Bilder der Kindheit

Erinnerungen – obwohl sie uns so lebendig vorkommen, sind diese Erlebnisse oft mehr Fiktion als Realität. Ein Schatz sind sie gleichwohl.

Die Illustration zeigt ein junges Mädchen, die auf einer Treppe vor einem Haus steht und Kindheitserinnerungen zeigt
Zwischen Fiktion und Realität sind Kindheitserinnerungen ein wertvoller Schatz. © Luisa Stömer

Es war ein wundervoller Abend im Spätsommer. Die ungemähte Wiese duftete nach Alpenblumen, in der Ferne war das alte Bauernhaus und dahinter im Gegenlicht die Bergkette der Karnischen Alpen zu sehen. Das Kind lief über die Wiese, die langen Gräser fast bis zur Hüfte, es zirpte überall. Da vorne war das Kälbchen, es stand wacklig auf viel zu dünnen Beinchen am Ende der Wiese, gerade mal sechs Stunden alt. Der Bauer nahm das kleine Kind an die Hand. „Wie willst du es denn nennen?“ „Willi.“ Der Bauer lachte. „Dann gehört Willi jetzt dir!“ Glücklich rannte das Kind zu seinen Eltern zurück. Hoffentlich würde dieser Urlaub niemals enden!

An diese Kindheitserinnerung denkt die Autorin gern zurück. Bis heute fährt sie oft in die Berge und sie hat die Geschichte von Willi dem Kälbchen auf den langen Autofahrten immer wieder den eigenen Kindern erzählt. Gemeinsam haben sie spekuliert, ob aus Willi wohl ein stattlicher Bulle, ein zahmer Ochse oder – schluck – ein Kalbsbraten geworden ist.

Doch nun ist Schluss mit der Geschichte. Denn sie stimmt überhaupt nicht: Autobiografische Recherchen haben ergeben, dass sie sich nie so ereignet haben kann. Denn die Autorin war erst knapp drei Jahre alt, als sie Urlaub in Österreich machte, und damit noch viel zu klein, um sich detailreich an diese Szene erinnern zu können. Wie Fotos bezeugen, gab es auf dem Bauernhof in Kärnten auch nur Schafe. Doch ein Kälbchen durfte sie wirklich taufen, Jahre später, im Urlaub an der Nordsee. Irgendwie haben sie also zusammengefunden, die Fotos aus dem Alpenurlaub, die Erinnerung an den Duft von Bergwiesen und das Kälbchen vom Deich.

Charakter von Rekonstruktionen

Unsere Erinnerungen an frühe Kindertage sind äußerst wertvoll. Immer wieder holen wir sie heraus, schauen sie an, erzählen sie weiter. Sie sind ein Teil dessen, wer wir sind. Doch obwohl uns diese erinnerten Momente so real vorkommen, sind sie doch zu...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2020: Bilder der Kindheit
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