Was für ein Typ bin ich?

Menschen in Typen aufzuteilen: Das ist ein zwar kurzweiliges, aber unwissenschaftliches Hobby. So dachte man lange. Inzwischen aber ist dieser Ansatz in der Psychologie wieder im Kommen. Drei Typen hat die Forschung identifiziert: resiliente, überkontrollierte und unterkontrollierte Persönlichkeiten

Was für ein Typ bin ich?

Menschen in Typen aufzuteilen: Das ist ein zwar kurzweiliges, aber unwissenschaftliches Hobby. So dachte man lange. Inzwischen aber ist dieser Ansatz in der Psychologie wieder im Kommen. Drei Typen hat die Forschung identifiziert: resiliente, überkontrollierte und unterkontrollierte Persönlichkeiten

Ach Gomez“, seufzt der triefäugige Fester und schaut voller Bewunderung zum gegelten Haupt seines Bruders auf, „ich möchte so sein wie du: ein Schleimer!“ Der Angesprochene, der sich treffend charakterisiert fühlt, reagiert sichtlich verlegen und geschmeichelt ob des hohen Lobs. Selbst in der Addams Family, dieser Kinosippe liebenswerter Monster, teilt man einander gern in Typen ein. So wie wir das alle ständig tun.

„Das ist echt eine Narzisstin, ein Grobian, eine Mimose, ein Partylöwe …“ Wenn wir von Mitmenschen reden, greifen wir oft zu solchen Etiketten, wir sortieren uns gegenseitig in beschriftete Kartons. Typologien sind vielleicht so alt wie die Menschheit, mit Bestimmtheit reichen sie bis zu den Griechen zurück. Bei Theophrast, einem Schüler des Aristoteles, hieß der Schleimer „Schmeichler“ und war einer von 30 Charaktertypen. Der römische Arzt Galen kam, angelehnt an die Viersäftelehre des Hippokrates, mit vier Grundtypen aus: dem Sanguiniker (heiter und aktiv), dem Phlegmatiker (heiter, aber träge), dem Melancholiker (ebenfalls träge, dazu trübsinnig) und dem Choleriker (aktiv und missgestimmt). In der frühen Neuzeit wies Giovan Battista della Porta seinen Zeitgenossen je nach deren Gesichtsform den passenden Charakter zu, und noch Anfang des 20. Jahrhunderts machte Ernst Kretschmer das Temperament am Körperbau fest: gemütstumbe Athletiker, fröhliche Pykniker und empfindsame Leptosomen.

Doch mit dem Siegeszug der empirischen und experimentellen Psychologie kamen Typenlehren aller Art im Lauf des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr in Verruf. Mit ihrer „steinigen Historie“ galten sie nunmehr als unwissenschaftlich, „belastet mit einem Vermächtnis methodisch fragwürdiger, konzeptionell verworrener und empirisch unzuverlässiger Typologien“, wie die amerikanischen Persönlichkeitsforscher Brent Donnellan und Richard Robins es ausdrücken.

Die wissenschaftliche Psychologie ging nunmehr einen anderen Weg: Statt Menschen grob in Schubladen zu verteilen, suchte sie nach grundlegenden Basiseigenschaften, in denen wir uns unterscheiden. Durchgesetzt hat sich schließlich ein Schema, das mit fünf solchen Grundzügen der Persönlichkeit, den sogenannten Big Five auskommt: Extraversion/Introversion, emotionale Belastbarkeit (auch „Neurotizismus“ genannt), Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit für Neues. Nach diesem Modell ist jede und jeder von uns also nicht einem bestimmten Typ zugeordnet, sondern wir alle haben unser individuelles Grundmuster dieser fünf Basismerkmale, unser „Persönlichkeitsprofil“. Also etwa: Auf einer Skala von null bis zehn bin ich ziemlich extravertiert, ein wenig weniger neurotisch als der Durchschnitt, leider nicht sonderlich gewissenhaft und so weiter. Teilt man die fünf Grundachsen nun noch einmal in jeweils sechs Unterachsen auf, erhält man ein feingezacktes Profil der eigenen Persönlichkeit: ganz schön differenziert – und ganz schön kompliziert!

