Aufräumen vor dem Ende

Rezension des Buchs „Frau Magnussens Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“ von Margareta Magnusson.

Aufräumen vor dem Ende

Margareta Magnusson plädiert dafür, sich mit Blick auf die eigene Vergänglichkeit frühzeitig von Überflüssigem zu trennen

Wie man sich von Krempel befreit, Ordnung schafft und sein Leben vereinfacht: Dazu scheint eigentlich alles gesagt. Übervoll ist der Markt an Ratgebern. Die Überflussgesellschaft hat große Sehnsucht danach abzuspecken: Gewicht soll weg, Ballast muss schwinden. Man könnte das kleine, freundliche Buch Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen also getrost abtun. Aber die Schwedin Margareta Magnusson wagt eine andere, eigenwillige Perspektive, die durchaus Aufmerksamkeit verdient. Sie erzählt vom Döstädning, wobei dö sterben heißt und städning so viel wie Hausputz.

Wer einmal die Wohnung eines Verstorbenen ausgeräumt hat, weiß, wovon die Autorin spricht. Verkaufen, verschenken, verschrotten? Das Ausmisten ist schmerzlich, es dauert ewig. Eine Last, die Magnusson den Angehörigen ersparen möchte. Darum ruft sie Menschen ab 65 dazu auf, sich von überflüssigem Kram zu befreien, und ermuntert die Jungen, den Älteren dabei auf die Sprünge zu helfen.

So ein Buch darf natürlich nur schreiben, wer selbst alt ist. Ganz damenhaft verrät Magnusson bloß, dass sie zwischen 80 und 100 Jahre alt sei. Eine Künstlerin, Mutter von fünf Kindern. Mehrmals hat sie Haushalte ausmisten müssen, zuletzt war der eigene dran. Inzwischen wohnt Magnusson in einem Appartement in Stockholm. Ein langes, prallvolles Leben liegt hinter ihr, Kindergeschrei im Haus, Einladungen, Sommerabende im Garten. Traurig, dass all das nicht mehr ist! Aber darum an Gegenständen festhalten, die nichts mehr taugen?

Das Emotionalste am Schluss

Margareta Magnusson empfiehlt: Man nehme sich viel Zeit fürs Ausräumen, beginne zum Beispiel mit den Kleidern. Das Emotionalste, also Fotos und Briefe, bewahre man bis zum Schluss auf. Alles wird noch mal bewusst in die Hand genommen, betrachtet, vergegenwärtigt. Und dann: Nichts wie weg damit!

Ihre Tipps verstehen sich im Grunde von selbst. Aber Magnussons Buch ist auch ein Gesprächsangebot über das Vergehen von Zeit, über das Erinnern und den Tod. Frisch kommt es daher, in dem schlichten, unverkünstelten Ton schwedischer Autoren.

Aber hat die Autorin auch recht? Tut es wirklich in jeder Lebensphase gut, sich von Dingen zu trennen, die einem wert und teuer sind? Bestimmt kann Döstädning Altern und Abschiednehmen erleichtern. Als moralischer Anspruch allerdings – und manchmal klingt Magnussons Buch genau danach – ist es verfehlt. Denn gerade im Alter, wenn sich Verlust an Verlust reiht, ist es häufig die Beständigkeit der Dinge, die Sicherheit gibt, Halt und Identität. Der Königsweg guten Alterns und Sterbens ist mit Döstädning nicht beschritten – weil es den einen Weg für alle bekanntlich nicht gibt.

Macht Döstädning nur, wenn ihr es wirklich wollt, möchte man den Leserinnen und Lesern zurufen. Und wenn ihr es nicht wollt, lasst es bleiben. Klar: Wir werden es mit all dem übriggebliebenen Krempel nicht leicht haben. Abschiednehmen ist schwer. Die Trauer manchmal unerträglich. Aber auch das gehört nun mal zum Leben dazu: dass man sich einander bis in den Tod hinein zumuten darf.

Margareta Magnusson: Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen. Aus dem Englischen von Rita Seuß. S. Fischer, Frankfurt 2018, 160 S., € 18,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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