Der Ex-Faktor

Vergangene Partnerschaften beeinflussen unser Beziehungsleben. Wer sie reflektiert, kann an den Erfahrungen wachsen.

Auch wenn man jetzt jemand anderen küsst: Ex-Partner bleiben oft noch lange im Hinterkopf und beeinflussen uns © Karsten Petrat

Der Ex-Faktor

Vergangene Partnerschaften beeinflussen unser Beziehungsleben. Wer um ihre Bedeutung weiß, kann an den Erfahrungen wachsen

Dass die sechs gemeinsamen Jahre sie verändert hatten, wurde Klara Zeiler* nicht bewusst, als sich ihr Freund von ihr trennte. Auch nicht, als sie danach mit der Männerwelt haderte und sich fragte, ob sie sich jemals auf eine neue Beziehung würde einlassen können. Wie tief die Spuren waren, verstand die 33-Jährige erst, als sie wieder ernsthaft liebte – und sich dabei selbst nicht verstand. Markus, ihren ersten Freund, hatte sie mit 17 kennengelernt. Nach einer Phase der rauschhaften Liebestaumelei und der romantischen Versicherungen begann, was Klara rückblickend „eine ewige Zermürbung“ nennt. „Ständig kritisierte er an mir herum und zog unsere Beziehung in Zweifel. Er gab mir das Gefühl, nicht gut genug für ihn zu sein und permanent kurz davor zu stehen, verlassen zu werden.“ Zu unattraktiv, zu dumm, zu klein fühlte sich Klara bald. Mit Folgen: „Ich war total eifersüchtig, kontrollierte sein Handy und klammerte extrem. Gleichzeitig tat ich alles dafür, um ihm zu gefallen. Irgendwann konnte ich mich selbst überhaupt nicht mehr leiden.“ Trotzdem war es nicht sie, die irgendwann den Schlussstrich zog. Markus trennte sich von ihr – für eine andere Frau.

Zehn Jahre später ist Klara Zeiler verheiratet und Mutter einer vierjährigen Tochter. „Nach der Erfahrung mit meinem Ex-Freund habe ich bewusst nach einem lieben, treuen Partner gesucht“, sagt sie, „und einen gefunden.“ Zurückhaltend, einfühlsam und ruhig sei ihr Mann Philipp, das Gegenteil eines Machos. „Er schenkt mir echte Geborgenheit. Ich weiß, dass er mich nie im Stich lassen würde.“ Und trotzdem sind da immer wieder Momente der Unsicherheit: wenn Philipp Zeit für sich braucht, wenn er mal unwirsch reagiert oder nicht ganz so geduldig ist wie sonst. „Liegt es an mir?“, fragt sich Klara dann. „Will er mich nicht mehr?“ Und wird „zur Hexe“, wie sie sagt. „Ich mache mich über ihn lustig, stelle ihn bloß und ziehe alles ins Lächerliche, was er tut.“ Lange konnte sie nicht verstehen, woher dieses Verhalten kommt, das sie so wenig an sich selbst mag. Heute weiß sie: der „Ex-Faktor“ ist schuld.

So nennt Stephan Poulter, klinischer Psychologe und Familientherapeut aus Los Angeles, „die Ansammlung aus verlorenen Träumen, gebrochenen Versprechungen, Enttäuschungen, Reue, emotionalen Rückschlägen, Verdrossenheit über ehemalige Liebespartner und unrealistischen Erwartungen“. All diese Elemente tragen wir in unserem Rucksack, wenn wir uns auf den Weg in eine neue Beziehung machen, schildert Poulter in seinem Buch Der Ex-Faktor: 6 Strategien für ein neues Leben nach der Trennung. Dort wiegen sie schwer auf unseren Schultern und verhindern, dass wir leichtfüßig vorwärtsschreiten. Und als wäre diese Last nicht genug, sorgen all diese Elemente außerdem dafür, dass wir im Kreis spazieren: „Unsere unverarbeitete emotionale Geschichte wird sich in unseren Liebesbeziehungen immerfort wiederholen“, so Poulter. Um den Rucksack auszumisten und unseren Kurs zu ändern, müssten wir anerkennen, was wir gerne von uns weisen: dass Ex-Partner weiterwirken, auch wenn wir sie offiziell aus unserem Leben getilgt haben.