Zwei Introvertierte können sich unterscheiden wie Tag und Nacht

Für den Hausgebrauch, aber auch für manche Forschungsfragestellungen ist dieses Modell eher unhandlich. Man fragt sich, über seiner individuellen Zickzacklinie der Persönlichkeit brütend: „Ja, was für ein Mensch bin ich denn nun?“ Wenn ich zum Beispiel weiß: „Ich bin introvertiert“, dann ist das eine wichtige Information, sagt mir aber noch wenig über meine Persönlichkeit insgesamt. Zwei introvertierte Menschen können sich, was den Rest ihrer Wesenszüge angeht, unterscheiden wie Tag und Nacht.

Typologien hingegen funktionieren anders. Sie versuchen tatsächlich, Menschen danach zu sortieren, wie ähnlich sie sich in ihrer Persönlichkeit sind, und zwar in ihrer gesamten Persönlichkeit, ihrem Profil. Wenn zwei Menschen demselben Typ angehören, dann ähneln sie sich nicht nur in einer bestimmten Eigenschaft, sondern sie ähneln sich als Ganzes. Mit dem typologischen Ansatz könnte „der Gedanke, dass Persönlichkeitszüge nicht isoliert voneinander betrachtet werden sollten“, in der Psychologie wieder neu belebt werden, schreiben Brent Donnellan und Richard Robins. Dieser Blickwinkel könnte Einsichten eröffnen, wie die Persönlichkeitszüge, die einen Typ ausmachen, im Menschen zusammenwirken, wie sie sich zu einem integrierten Ganzen vereinen. „Psychographie“ hatte der große deutsche Psychologe William Stern Anfang des 20. Jahrhunderts diese Fahndung nach dem Amalgam der Persönlichkeit genannt.

Dieser „personenzentrierte Zugang zur Persönlichkeit“ , so Donnellan und Robins, wurde in den letzten beiden Jahrzehnten „revitalisiert“. Seither gibt es „eine neue Generation von Forschungsarbeiten zu Typen“. Anders als ihre klassischen Vorgänger arbeiten die Typenforscher diesmal allerdings mit dem harten Methodenrepertoire der wissenschaftlichen Psychologie.

Und sie sind fündig geworden. Zuerst in Studien mit Kindern und Jugendlichen, später auch mit Erwachsenen, kristallisierte sich eine Art Minimalset von drei Persönlichkeitskategorien heraus. Immer wieder stießen Forschungsgruppen rund um den Globus auf diese drei „Cluster“ von psychischen Eigenschaften. Wir alle lassen uns demnach, unabhängig von unseren Stimmungen und Launen, ziemlich zuverlässig einem von drei Typen zuordnen: dem resilienten, dem überkontrollierten oder dem unterkontrollierten.

Resilienter Typ

Der Ausdruck „Resilienz“ beschreibt in der Psychologie eine Art seelische Widerstandskraft gegen die Zumutungen des Alltags: Resiliente Frauen und Männer lassen sich auch in schwierigen, unsicheren und konflikthaften Situationen und Lebenslagen nicht so leicht stressen und aus der Bahn werfen. Resiliente sind – jedenfalls in ihrem Idealtypus – eine Art Vorzeigepersönlichkeit. Sie verfügen über soziale Intelligenz und Alltagskompetenz. Schon in der Schule haben die meisten von ihnen gute Noten und viele Freunde und Kontakte. Sie sind selbstbewusst, ausgeglichen und friedlich, werden selten delinquent. Sie sind energisch und können sich gut steuern, haben sich im Griff. Sie leiden seltener als andere unter emotionalen Turbulenzen oder seelischen Problemen, ihre Psyche ist stabil. Im Persönlichkeitsschema der Big Five ausgedrückt, ist das Gros der resilienten Menschen eher extravertiert als introvertiert, dazu relativ verträglich, gewissenhaft und wenig neurotisch. Die meisten sind offen für Neues, also für Ideen und Anregungen, Kunst und Kultur – aber es gibt unter den Resilienten auch eher konservative Vertreter, die es vorziehen, sich in ihrem bestehenden Leben und ihren Überzeugungen einzurichten, statt alles immer wieder infrage zu stellen.

