Antidepressivum mit zwei Rädern

Nur noch mit dem Fahrrad: Psychologe und Psychotherapeut Martin Junghöfer hat sein Auto verkauft. Was denkt er über Verkehrspsychologie?

Die Illustration zeigt rote Fahrradfahrer auf einer Straße
Wie reagieren Sie, wenn Sie zu knapp überholt werden? Ich brülle! © Getty Images/Filo/4x6/Aarrows

Herr Junghöfer, in einer Studie aus Neuseeland haben Befragte Radfahren als ein zutiefst sinnliches Erlebnis beschrieben. Trifft es das?

Ja, absolut. Beim Radfahren fühlen Sie die Sonne auf der Haut und den Wind im Gesicht, Sie riechen die feuchte Luft und sehen die leuchtenden Farben der Blumen am Wegesrand. Indem Sie sich bewegen, spüren Sie zudem sich selbst und Ihren Körper. Das ist tatsächlich sehr sinnlich. Für mich selbst kann ich sagen: Auf dem Rad merke ich, dass ich lebe. Und zwar so intensiv wie niemals sonst, außer vielleicht beim Orgasmus. Beim Autofahren hatte ich das nie.

Warum nicht?

Zunächst einmal sitzen Sie im Auto wie zu Hause im Wohnzimmersessel: In Ihrer direkten Umgebung ändert sich nicht viel. Und von dem, was jenseits der Windschutzscheibe passiert, bekommen Sie auch kaum etwas mit. Das betrifft nicht nur Geräusche und Gerüche, selbst wirklich viel sehen können Sie hinter dem Steuer nicht. Einerseits weil Sie dazu zu schnell sind, andererseits weil Sie gezwungen sind, auf die Straße zu achten.

Beim Fahrradfahren werden Sie dagegen ständig mit neuen Eindrücken konfrontiert. Und gerade das macht den Reiz aus. Denn intensive sinnliche Wahrnehmung setzt voraus, dass sich etwas um Sie herum verändert.

Das Zufußgehen ist übrigens auch nicht mit dem Radfahren zu vergleichen. Denn beim Stehen und Gehen lastet das komplette Gewicht auf den Gelenken. Auf dem Sattel sind die Gelenke deutlich entlastet, fast wie beim Schwimmen. Hinzu kommt: Wenn Sie beim Gehen die Energiezufuhr unterbrechen,…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2022: Das Leben leicht machen
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