Das Leben als Beziehungsreigen

Diese Erkenntnis ist heute relevanter denn je. Denn während die Großeltern ihren ersten Schwarm meist zügig heirateten, bringen ihre Kinder und Enkel immer mehr Beziehungserfahrung in die Ehe ein. So blickten die 30-Jährigen 1972 auf durchschnittlich 1,9 feste Partnerschaften zurück. Um die Jahrtausendwende lagen hinter den jungen Erwachsenen schon 3,7 Beziehungen. Hinzu kommt, dass der Liebesreigen mit dem Jawort nicht mehr zwangsläufig endet. Waren Oma und Opa oft bis zum Lebensende verheiratet, wird heute laut Statistischem Bundesamt über ein Drittel aller Ehen geschieden. Ein Einschnitt, der keineswegs in die Einsamkeit führt: Zehn Jahre nach einer Trennung befinden sich 85 Prozent der zwischenzeitlichen Singles wieder in einer Beziehung, das zeigt die Münchner Studie zu Partnerwahl und Partnerschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Entsprechend stellen Norbert Schneider und Heiko Rüger, Soziologen am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, fest: „Der Verlauf der Partnerschaft ist heute stärker individualisiert und folgt weniger traditionellen Mustern als noch vor einigen Jahrzehnten.“

Nie war das Konzept der Ex-Beziehung also bedeutsamer für Erwachsene, ihre Familien, Kinder und neuen Partner. Und nie zuvor mussten sie sich stärker mit dem Credo von Stephan Poulter auseinandersetzen, der das Leben als „fortlaufende Summe unserer intimen Liebesbeziehungen“ betrachtet. Weil eine Partnerschaft das emotionale Fundament für unser Funktionieren in der Welt darstelle, gebe es nichts, was nicht von diesem innigen Verhältnis beeinflusst werde. „Unser gesamtes Leben wird im Kontext unserer Liebesbeziehungen geprägt, entblößt, verändert, von unten nach oben gekehrt und geheilt. Es gibt keine andere Form des Beziehungslebens, die diesen Grad an emotionaler Spannung, innerer Energie und Kraft hat, unser Leben zu formen.“ Wie richtig Poulter mit dieser Einschätzung liegt, das findet die psychologische Forschung mehr und mehr heraus. Wissenschaftler zeigen: Der „Ex-Faktor“ beeinflusst, welchen Partner wir wählen, wie wir uns in Beziehungen verhalten, mit welcher Brille wir auf uns selbst schauen und wann wir frei für Neues sind. Doch wir sind ihm nicht einfach ausgeliefert. Wer um den Einfluss weiß, kann an den Erfahrungen wachsen und sein Beziehungsleben bewusst gestalten.

Einfluss 1: Wie wir wählen, wen wir lieben

Noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein entschied in Deutschland die Familie oder Dorfgemeinschaft darüber, welche jungen Menschen füreinander bestimmt sein sollten. Heute wählen Bindungswillige selbst aus, wer sich als Lebensgefährte qualifiziert. „Doch zu welchen Menschen wir uns hingezogen fühlen, entscheiden wir nicht bewusst. Bei diesem Prozess wirken alte Gewohnheiten und frühe Bindungserfahrungen aus der Kindheit“, erklärt Ragnar Beer, Psychotherapeut und Wissenschaftler an der Georg-August-Universität Göttingen. „Erfahrungen, die unglaublich tief sitzen“ – und auch von unseren Ex-Partnern beeinflusst werden.

Das zeigten US-Forscher in einem Experiment. Die Psychologen Claudia Brumbaugh und Chris Fraley konfrontierten ihre Studierenden an der University of Illinois mit zwei potenziellen neuen Partnerinnen oder Partnern. Eine der beiden Personen ähnelte jeweils dem wichtigsten Ex-Partner der Probanden. Die zweite Person hatte ein anderes Aussehen. Vor die Wahl gestellt, waren die Teilnehmer stärker daran interessiert, denjenigen Menschen näher kennenzulernen, der ihrem Verflossenen glich – obwohl sie ihm gleichzeitig mit mehr Angst begegneten. Die Autoren glauben, dass wir uns nach einem vertrauten Gegenüber sehnen, selbst wenn wir mit dieser Person negative Erinnerungen verbinden. Denn eine gewohnte Rollenverteilung könne unser Selbstkonzept bestätigen, so ihre Vermutung.