Überkontrollierter Typ

Überkontrollierte Menschen haben wenig Selbstvertrauen und versuchen daher ständig, bloß keine Fehler zu machen und keinerlei Angriffsflächen zu bieten. Von außen wirken sie vielleicht spröde und steif, doch dies ist nur der Ausdruck einer permanenten inneren Anspannung und Angst. Sie kommen sich zerbrechlich vor und sind wenig belastbar. Sie agieren übervorsichtig, gehemmt, betrachten neue Situationen mit Skepsis, fühlen sich rasch gestresst, wenn sie nicht auf vertraute Routinen zurückgreifen können. Läuft nicht alles nach Plan, überkommen sie leicht Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Als Kinder sind sie oft schüchtern, angepasst und brav, fressen Probleme in sich hinein. Die hervorstechenden Persönlichkeitszüge überkontrollierter Menschen sind Introvertiertheit, geringe emotionale Stabilität und geringe Offenheit für Neues. Auf der Skala „Gewissenhaftigkeit“ erreichen sie nur mittlere Werte – was auf den ersten Blick überrascht: Man sollte doch annehmen, dass Menschen, die sich immer im Griff zu haben versuchen, ziemlich selbstdiszipliniert, fleißig und ordentlich sind. Doch ihre Art von Selbstkontrolle ist nicht aktiv, sondern reaktiv, nicht zupackend und zielorientiert, sondern defensiv und unflexibel. Dies, so die Psychologin Nancy Eisenberg von der Arizona State University, ist nicht die Sorte motivierter Selbstkontrolle, die man braucht, um im Leben langfristige Ziele zu erreichen.

Unterkontrollierter Typ

Unterkontrollierte Kinder sind die Art von Schülern, vor denen Lehrerinnen und Lehrern schaudert. Sie sind alles andere als schüchtern, sehr lebhaft, erlebnishungrig und physisch aktiv, aber auch unbeherrscht, impulsiv, aggressiv, bisweilen feindselig. Sie stören den Unterricht, manche drangsalieren Mitschüler. Einige werden später mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Sich in andere Menschen und ihre Bedürfnisse hineinzuversetzen ist nicht ihre starke Seite. Lieber „externalisieren“ sie ihre Probleme, suchen Sündenböcke: die Eltern, den Lehrer, später vielleicht die arrogante Chefin. Die auffälligsten Persönlichkeitszüge von Menschen unterkontrollierten Typs sind mangelnde Verträglichkeit und mangelnde Gewissenhaftigkeit. Sie sind mithin unfreundlich und haben sich schlecht im Griff.

Das also sind die drei Container, in die sich die breite Vielfalt individueller Persönlichkeit sortieren lässt: drei Typen, mehr nicht. Wahrhaftig ein grobes Raster! Vielleicht liegt in dieser Sparsamkeit aber auch ein Vorteil: Das Schema ist einfach und erstaunlich robust. Eine Person, die zum Zeitpunkt x etwa als überkontrolliert typisiert wurde, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zwei Wochen, drei Monate oder sogar vier Jahre später noch immer in derselben Kategorie.

In einer 2006 veröffentlichten Studie stellten die Psychologen Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universität und Jaap Denissen von der Universität Tilburg fest, dass der Persönlichkeitstyp von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren Vorhersagen über deren Aggressivität im Alter von 22 Jahren ermöglichte. Mehr noch: Der Persönlichkeitstyp im Vorschulalter sagte mehr über die Aggressivität mit 22 aus als die Aggressivität im Alter von 17 Jahren! Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass mit 17 mehr oder weniger alle Jugendlichen aufmüpfig und aggressiv sind – das Merkmal ist in diesem Alter also so universell, dass es kaum differenziert, wer von den Jugendlichen nicht nur vorübergehend ein Problem mit Aggressionen hat.

Auch im internationalen Vergleich hat sich das Dreitypenschema bewährt. In verschiedenen westlichen Ländern, aber auch zum Beispiel auf den Philippinen: Wo immer Forscher Persönlichkeitsmuster nach ihrer Ähnlichkeit sortierten, kamen sie sehr häufig zu der Dreiteilung aus resilientem, über- und unterkontrolliertem Typ.

