Frau Wiese schließt eine Lücke

Einen Menschen zu treffen, von dem man nicht wusste, dass man ihn sein Leben lang gesucht hat – davon erzählt unsere Kolumnistin Mariana Leky

Die Illustration zeigt zwei Frauenköpfe, in der Natur
Da spazierte Frau Wiese durch den Wald, um wieder mal über irgendetwas nachzudenken, ein Für und Wider abzuwägen. © Elke Ehninger

Ich sitze mit meiner Nachbarin Frau Wiese im Auto, wir fahren in den Wald. Frau Wiese will mir jemanden vorstellen, und wenn ich nicht wüsste, dass sie sehr glücklich liiert ist, könnte ich meinen, sie wolle mir eine neue große Liebe zeigen. „Kennen Sie das“, fragt sie mich, während sie ziemlich schnell die Landstraße herunterbrettert, „man sieht jemanden und weiß sofort, dass er einem immer gefehlt hat? Obwohl einem das gar nicht aufgefallen ist?“

Ich kenne das, glücklicherweise. Solche Begegnungen lassen mich immer wenigstens kurzfristig an Seelenwanderung glauben. Man begegnet jemandem und ahnt, dass man schon mal gemeinsam einem Unglück entgangen oder schon mal in einer Familie aufgewachsen ist. „Da bist du ja wieder“, denkt man, „endlich“, obwohl man gar nicht wusste, dass man das ganze aktuelle Leben lang nach dieser Person gesucht hat – man merkt es erst in dem Moment, in dem man sie findet.

Frau Wiese geht das mit Kriel so. Kriel heißt wirklich Kriel mit Vornamen, ich habe mehrfach nachgefragt und Frau Wiese auch, Kriel heißt ­Kriel wie ein Kölner Stadtteil. Es ist ein paar Wochen her, da spazierte Frau Wiese durch den Wald, um wieder mal über irgendetwas nachzudenken, ein Für und Wider abzuwägen. Frau Wiese meint irrigerweise, es helfe, immer wieder Fürs und Widers gegeneinander antreten zu lassen, sie hofft, dass dann irgendwann das Für oder das Wider erschöpft aus der Arena getragen wird und man mit einer ganz zweifellosen Entscheidung dastehen kann. Plötzlich kam Frau Wiese auf dem Waldweg jemand entgegen, eine Frau mit einem Jagdhund an der Leine, einer Sprühdose in der Hand – und knapp über der Schulter der Frau, so sah es Frau Wiese vor ihrem geistigen Auge, schwebte ein zweifelloses Für.

Das Schweigen war wie ein Anlauf

Frau Wiese, die nur selten etwas sofort weiß, wusste sofort, dass sie Kriel gefunden hatte, ohne sie zu suchen. „Da bist du ja endlich“, dachte Frau Wiese, als Kriel auf sie zukam, und deshalb war es unmöglich, wie herkömmliche Spaziergänger knapp…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2021: Menschen verstehen wie die Profis
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