Noch überraschender war eine weitere Beobachtung: Auch auf die zweite, anders aussehende Person wandten die Teilnehmer ihr bisheriges Bindungsmuster an. „Dieser Befund ist bemerkenswert, weil er darauf hinweist, dass sich Menschen auf ihre Erfahrungen mit früheren Partnern beziehen, selbst wenn es keine Ähnlichkeit zwischen dem neuen Kandidaten und dem früheren Partner gibt“, schreiben die Wissenschaftler. Damit könne erklärt werden, warum manche Menschen immer wieder die gleichen zwischenmenschlichen Dynamiken schaffen, auch wenn es keine offensichtliche Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart gibt.

Lieber ein vertrautes Übel als eine neue Erfahrung – nach diesem Muster handeln nicht wenige. „Erwachsene tendieren dazu, neue Beziehungen mit Partnern einzugehen, die konsistent sind mit ihren Repräsentationen früherer Partner, selbst wenn sie dies explizit nicht wollen“, das fanden auch Sabine Walper und Ulrike Lux vom Deutschen Jugendinstitut heraus. Damit skizzieren die Psychologinnen ein Verhalten, das Hannes Schrader* nur zu gut von sich kennt. „Wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, dass lange Zeit jede meiner Freundinnen der anderen ähnelte.“ Da war Susanne, die ihm vorschreiben wollte, was er anzuziehen hatte. Natascha, die ihm verbot, sich mit den Kumpels zu treffen. Oder Melanie, die beleidigt war, wenn er ohne zu fragen über seine Finanzen entschied. Dominant, stur und übergriffig, so würde der 47-Jährige ihre Gemeinsamkeiten beschreiben.

„In all diesen Beziehungen habe ich mich übergangen gefühlt. Ich wurde in eine Rolle gepresst und wie ein Kleinkind erzogen“, erzählt Hannes. Länger als zwei, drei Jahre hielt die Liebe deshalb nie. Dann ergriff Hannes jedes Mal die Flucht. Nach der dritten Enttäuschung entschloss er sich zur radikalen Wende und suchte sich einen ganz anderen Typ Frau: „Sophia war schüchtern, still und sehr zurückgenommen. Aber auch das ging nicht lange gut.“ Die großen Gefühle wollten nicht kommen. Dafür machte sich bald Gereiztheit breit: „Sie hatte nie eine eigene Meinung und hing nur an meinem Rockzipfel. Das war nichts für mich, ich bin wieder gegangen.“ Sind wichtige Merkmale des Ex-Partners mit negativen Erlebnissen verknüpft, kann es leicht passieren, dass wir uns – wie Hannes – komplett umorientieren. Forsch statt ängstlich, Kulturenthusiast statt Fußballfan. „Es gibt allerdings keine Garantie, dass diese Strategie aufgeht“, sagt Ulrike Lux. Denn kehren wir die Kriterien der Partnerwahl einfach um, ist unsere Entscheidung deshalb nicht frei vom Klammergriff der Vergangenheit. Auch in seiner Negation wirkt der Ex-Faktor weiter.

Einfluss 2: Wie wir uns verhalten, wenn wir lieben

Nicht nur wen wir als Partner wählen, auch wie wir mit ihm leben, wird durch unsere Beziehungsgeschichte bestimmt. „Jeder schafft auf seine eigene Weise eine emotionale Verbindung zu seinem Liebespartner“, schreibt Stephan Poulter. Wie wir dabei vorgehen, wird vor allem durch die Interaktion mit unseren Eltern geprägt. Laut der Bindungstheorie des Psychiaters John Bowlby entwickeln wir im Zusammenspiel mit Vater und Mutter schon früh sogenannte inner working models, Erwartungen, die wir künftig auf zwischenmenschliche Beziehungen anwenden und die beeinflussen, wonach wir in der Liebe suchen. „Die Herkunftsfamilie ist grundlegend prägend“, weiß Hans Jellouschek, Transaktionsanalytiker, Eheberater und Paartherapeut aus Ammerbuch bei Tübingen. „Aber auch vorausgegangene Paarbeziehungen verändern uns stark, denn in ihnen suchen wir die Erfüllung zentraler Grundbedürfnisse.“