Spannend ist die Frage, woher die Unterschiede zwischen den drei Typen rühren. Warum hat eine Person eine resiliente, eine andere hingegen eine überkontrollierte Persönlichkeit?

Die Entwicklungspsychologin Lynne Cooper von der University of Missouri fand 1998 Hinweise, dass resiliente Jugendliche in ihrer frühen Kindheit eine sichere Bindung zu ihren Eltern entwickeln konnten. Unterkontrollierte Jugendliche hingegen seien ängstlich-ambivalent gebunden, während überkontrollierte oft einen vermeidenden Bindungsstil hätten. Denkbar wäre auch ein Wechselspiel von Genetik und Elternhaus: Bei einem Kind von ohnehin impulsivem Temperament könnte ein sprunghaftes und inkonsequentes elterliches Erziehungsverhalten dazu führen, dass der Sprössling sich zu einem unterkontrollierten Typ entwickelt: leicht ablenkbar, wenig ausdauernd, emotional aufbrausend.

Im Kindesalter jedenfalls sind die drei Persönlichkeitstypen bereits unterscheidbar. Ist der individuelle Typ damit für den Rest des Lebens in den Menschen eingraviert? Es stimmt, dass unsere Persönlichkeit über lange Zeiträume des Lebens sehr stabil ist. Das schließt Veränderungen jedoch nicht aus. Vor allem während des Übergangs von der Jugend zum Erwachsenenalter tut sich vergleichsweise viel: Menschen werden in diesem Alter meist gewissenhafter, also selbstdisziplinierter und leistungsorientierter, und zudem verträglicher im Umgang.

Doch verschieben sich in solchen Phasen nur einzelne Wesenszüge, oder betreffen die Veränderungen das Gesamtgefüge der Persönlichkeit? Tatsächlich ist es möglich, dass ein Mensch in seiner Jugend oder im frühen Erwachsenenalter den Typus wechselt, wie verschiedene Studien zeigten. Den Trend gibt dabei die zunehmende Reifung der Persönlichkeit in diesen Entwicklungsjahren vor: Die Zahl der resilienten, also relativ gefestigten jungen Menschen steigt mit fortlaufendem Alter, während die der Unter- und Überkontrollierten abnimmt.

Geht das bis zur Rente so weiter? Dieser Frage gingen Jule Specht von der Freien Universität Berlin (siehe Interview unten), Maike Luhmann, inzwischen an der Universität zu Köln, und Christian Geiser von der Utah State University in einer Studie mit zwei großen repräsentativen Stichproben in Deutschland und Australien nach. Insgesamt wurden mehr als 23 00 Teilnehmer im Alter zwischen 15 und 82 Jahren im Abstand von vier Jahren zweimal befragt. Die deutschen Probanden entstammten dem „Sozio-oekonomischen Panel“ (SOEP), einer fortlaufenden großen Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Im Herbst letzten Jahres wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Einmal mehr bestätigte die Datenanalyse die drei vertrauten Persönlichkeitstypen (wobei in Australien noch ein vierter Typus, der „Durchschnittstyp“ zutage trat). Die drei Typen fanden sich bei Frauen und Männern gleichermaßen, doch in ihrer Häufigkeit zeigten sich interessante Geschlechtsunterschiede.

Es ist ja bekannt, dass Frauen laut Krankenstatistiken häufiger als Männer unter Depressionen und Ängsten leiden. Von daher wäre also zu erwarten, dass Männer häufiger beim resilienten, stressresistenten Typ, Frauen hingegen beim überkontrollierten Typ vertreten sind. Tatsächlich aber fielen in Deutschland prozentual etwa gleich viele Frauen und Männer in die Kategorie der Überkontrollierten: 14 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen im Alter unter 30 Jahren, und jeweils etwa ein Drittel der Männer und Frauen in mittleren Lebensjahren sowie im fortgeschrittenen Alter. Und was den resilienten Typ angeht, erwiesen sich sowohl in Deutschland als auch in Australien die Frauen mitnichten als das labilere, sondern als das stärkere Geschlecht. Im Alter unter 30 fielen in Deutschland 41 Prozent der Männer, aber 51 Prozent der Frauen auf den resilienten Typ, im Alter zwischen 30 und 60 waren es 49 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen.

