Anstrengend echt

Konsequent authentisch leben, ist eine beständige Herausforderung, meint Stephen Joseph in seinem neuen Buch.

Anstrengend echt

Konsequent authentisch zu leben ist eine beständige ­Herausforderung, die sich lohnt, meint Stephen Joseph

Echtheit, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, so übersetzt der Duden „Authentizität“. Im Mittelalter kam noch die juristische Komponente des Siegels hinzu: Authentisch war das Verbürgte, Besiegelte. Auch heute genießt, wer als authentisch wahrgenommen wird, im Allgemeinen Wertschätzung bei seinen Mitmenschen. Und nicht nur das: „Wer authentisch lebt, lebt glücklicher.“ Das ist die Grundüberzeugung von Stephen Joseph, der in Authentizität. Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben ein Programm formuliert, mittels dessen Authentizität zu erlangen sei – quasi eine Art Königsweg zum erfüllten Leben.

„Erkenne dich selbst + Steh zu dir selbst + Sei ganz du selbst = authentisches Leben“ lautet denn auch die Glücksformel bei Stephen Joseph. Das klingt unspektakulär, für manche vielleicht sogar banal. Wer aber je versucht hat, diese Grundsätze konsequent umzusetzen, weiß, wie verteufelt schwer es ist. Weil viele Menschen, oft schon früh, aus unterschiedlichen Gründen gelernt haben, ihre Handlungen, Bewertungen und Entscheidungen an anderen Menschen und Instanzen auszurichten. Ihre eigenen, wirklichen Bedürfnisse und Wahrheiten haben sie zunehmend aus dem Blick verloren und verlernt, ihrer Intuition zu folgen. Mehr noch: Durch Abwehrmechanismen wie Rationalisierung, Verleugnung, Verdrängung boykottieren sie ihre eigenen Bedürfnisse und Impulse, merken nicht mal, dass sie ein fremdbestimmtes Leben führen. Doch sie spüren Freudlosigkeit, Sinnlosigkeit, Leere, Lähmung – in sich selbst wie auch in ihren Beziehungen.

Lebenslanger Prozess

Hinweise, Ratgeber und philosophische Ideen, wie man dem entgegenwirken könnte, gibt es inzwischen viele. Stephen Josephs Beschreibung dessen, was ein authentisches Leben kennzeichnet und bei denjenigen bewirkt, die es praktizieren, ähnelt in vielen Punkten zum Beispiel dem, was bei anderen Autoren unter den Stichworten Selbstliebe beziehungsweise Selbstfürsorge firmiert. Durch seinen praxisnahen, fern von spirituellen Konzepten angesiedelten Ansatz ist Josephs Buch vermutlich vor allem für jene Leser interessant, die sich neu auf den Weg machen und dabei Anregungen und Orientierung suchen. So vermitteln Fallgeschichten und Übungen konkret, wie wir unsere jeweiligen Abwehrmechanismen erkennen und außer Kraft setzen und so unseren verschütteten Bedürfnissen und Impulsen zur Entfaltung verhelfen können.

Dabei weist der Autor immer wieder darauf hin, dass authentisch zu leben nicht etwa ein Zustand ist, in dem wir uns, haben wir ihn einmal erreicht, einrichten können – sondern die Entscheidung für einen lebenslangen Prozess, der für jeden Menschen anders aussieht. Das bedeutet mitunter Verzicht auf Anpassung, Kontrolle, Konzepte, perfektionistische Selbstbilder, auch auf Erfolge, die wir gegen uns selbst und die eigenen Impulse durchgesetzt haben. Authentisch zu leben ist mithin eine beständige, aber auch belebende Herausforderung, die anzunehmen sich – daran lässt Joseph keinen Zweifel – unbedingt lohnt.

Stephen Joseph: Authentizität. Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben. Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl. Kailash, München 2017, 316 S., € 20,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2018: Geschwister
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