Spuren hinterlässt dabei vor allem die erste große Liebe. „Sie beeinflusst die psychosoziale Entwicklung, weil wir alle damit verbundenen Dinge zum ersten Mal erleben und sie damit als besonders intensive emotionale Erinnerungen abspeichern“, weiß die Psychologin Ulrike Lux. „Das heißt aber auch: Wenn die ersten Erfahrungen negativ waren, kann uns das sehr frustriert zurücklassen. Nach der ersten Liebe weiß man ja noch nicht, ob das immer so ist.“ Ohne eine Chance, die Erlebnisse zu relativieren, entwickeln wir schnell unterbewusste Ängste und belastende Verhaltensmuster. Sie sollen uns davor bewahren, noch einmal in die gleiche Falle zu tappen. Nähe versus Distanz, Vertrauen versus Eifersucht, Dominanz versus Unterordnung – in diesen Konfliktfeldern weiterer Partnerschaften offenbart sich dann das Erbe unserer Ex-Partner.

Von einem Extrem zum anderen zu wechseln wie bei Hannes – dieses Muster ist nicht selten. Aber auch der umgekehrte Fall lässt sich häufig beobachten: ein Mehr des problematischen selben. „Unglücklicherweise ist die Wiederholung alter Beziehungsmuster weit verbreitet“, sagt Stephan Poulter. Der Grund: Bleiben Ängste und Verletzungen unterbewusst, bestimmen sie unser Verhalten. „Menschen werden auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen eher solche Informationen suchen, die ihre Annahmen bestätigen. Lassen sich solche Informationen finden, verstärken diese wiederum die entsprechenden Erwartungen“, meint der Psychologe. Durch die Wiederholung von Bekanntem werde ein Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit erzeugt, „selbst wenn es sich bei den wiederholten Erfahrungen um unangenehme handelt“.

Einfluss 3: Wie wir uns sehen, mögen, fühlen

Nicht nur die Beziehung zum neuen Liebsten, auch die Beziehung zu uns selbst wird vom Ex-Faktor berührt. Zu diesem Schluss kommen die US-amerikanischen Psychologen Erica Slotter, Wendi Gardner und Eli Finkel. Ihre Forschungen zeigen: Nach einer Trennung ändern Menschen ihr Selbstverständnis, sie fühlen sich kleiner und können weniger benennen, was sie ausmacht. Die Wissenschaftler führen ihre Beobachtungen darauf zurück, dass die Partnerschaft als engste Verbindung zwischen zwei Erwachsenen das Selbstbild stark beeinflussen kann. „Partner haben gemeinsame Freunde, ähnliche Interessen und sogar überlappende Selbstkonzepte“, schreiben die Autoren.

So sprechen Paare öfter von „wir“, „uns“ oder „unsere“ als Singles. Sich zu verlieben erhöht außerdem die Zahl der typischen Merkmale, die Individuen als Teil ihres Selbst betrachten. Kurzerhand machen sie sich Charakterzüge und Interessensgebiete des Lebensgefährten zu eigen. Angesichts dieser Verflechtung ist es nicht verwunderlich, dass das Ende einer Liebesbeziehung das Selbstbild erschüttern kann: „Nach der Trennung müssen die Ex-Partner ihr Selbstgefühl neu verhandeln, denn es brechen viele Facetten weg, die durch die Beziehung definiert wurden“, wissen Slotter, Gardner und Finkel. Darunter leidet auch das Selbstwertgefühl – manchmal dauerhaft und besonders, wenn wir verlassen werden.

Wie bei Klara Zeiler. Mit den Worten „Ich weiß gar nicht, warum ich es so lange mit dir ausgehalten habe. Eigentlich fand ich dich noch nie interessant“ packte ihr erster Freund die Taschen. Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, verfolgt sie bis heute. „Wenn ich zurückschaue, fällt mir auf, dass ich als Jugendliche eigentlich sehr zufrieden mit mir war und mir wenig Gedanken darüber gemacht habe, wie ich auf andere wirke“, erzählt die 33-Jährige. „Erst in der Beziehung und nach der Trennung habe ich mich als langweilig und unattraktiv empfunden. Als richtige graue Maus.“ Selbst Jahre später müsse sie noch aufpassen, dass sie ihren vielen sorgenvollen, zweifelnden und abwertenden Gedanken nicht allzu viel Glauben schenke. „Ich staune immer wieder, wie lange es dauert, diese negative Erfahrung abzuschütteln und zu verstehen: Okay, mein Ex-Freund war ein Idiot, also glaube ich kein Wort von dem, was er mir weißmachen wollte.“