Beim unterkontrollierten, aggressiven Typ waren erwartungsgemäß die Männer tendenziell stärker vertreten – doch in der deutschen Stichprobe fiel dieser Geschlechtsunterschied wiederum kaum ins Gewicht. Das Klischee von den unbeherrschten Männern und den ängstlichen Frauen wurde also nicht bestätigt.

Im Alter ändern manche Menschen ihren Persönlichkeitstyp

Was die Entwicklung der Persönlichkeit angeht, setzt sich im jungen Erwachsenenalter der schon in der Jugend beginnende Trend vom unterkontrollierten zum resilienten Typ fort. „Etwa 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland haben eine unterkontrollierte Persönlichkeit“, sagt Jule Specht. „Ab einem Alter von etwa 30 Jahren reifen aber viele dieser jungen Rebellen zu resilienten Persönlichkeiten heran.“ Im mittleren Alter zählen nur noch etwa 20 Prozent der Deutschen zum unterkontrollierten Typ, während dann rund die Hälfte der Bevölkerung dem resilienten Typ angehört, also denen, die ihr Leben im Großen und Ganzen gut meistern.

Leider eher umgekehrt ist die Entwicklung, was den überkontrollierten Typ angeht, also Menschen, die sich ängstlich im Griff zu haben versuchen und Unvertrautes eher als Bedrohung denn als Herausforderung empfinden. In jungen Jahren bis 30 fällt nur etwa jeder siebte Mann und jede achte Frau auf diesen defensiven Typ. Der Anteil steigt dann aber in mittleren Jahren bei beiden Geschlechtern deutlich bis auf knapp ein Drittel an und bleibt dann bis ins Alter in etwa auf diesem Niveau. Die Zumutungen und Unsicherheiten des (Erwerbs-)Lebens hinterlassen bei manchen im Alter ab 30 wohl doch ihre Spuren, und die Unbekümmertheit der jungen Jahre schwindet dahin: Man wird vorsichtiger, zurückhaltender, besorgter.

In der langen Mittagszeit des Lebens, zwischen 30 und 60 Jahren, verändert sich nur bei wenigen Menschen Grundsätzliches in ihrer Persönlichkeit. Im Alter aber kommt bei manchen noch einmal einiges in Bewegung. Bis zu ein Viertel der Teilnehmer änderten ab 70 Jahren noch einmal ihren Persönlichkeitstyp. „Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster“, erläutert Jule Specht. Vielmehr beobachteten sie und ihre beiden Mitforscher eine große Bandbreite von Persönlichkeitsveränderungen. Warum das so ist, bleibt einstweilen offen. Jedenfalls scheinen naheliegende Gründe wie der Renteneintritt oder die nachlassende Gesundheit im Alter „eine überraschend kleine Rolle zu spielen“, so Specht.

Betrachtet man sämtliche Altersgruppen, so blieben die allermeisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrem Persönlichkeitstyp treu – zumindest während der vier Beobachtungsjahre. Wahrscheinlich wechseln viele, möglicherweise sogar die meisten Menschen über ihr gesamtes Erwachsenenleben hinweg nicht ihren Typ.

So wie ja auch Fester, der sympathische Unterkontrollierte aus der Addams Family, nach einer fiesen, folgenreichen Identitätskrise am Schluss des Films doch noch in die Spur seiner Persönlichkeit zurückfindet – allerdings erst, nachdem ihm Schwägerin Morticia gehörig ins Gewissen geredet hat: „Ich frage dich, Fester, welches ist dein wahres Ich? Das widerliche, hinterhältige Monster, das du geworden bist, oder das widerliche, hinterhältige Monster, das wir so geliebt haben?“

