Eine kapitale Unrast

Unsere Kolumnistin bittet eine Steuerberaterin auf dem Bahnhofsklo ihr zu erklären, wie man Rouge aufträgt.

Die Illustration zeigt eine Frau, die sich hastig auf einer Bahnhofstoilette, dabei in einem Koffer stehend, umkleidet.
Umziehen auf der Bahnhofstoilette – geht das einigermaßen würdevoll? Und läuft das unter „Unannehmlichkeit“? © Elke Ehninger

Eines meiner Lieblingswörter ist „Unannehmlichkeit“. Obwohl es ja wortwörtlich etwas meint, das zu groß ist, um es einfach an- oder hinnehmen zu können, wird es heute vor allem als Bezeichnung für Kinkerlitzchen benutzt: Eine Unannehmlichkeit hat zum Beispiel eine Hochadlige, wenn sie damit klarkommen muss, dass man ihr zum Frühstück die falsche Konfitüre kredenzt hat.

Wenn die Deutsche Bahn Verspätung hat, entschuldigt sie sich bei den Reisenden stets standardmäßig für „die entstandenen Unannehmlichkeiten“ und suggeriert damit, dass sie statt Schwierigkeiten bloß Geringfügigkeiten hat entstehen lassen. Ich fahre derzeit oft mit der Bahn, und meine standardmäßige Unannehmlichkeit ist, dass ich es bei Bahnverspätungen vor Veranstaltungen nicht mehr ins Hotel schaffe und mich auf dem Bahnhofsklo umziehe. Mittlerweile habe ich Übung darin: Ich weiß, wie ich den Koffer in der Kabine positionieren muss, ohne dass beim Öffnen das Klo im Weg ist, ich kann, auf Strümpfen im Koffer stehend, mittlerweile sogar recht würdevoll Hosen wechseln, und ich habe gelernt, dass man beim Umziehen auf Bahnhofstoiletten konsequent und von Anfang an durch den Mund atmen muss.

In der Kabine nebenan pinkelt eine Steuerberaterin

Heute ist es etwas anders. Heute ist einer der Tage, die von früh bis spät an einem herumnörgeln. Einer der Tage, in deren Augen man alles Mögliche nicht schnell und nicht gut genug macht – und das geheime Wissen, dass es gar nicht der Tag ist, der herumnörgelt, sondern man das ganze Genöle...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2019: Konzentration finden
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