Einfluss 4: Wie wir festhalten, was verloren ist

Nicht ohne Grund gilt das Scheitern einer Partnerschaft als eines der krisenhaftesten Ereignisse im Leben erwachsener Menschen. Besonders wenn die Trennung gegen den eigenen Willen stattgefunden habe, sei es hart, die Beziehung zu verabschieden, sagt Hans Jellouschek. „Denn wir können nur schwer akzeptieren, was uns von einem anderen auferlegt wurde.“ Auf diese Ohnmacht reagieren viele wie ein verletztes Tier: Sie kämpfen und beißen. „Leider entscheiden sich viele Frauen und Männer unbewusst dafür, immer weiter in den Wutgefühlen und Rachegelüsten zu baden“, schreibt der Psychologe Stephan Poulter. Schließlich schafften Schuldzuweisungen eine Verbindung: Wenn wir den Menschen nicht über die Liebe in unserem Leben halten können, dann wenigstens über die Ablehnung. Ein Geflecht aus Vorwürfen, Verletzungen und Anschuldigungen füllt das Vakuum und dämpft die nagende Leere. „Doch sich für die Wut zu entscheiden ist ein sicheres Rezept für das Scheitern zukünftiger Liebesbeziehungen“, warnt Poulter. „Das fortwährende Herumreiten auf all den Verfehlungen, Enttäuschungen und Verletzungen, die der ehemalige Partner Ihnen zugefügt hat, sorgt nur dafür, dass Sie ihn in Ihre neue Beziehung mitnehmen werden.“

Ebenso toxisch für neue Kontakte ist ein anderes Muster: die Idealisierung. „Man glaubt, dass der Ex-Partner perfekt und einzigartig ist, und schreibt ihm eine magische Wirkung zu“, erklärt Rhonda Findling, klinische Psychologin und Psychotherapeutin aus New York, in ihrem Buch Ruf bloß nicht an!. Sie kennt diese Falle aus eigener Erfahrung: Nach einer unglücklichen Liebe kämpfte sie lange darum, sich von ihrem Ex-Liebhaber zu lösen. „Wenn Sie ständig daran denken, wie unglaublich beeindruckend er ist und dass Sie nie wieder einem solch perfekten Exemplar begegnen werden, werden Sie niemals in der Lage sein, loszulassen und weiterzugehen.“

Aber auch wer sich nicht gekränkt zurückzieht und den Verlust des „perfekten einen“ betrauert, sondern sich – ganz im Gegenteil – gleich in eine neue Beziehung stürzt, wird von Experten gebremst. So warnt der Paartherapeut Hans Jellouschek: „Ineinander übergehende oder schnell aufeinander folgende Beziehungen sind gefährlich. Der Wechsel verhindert den Trauerprozess, den es bräuchte, um irgendwann loszulassen. Man kann nicht einfach über Themen hinweggehen, die bearbeitet werden wollen.“ Und Stephan Poulter schreibt: „Dass Sie eine neue Liebesbeziehung haben, heißt noch nicht, dass Sie tatsächlich einen Schritt nach vorne gemacht haben. Sie haben nur Ihren Ex-Partner in Ihre gegenwärtige Beziehung mitgenommen.“ Dabei liefen wir Gefahr, den neuen Partner zum Resonanzkörper für die Probleme der Vergangenheit zu machen und die neue Beziehung ganz auf die alte auszurichten.

Beziehungen als Wachstumsmotoren

Partnerwahl, Beziehungsmuster, Selbstbild, Bindungsfähigkeit – das Gewicht unserer Beziehungsgeschichte wiegt schwer. Doch der Ex-Faktor muss keine Bürde sein. Erkennen wir an, dass der Einfluss unserer Ex-Partner nicht mit der Trennung endet, kann er zur Chance werden. Denn: „Welche Spuren eine frühere Beziehung hinterlässt, hängt davon ab, wie wir mit ihr fertigwurden“, weiß Hans Jellouschek. „Sie kann auch positive Effekte haben.“ Von solchen Effekten berichten etwa die Wissenschaftlerinnen Ulrike Lux und Sabine Walper. Sie stellten fest, dass die emotionale Unsicherheit in Folgepartnerschaften abnimmt. Personen mit Trennungserfahrung haben seltener Angst, dass ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden oder dass der Partner sie vereinnahmt. Das Fazit der Wissenschaftlerinnen: „Frühere Beziehungserfahrungen bieten durchaus Lernmöglichkeiten für Beziehungskompetenzen.“