Literatur

  • M. Brent Donnellan, Richard W. Robins: Resilient, overcontrolled, and undercontrolled personality types: issues and controver­sies. Social and Personality Psychology Compass, 4/11, 2010, 1070–1083
  • Guido Alessandri u. .: On the cross-cultural replicability of the resilient, undercontrolled, and overcontrolled personality types. Journal of Personality, 82/4, 2014, 340–353
  • Jule Specht, Maike Luhmann, Christian Geiser: On the consistency of personality types across adulthood: Latent profile analyses in two large-scale panel studies. Journal of Personality and Social Psychology, 107/3, 2014, 540–556
  • Thomas Saum-Aldehoff: Big Five. Sich selbst und andere erkennen. Patmos, Ostfildern 2012 (2. Auflage)

„Ich selbst habe mich sehr verändert“

Jule Specht über Kontinuität und Wandel der Persönlichkeit über das Leben hinweg

Beim Kauf einer Hose würde uns die Auswahl unter nur drei Konfektionsgrößen kaum zufriedenstellen. Wie sollen drei Persönlichkeitstypen die ganze Vielfalt der Unterschiede zwischen uns Menschen beschreiben?

Drei Persönlichkeitstypen erlauben tatsächlich nur eine sehr grobe Einschätzung einer Person, sie sind aber dennoch überraschend informativ, wenn es darum geht, Vorhersagen über das Leben und die Entwicklung von Menschen zu treffen. Möchten wir eine Person umfassend beschreiben, dann brauchen wir aber deutlich mehr Subtypen, also Untergruppen der drei großen Persönlichkeitstypen.

Wie sehen Sie das: Sind die drei Persönlichkeitstypen etwas Naturgegebenes? Werden wir in einen bestimmten Typ hineingeboren?

Die Persönlichkeit ist nicht naturgegeben im Sinne von angeboren und unveränderlich, weder wenn wir sie aus der Perspektive der Persönlichkeitstypen betrachten, noch wenn wir uns Persönlichkeitsfaktoren wie die klassischen Big Five ansehen. Es scheint eher so zu sein, dass unsere Persönlichkeit zwar einen genetischen Ursprung hat, sich aber abhängig davon entwickelt, welche Erfahrungen wir machen – und zwar nicht nur, welche Erfahrungen wir als Kind machen, sondern auch, was wir im späteren Lebensverlauf erleben.

Im Alter wechseln manche Menschen noch einmal den Persönlichkeitstyp. Einige werden eher resilient, andere hingegen überkontrolliert und defensiv. Warum entwickelt sich die eine so und der andere so?

Wir haben dazu noch keine abschließende Antwort. Es kann sein, dass die Herausforderungen im hohen Alter sehr unterschiedlich sind und sich Menschen deshalb auch unterschiedlich entwickeln, um ihre individuellen Herausforderungen gut meistern zu können. Es kann auch sein, dass sich nur einige ältere Menschen neuen Herausforderungen anpassen und es anderen Menschen an körperlichen oder emotionalen Ressourcen fehlt, um sich anzupassen. Manchmal kann es ja viel Kraft kosten, in einer ärgerlichen Situation die Ruhe zu bewahren oder sich nach einem Streit zu vertragen. Und das wird nicht unbedingt einfacher, wenn eine Person aufgrund ihres Alters schon mit vielen Dingen belastet ist, sodass sie dann ihren Ärger vielleicht eher rauslässt oder das Vertragen vertagt, also zu einem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp wird.

Im Rückblick kommt es uns so vor, als seien wir heute derselbe Mensch, der wir schon vor 20 oder mehr Jahren waren. Ist das eine Illusion?

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob sich viele Menschen noch als den Menschen sehen, der sie vor 20 Jahren waren. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, dann hat sich in meiner Persönlichkeit allerhand verändert. Andererseits ist an dem Eindruck, dass wir schon immer so waren, wie wir jetzt sind, ein wahrer Kern dran, denn viele Eigenschaften bleiben erstaunlich stabil. Wer aber tatsächlich glaubt, über Jahrzehnte hinweg exakt derselbe Mensch geblieben zu sein, der unterliegt vermutlich wirklich einer Illusion. Oder er zählt zu den ganz großen Ausnahmen.

Interview: Thomas Saum-Aldehoff

Jule Specht ist Psychologieprofessorin an der Freien Universität Berlin – und nebenher Bloggerin auf unserer Website: http://blog.psychologie-heute.de/author/jule-specht/

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2015: Gemeinsam glücklich
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