Von etwas der Staub

Der Alltag ist voller Fallstricke, überall lauert der Wahnsinn. In ihrem Essay schildert Terézia Mora die Kunst der Bewältigung mithilfe: der Kunst!

Die Autorin Terézia Mora
An jeder Ecke drohen Katastrophen, überall lauert der Wahnsinn. Für Terézia Mora sind das nicht bloß Metaphern. © Antje Berghäuser

„Das Leben ist eine missliche Sache, ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.“ Arthur Schopenhauer

Neulich habe ich mich in einem Interview entblößt. Nicht schlimm, nur wie folgt:

Der Interviewer fragte sinngemäß, warum es die Figuren in meinen Romanen und Erzählungen immer so schwer hätten.

Worauf ich, sinngemäß: Weil allein schon zum Supermarkt zu gehen einer Polarexpedition gleichkommt.

Worauf er: mich vollkommen verständnislos ansah.

Was hast du getan? Hättest du lieber „ein Abenteuer“ gesagt, das ist neutral, respektive für ihn, vermutlich, etwas Positives. Aber so hast du dich verraten, dass du nämlich fin­dest, dass das Alltägliche schwer ist, während es für ihn…, wir wissen nicht, was es für ihn ist, jedenfalls nichts, was er mit einer Expedition vergleichen würde. Meine Figuren sind also womöglich tatsächlich anders, während ich dachte, ich beschriebe in ihnen etwas Durchschnittliches, sozusagen Normales. Dass dieses Durchwursteln, bei dem wir sie beobachten, „das Leben, wie es nun einmal ist“, sei.

Da wir nur zu zweit waren, blieb mir nach dieser Begegnung nur anzunehmen: Entweder ist er die Abweichung oder ich bin sie. Oder wir beide sind sie, aber wir hatten keine Dritte, keinen Dritten als Referenzpunkt dabei, um das weiter ausloten zu können. Aber es geht hier nicht darum, herauszufinden, was „normal“ ist. Reden wir darüber, sprechen wir es an und aus, was den grundsätzlichen Unterschied zwischen ihm und mir beim Gang zum Supermarkt oder vielleicht sogar generell ausmacht: dass er sich scheinbar keine Gedanken macht, was alles (leider meist: Negatives) geschehen könnte, und ich mir schon.

Ontologische Besorgtheit

Wer Diagnosen mag, könnte das schon eine Angststörung nennen, wer eher philosophisch veranlagt ist, könnte von einer ontologischen Besorgtheit sprechen – als Gegensatz zum von Péter Esterházy oft zitierten „ontologischen Frohsinn“. Letzterem liegt ein…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2021: Selbstwert wagen
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