„Partnerschaften sind wichtige Wachstumsmotoren“, meint auch der Psychotherapeut Ragnar Beer. „Mit jeder Beziehung lernt man sich selbst besser kennen.“ Das hat zum Beispiel Hannes Schrader erlebt. Nach drei aufreibenden Beziehungen hat er im Gespräch mit einem Psychologen erkannt, dass er sich selbst verändern muss, wenn er sein Beziehungsleben verändern will. „Ich habe im Rückblick gemerkt, dass ich oft die Verantwortung abgegeben habe. So wie ich es auch zu Hause bei meiner superfürsorglichen Mutter gemacht habe.“ In seiner neuen Partnerschaft hat er versucht, sich seiner Bedürfnisse klarzuwerden und sie auch zu formulieren. Mit Erfolg: „Ich bin seit vier Jahren glücklich liiert, und bald werde ich heiraten.“

Die Trauer sollte gelebt werden

Wer sich wie Hannes von belastenden Mustern verabschieden will, muss sich zunächst den Verletzungen der Vergangenheit stellen – wenn nötig, noch Jahre später. „Nach der Trennung muss die Trauer gelebt werden. Die Trauer um all das, was zerbrochen ist. Aber auch die Trauer um die schönen Seiten und positiven Erinnerungen, die verabschiedet werden müssen“, sagt Hans Jellouschek. Nimmt uns der Schmerz über sehr lange Zeit in Beschlag, sollten wir noch genauer hinschauen. „Wer das Gefühl hat, gar nicht mehr loszukommen, muss sich fragen: Woran halte ich da fest? Welche Wunden konnten noch nicht verheilen?“, weiß Ragnar Beer. „Verletzungen kann man schließlich nur verarzten, wenn man sie sich eingesteht.“

Zur richtigen „Wundversorgung“ gehört auch, den Kontakt mit der einstigen großen Liebe auszutarieren. Brauche ich einen radikalen Schnitt? Oder möchte ich in Verbindung bleiben? Diese Fragen müsse jeder achtsam und bewusst für sich klären, sagt der Psychotherapeut. Die Antworten darauf können schließlich sehr unterschiedlich ausfallen. So sind laut einer Befragung der Onlinepartnerbörse ElitePartner 20 Prozent weiterhin mit dem Ex-Partner befreundet, 40 Prozent haben keinen Kontakt mehr zu ihm. „Der Austausch kann bereichernd sein, muss es aber nicht“, sagt Beer. „Die Voraussetzung dafür ist, dass es eine wirkliche Klärung gab und beide fertig mit der Trennung sind.“ Dann könne der Verflossene eine wertvolle Quelle für Informationen über uns selbst sein: „In den meisten Fällen kennen uns ehemalige Partner sehr gut. Deshalb haben sie häufiger recht, als uns lieb ist.“

Wer darum ringt, sich für eine neue Beziehung zu öffnen, dem rät Stephan Poulter: „Das Loslassen beginnt und endet immer bei uns selbst.“ Nur wer die Wut überwinde und die eigene Unvollkommenheit akzeptiere, werde zufriedenstellende Beziehungen leben können. „Indem wir zurückschauen, lernen und uns befragen, indem wir Verantwortung für unsere Rolle in diesen monumentalen Trennungen übernehmen, finden wir den Weg, der uns aus dem Tal der Verzweiflung herausführt. Dabei braucht es Zeit, Unterstützung, Einsicht und Mut, um vorwärtszugehen.“

Mühsam, schmerzhaft, lohnenswert

Einsicht und Mut erfordert es auch, wiederkehrende Muster zu durchbrechen, unter denen die aktuelle Partnerschaft leidet. Hier hilft es, sich zu fragen: Welche Ängste und Gefühle haben mich in den zurückliegenden Beziehungen begleitet? Welche Konfliktthemen und Trennungsgründe gab es? Welche Eigenschaften verbinden meine Ex-Partner? Und welche Rolle habe ich selbst gespielt? Mit Fragen wie diesen kommen wir unseren Mustern auf die Spur – und verhindern, sie in Dauerschleife zu reproduzieren. „Wir müssen Erfahrungen gut reflektieren, damit sie nicht dem aktuellen Partner angehängt werden“, sagt Jellouschek. Uns müsse bewusstwerden, dass Probleme nicht nur am Ex-Partner lagen, sondern auch unseren Eigenarten geschuldet waren. „Denn wenn ich der Gleiche bleibe, werden ähnliche Konflikte wieder auftauchen.“

