesprochen zu haben, um es dann abhaken zu können. Eine Strategie, eine psychische Vorbereitung und ein Einstellen auf dieses Gespräch sind nötig (siehe Kasten Seite 45).

Das zeigt in dramatischer Weise eine große Studie, die in den USA zu einem der heikelsten Gesprächsthemen überhaupt durchgeführt wurde: Wie regeln wir innerhalb der Familie (oder mit Freunden) die wichtigen Fragen um das Lebensende? Zum Beispiel: Welche Wiederbelebungsmaßnahmen sollen angewendet oder unterlassen werden? Welches Maß an Schmerzmitteln ist erwünscht oder nicht erwünscht? Wie spricht man über die Patientenverfügung, wer wird warum als Bevollmächtigter eingesetzt? Das Projekt hatte zum Ziel, die Ängste und Schmerzen zu vermindern, die Patienten an ihrem Lebensende aushalten müssen. In fünf großen Lehrkrankenhäusern des Landes wurden also entsprechende Gespräche zwischen Patienten und ihren Familienangehörigen initiiert – und die Angehörigen wurden ausdrücklich aufgefordert, einen bestimmten Themenkatalog zu diesen „letzten Fragen“ abzuarbeiten.

Dieses ehrenwerte Vorhaben endete in einem Fiasko: Die Begleituntersuchungen ergaben, dass die durchaus in bester Absicht geführten Gespräche nicht den erwünschten Erfolg hatten – nämlich die Verminderung von Ängsten, Schmerzen und Verzweiflung der moribunden Patienten. Die behandelnden Ärzte wussten beispielsweise auch nach solchen Gesprächen nicht, welche lebenserhaltenden Maßnahmen die Patienten wünschten, wie stark ihre Schmerzmittel dosiert sein sollten und so weiter.

Die Kommunikationsforscherin Allison Scott von der University of Kentucky hat sich das Forschungsdesign noch einmal vorgenommen und darin fundamentale methodische Fehler erkannt: Der Hauptfehler lag darin, so schloss sie, dass die Forscher glaubten, Kommunikation an sich sei hilfreich, und mehr Kommunikation sei noch hilfreicher. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Gegenteil: Wenn man über heikle Themen in der falschen Weise spricht, kann ein Gespräch noch abträglicher sein, als wenn man es nicht geführt hätte.

Scott hat die aufgezeichneten Gespräche einer Mikroanalyse unterzogen und herausgearbeitet, wie die Teilnehmer über das schwierige Thema miteinander verhandelt haben. Dabei stieß sie auf drei zentrale Punkte – es sind die Knackpunkte eines „heiklen Gesprächs“:

1. Kommt es zu einer sachlichen Klärung der „offiziellen“ Fragen? Etwa wer im Ernstfall lebenswichtige Entscheidungen für den Patienten trifft, welche lebensverlängernden Maßnahmen ausgeschlossen werden sollen.

2. Werden die meist unterschwelligen Motive und Ängste der Gesprächspartner thematisiert? Wie kann der Patient ein Höchstmaß an Autonomie behalten? Wie können Angehörige das richtige Maß an Zuwendung und Verantwortungsgefühl zeigen?

3. Wie beeinflusst die Qualität der Beziehung das heikle Gespräch? Kommen alte Streitpunkte hoch, kann das Gespräch offen und frei von Hemmungen, Vorurteilen und „alten Rechnungen“ geführt werden?

Scott fand heraus, dass nur solche Gespräche gute Ergebnisse im Sinne der Studie gebracht haben, in denen alle drei Gesichtspunkte beachtet wurden. Das zu leisten ist nicht allen Menschen von vornherein gegeben. Es erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und auch Selbstreflexion, um ein schwieriges Gespräch zu einem guten Ende zu führen.

Wann man besser schweigen sollte

Doch selbst wenn man alles richtig macht, muss ein Gespräch nicht unbedingt gut ausgehen. Es gibt Zeiten und Situationen, in denen man besser schweigt und die Grenzen einer Beziehung akzeptiert – oder den Schmerz und die Frustration, die es mit sich bringt, ein schwieriges Thema anzuschneiden. Erwachsene Kinder beispielsweise sind häufig in seelischer Not, wenn ihre alten Eltern ihnen direkt oder subtil immer wieder Schuldgefühle machen, weil sie sich nicht genug um sie kümmern. So enden Besuche oder gemeinsame Feste oft mit einer tiefen Verstimmung, einem Gebräu aus Schuldgefühlen, versteckter Wut, gegenseitigen Vorwürfen und schließlich der Angst vor der nächsten Begegnung. Eine fatale Dynamik, die nicht immer und nicht unbedingt mit einem Gespräch zu bereinigen ist. Denn allzu oft mündet selbst ein mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen begonnenes Gespräch doch in Frustration, Abwehr, Vorwürfen. Zu aufgeladen ist die Emotionalität auf beiden Seiten.

Ein Großteil unserer seelischen Gesundheit hängt davon ab, wie gut wir zwiespältige Gefühle und uneindeutige Situationen aushalten können – und davon, dass wir einsehen, dass nicht alle Probleme sofort und immer lösbar sind. Ob wir ein Problem ansprechen sollten oder besser nicht, hängt nicht selten von der Überlegung ab, mit welchen Konsequenzen wir leben können.

Literatur

  • Uwe Böschemeyer: Weil ich es dir nicht sagen konnte. Vom Schatten des Schweigens zur befreienden Wahrheit. Ecowin, Wals 2015
  • Tamara Afifi, John Caughlin, Walid Afifi: The dark side (and light side) of avoidance and secrets. In: Brian H. Spitzberg, William R. Cupach: The dark side of interpersonal communication. Routledge, Mahwah 2008

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2016: Eigensinn
file_download print

News

Leben
Menschen, die glauben, sie hätten etwas Besseres verdient als andere, bezahlen ihre Einstellung unter Umständen mit bestimmten psychologischen Risiken.
Leben
Wie können wir uns den Start in einen neuen Lebensabschnitt erleichtern? Indem wir das, was bald hinter uns liegen wird, auf eine gute Art verabschieden.
Gesundheit
Wenn Patienten ihre Krankheit zeichnen.