Die langen Nächte ohne Schlaf

In ihrer Kolumne macht sich Schriftstellerin Mariany Leky diesmal auf, die Schlaflosigkeit zu ergründen.

Schäfchen zählen – hilft das beim Einschlafen? Oder sollten wir lieber alle schlaflosen Nächte zählen? © Elke Ehninger

Die Nächte, in denen wir nicht schliefen

Als ich heute Morgen die Wohnungstür öffne, höre ich von unten schwere und langsame Schritte auf der Treppe. Da kommt jemand Altes, denke ich. Es ist dann aber Frau Wiese. Frau Wiese wohnt einen Stock über mir und sieht dieser Tage aus wie ein Pirat, weil sie wegen einer Augensache eine Klappe im Gesicht trägt.

Heute sieht sie aus wie ein betagter Pirat, dabei ist Frau Wiese um die vierzig. „Schlecht geschlafen?“, frage ich. „Überhaupt nicht geschlafen“, sagt Frau Wiese. Ich sage, das sei ja kein Wunder bei dem Auge. „Nein“, sagt Frau Wiese, „das tut gar nicht mehr weh. Ich habe einfach so kein bisschen geschlafen.“

Frau Wiese und ich sind Expertinnen in Schlaflosigkeit. Wohlgemerkt: in, nicht für. Wir setzen uns auf den Treppenabsatz und fachsimpeln. Wegen der akuten Schlaflosigkeit fachsimpelt Frau Wiese eher einsilbig.

Frau Wiese hat letzte Nacht alle Phasen der Schlaflosigkeit vorbildlich hinter sich gebracht. Als Erstes hat sie die Augen geschlossen. Keine schlechte Idee, wenn man einschlafen möchte, und eine recht anspruchslose Aufgabe, wenn das eine Auge sowieso schon zu ist.

Langweilige Bücher lesen - hilft das?

Frau Wiese hat ihr Auge allerdings schnell wieder geöffnet, weil ihre Gedanken leider an Schlaf nicht dachten, und putzmuntere Gedanken toben sich hinter geschlossenen Lidern besonders gerne aus. Also hat Frau Wiese versucht, sich müde zu lesen. Das, überlegen wir, geht vermutlich am besten mit Büchern, die einen kein bisschen interessieren, und solche hat man selten im Haus. Für den Fall von Schlaflosigkeit sollte man immer Lektüre zu Themen auf dem Nachttisch haben, die man irrsinnig langweilig findet. „Was wäre das in Ihrem Fall?“, fragt mich Frau Wiese, und ich sage: „Guppys und Tiefbau.“

Frau Wiese hat versucht, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, was aber leider meistens zu Atemnot führt, genauso wie man anfängt zu stolpern, wenn man sich bewusst aufs Gehen konzentrieren soll. In ihrer Not hat Frau Wiese sich sogar dazu hinreißen lassen, Schafe zu zählen, was ja nun wirklich noch nie funktioniert hat, weder bei Frau Wiese noch bei mir. Schon als Kind sprangen vor meinem geistigen Auge keine wolligen Lämmer über einen Zaun. Da standen alte, abgebrühte Schafsböcke auf meiner geistigen Wiese, die sich von einem innerlich gesäuselten „Hopp“ so gar nicht beeindrucken ließen. „Da musst du schon früher aufstehen“, blökten die Schafsböcke, und ihr Lachen klang wie Raucherhusten.

Die nächste Phase ist die, in der man beginnt, sich aus purer Missgunst über die zu ärgern, die um einen herum schlafen. Frau Wieses Mann, der sich bislang als große Liebe hervorgetan hatte, manövrierte sich mit jedem seiner entspannt schlafenden Atemzüge weiter in Richtung mittlere Liebe. Einfach weil er so angeberisch schlief. Sogar die Katze, die zusammengerollt am Fußende von Frau Wieses Bett lag, rieb ihr mit ihrem virtuosen Schlummern das eigene Schlafversagen ins Gesicht.

Sorgen, Sorgen, Sorgen 

Die unangenehmste Phase, auch da sind Frau Wiese und ich uns einig, ist die, in der die Sorgen zuschlagen. Sorgen haben in durchwachten Nächten bekanntlich sehr, sehr leichtes Spiel, wie Halbstarke, die auf dem Schulhof einen Zweitklässler vermöbeln. Bei Übermüdung kommt einem die Verhältnismäßigkeit abhanden: Alles ist plötzlich gleich furchtbar, die Weltlage genauso wie die unbeglichene Rechnung der GEZ.

Überhaupt: Mahnungen. In schlaflosen Nächten wimmelt es von Mahnungen, sie segeln von oben aufs Bett herunter und sind ohne Unterschrift gültig. Leider haben Sie trotz mehrfacher Aufforderung die Muskelaufbauübungen für den unteren Rücken erneut nicht gemacht. Leider haben Sie es zum wiederholten Mal versäumt, Ihre unglückliche Tante Traudl zurückzurufen. Leider mussten wir feststellen, dass Sie trotz zahlloser Aufforderungen das Rauchen immer noch nicht drangegeben haben. Leider haben Sie es trotz mehrfacher Mahnungen versäumt, nicht alles falsch zu machen.

Irgendwann in der Nacht stand Frau Wiese auf, mit lauter Mahnungen in den Haaren, setzte sich an den Küchentisch und starrte einäugig auf den Tropfen, der am Wasserhahn hing und sich trotz des ausgiebigen Starrens nicht bewegen wollte. Vermutlich, weil er schlief.

Letzte Phase: die Resignation

Sie legte den Kopf auf die Tischplatte. Der Morgen war da. Ein ausgeruhter Bauarbeiter schmiss seinen Presslufthammer an und ein Vogel sein Lied. Letzte Phase: dumpfe Resignation.

Frau Wiese lehnt den Kopf an die Hausflurwand, ich lehne meinen ans Treppengeländer. Wir sitzen da wie zwei windschiefe Eulen.

Wir beschließen, uns bei der nächsten Schlaflosigkeit nicht mit dem Zählen von bockigen Schafen und Atemzügen abzugeben. Wir beschließen, das nächste Mal alle Nächte zu zählen, in denen wir nicht schlafen konnten. In jeweils über vierzig Lebensjahren ergibt das eine stattliche Herde. Wir werden uns die Betten in Erinnerung rufen, in denen wir wach lagen. Wir werden uns daran erinnern, warum wir nicht schliefen. Wir schliefen scheinbar grundlos nicht, wir schliefen wegen Prüfungen nicht, die bestanden oder versemmelt wurden, wir schliefen nicht, weil es zu laut war oder zu leise, zu heiß oder zu kalt, wir schliefen nicht, weil große Lieben im Anflug oder auf dem Absprung waren, große Lieben vor langer Zeit, die jetzt bestimmt schlafen, wir schliefen nicht wegen der Weltlage, wegen des unteren Rückens oder wegen Randale im Oberstübchen, wegen all der auf uns heruntersegelnden Mahnungen, wir schliefen nicht in Ermangelung von Guppys und Tiefbau.

All die Nächte werden wir vorbeiziehen lassen, und darüber werden wir bestimmt verlässlich einschlafen. Wir werden Expertinnen in Schlaf sein. Wir werden alles an die Wand schlafen.

Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestsellerlisten. In Psychologie Heute schreibt sie jeden Monat darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt. Mit psychologischen ­Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn Psychoanalytiker

Illustration zeigt eine Frau beim Schäfchenzählen
Frau mit Schafen

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2018: Alles zu meiner Zeit
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