Schlagseiten der eigenen Persönlichkeit abmildern, das klappt allerdings nicht von heute auf morgen. „Wir können unsere Muster der Partnerwahl und der Beziehungsgestaltung nicht mal eben an einem Nachmittag ändern“, weiß Ragnar Beer. „Das erfordert viel Arbeit an uns selbst und ist oft ein Lebensthema.“ Bücher, Freunde oder ein Therapeut können dabei helfen, mit den Hausaufgaben voranzukommen, und auch ein Onlinetool, das Beer entwickelt hat. Auf der Internetseite von Theratalk, einem wissenschaftlichen Beratungsangebot der Georg-August-Universität Göttingen, erhalten Paare forschungsbasierte Unterstützungsangebote. Aber auch Singles können – etwa mit dem Onlinetest Balance – frühere Beziehungen aufarbeiten: „Die Fragen basieren auf diagnostischen Instrumenten aus der Therapie und sind so gestaltet, dass man ins Nachdenken kommt“, erklärt Beer. Wie gut gelingt es mir, eigene Bedürfnisse zu zeigen und Grenzen zu setzen? Wie ist es um meinen Selbstwert bestellt? Wie gehe ich mit Konflikten um? Die Antworten auf diese Fragen sollen sichtbar machen, worauf Streits und Probleme fußen könnten.

Natürlich: Der Weg zur Erkenntnis ist bisweilen mühsam und schmerzhaft. Und doch lohnt es sich, den eigenen Rucksack abzusetzen und seinen Inhalt kritisch zu inspizieren. „Es ist auf jeden Fall hilfreich, genauer hinzuschauen“, findet Ulrike Lux. „Man kann zwar nicht ändern, was man an negativen Erfahrungen machen musste. Aber man hat einen Einfluss darauf, wie man auf diese Erfahrungen blickt und sich dazu verhält.“Daran arbeitet auch Klara Zeiler. „Ich versuche, Sicherheit und Bestätigung nicht nur bei meinem Mann zu suchen, sondern auch für mich selbst zu sorgen.“ Das ist nicht leicht, doch in kleinen Schritten erringt ­Klara immer wieder Erfolge: Mal gelingt es ihr, ein Lob widerspruchslos hinzunehmen. Mal kann sie über ihren inneren Kritiker lachen. Und mal jongliert sie im Kopf zaghaft die These, ob ihr Mann nicht vielleicht sogar fast gerne an ihrer Seite ist. Weil sie gut ist, wie sie ist.

„Ich hasse das Wort loslassen“

Nicht nur in der Liebe sind wir mit Trennungen konfrontiert. Die Psychotherapeutin Johanna Müller-Ebert weiß, welche Fähigkeiten es braucht, um ­Abschiede gut zu überstehen – und sogar als Ressource zu nutzen

Ständig verlangt das Leben kleinere und größere Trennungen von uns: Trennungen von Orten, Menschen, Dingen, aber auch von Überzeugungen, Gewohnheiten und Mustern. Warum wollen wir uns trotzdem „am liebsten gar nicht mit diesem Thema beschäftigen“, wie Sie in Ihrem Buch Trennungskompetenz in allen Lebenslagen feststellen?

Viele Menschen verbinden mit Trennungen etwas Unangenehmes, Schmerzhaftes oder sogar Bedrohliches. Denn bei einem Abschied muss man etwas loslassen – manchmal ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Das kann verstören und Angst machen.

Trotz der vielen Erfahrung fehlt vielen von uns eine Trennungskompetenz, wie Sie die Fähigkeit zum reflektierten, überlegten Abschiednehmen nennen.

Die meisten Menschen haben kein Bewusstsein dafür, dass Trennen eigentlich eine Ressource ist. Sie haben eine „Verlustaversion“, wie der Psychologe Daniel Kahneman sagt. Denn viele der alltäglichen Trennungen werden mit schwierigen Erlebnissen aus der Vergangenheit verknüpft, etwa mit der Zeit, als uns der erste Liebeskummer leiden ließ. Deshalb setzen wir einer unerträglichen oder langweiligen Situation oft kein Ende – aus Angst vor seelischem Schmerz oder aus mangelnder Übung im bewussten Abschiednehmen.

Sie schreiben: „Unsere Einstellung dazu, wie wir etwas beenden oder Abschied nehmen, und die damit verbundenen Gefühle lernen wir bereits von Kindesbeinen an.“ Können wir unsere Haltung zu Trennungen überhaupt verändern?

Ja, wir sind zum Glück lernfähig. Wir können die Gegenwart auf die Zukunft hin verändern. Indem wir üben, üben, üben. Allerdings muss dafür das Trennungsmuster überhaupt erst mal zum Thema werden. Wenn Sie überzeugt sind, „ich bin eben so“, wird sich nichts ändern. Entweder machen Sie dann viele negative Beziehungserfahrungen, und der Leidensdruck wächst, oder jemand legt Ihnen irgendwann nahe, sich Unterstützung zu suchen. Oder Sie haben eine geduldige, trennungskompetente Freundin, die sich durch Ihr ständiges „Ja, aber“ kämpft.

Was hat diese trennungskompetente Freundin gelernt, was ich nicht gelernt habe?

Sie hat verstanden, dass Trennungen kein Weltuntergang sind. Dass man Unsicherheiten aushalten kann und dass das Beenden Konsequenzen hat. Sie hat den Willen zur Veränderung und eine gewisse Risikobereitschaft bei der Umsetzung. Trennungskompetente Menschen befassen sich außerdem nicht dauernd mit negativen Erinnerungen an die Vergangenheit. Sie können positiv und lösungsorientiert in die Zukunft denken. Und – ganz wichtig – sie bereiten ihre Trennung vor. Wenn ich in eine neue Stadt ziehen will, fahre ich da vorher mal hin. Ich schaue mir an, in welchem Stadtteil ich leben möchte, ich gebe mir einen Zeitplan und mache mir die Folgen meines Umzugs klar: Was verliere ich, und was gewinne ich? Vor allem aber bereite ich den Abschied von meinem bisherigen Umfeld vor. Wer diesen Schritt übergeht, wird die Trennung nicht gut vollziehen und nie wirklich ankommen.

Es geht also um bewusste Gestaltung?

Richtig. Ich muss mir klarmachen: Trennen ist ein Prozess.

Aber nicht immer sind Trennungen selbstgewählt. Verlässt mich mein Partner, wird mir der Abschied auferlegt, und ich kann nichts daran ändern.

Beim Verlassenwerden steht natürlich im Vordergrund, dass Stolz, Würde und Respekt verletzt werden. Dann ist das Projekt, sich von diesem negativen Erlebnis wieder zu lösen. Das ist ein aktiver Akt, der verhindert, dass ich Opfer bleibe. Dazu zählt, den Schmerz anzuerkennen und einen eigenen Abschied zu vollziehen. Aber auch, in die Zukunft zu denken: Lasse ich mich vom Schmerz überwältigen? Wie viel Zeit am Tag will ich mit der Trauer um die verlorene Zeit verbringen?

Leider sind Menschen unterschiedlich gut darin, Trennungen zu bewältigen.

Absolut. Es gibt ganz verschiedene Muster, wie mit Abschieden und Trennungsangst umgegangen wird. Zwei Tendenzen lassen sich dabei unterscheiden, die gleichermaßen Probleme bereiten können: Festhalten und Flüchten. Es gibt Menschen, die sich an alles klammern. Sie jammern gerne, anstatt zu handeln, oder warten, bis das Trennen von anderen vollzogen wird. Sie hängen an langweiligen alten Bekanntschaften oder behalten ein ausgeliehenes Buch als Pfand für die Freundschaft. Auf der anderen Seite steht „der Flüchter“. Dazu zählen zum Beispiel Menschen, die ich als „Beziehungssurfer“ oder „Monsieur Adieu“ bezeichne. Sie umschiffen die Angst vor Trennung, indem sie sich gar nicht erst binden. Sie haben ein Beziehungsleben voller unglücklicher Affären und stürzen sich permanent ins Neue. Dieser Trennungsstil hat extrem zugenommen und wird durch die sozialen Medien noch befördert.

Diese Menschen würden sich aber wahrscheinlich als sehr frei bezeichnen, oder?

Ich habe den Prozess der Trennung mal mit einem Schmetterling verglichen, der nach langer, stiller Vorbereitung seinen Kokon verlässt. Einerseits fliegt er in die Freiheit. Andererseits verlässt er die Sicherheit und begibt sich ins Risiko. In der Luft lauern neue Gefahren, und der Ausflug kann auch im Schnabel eines Vogels enden. Uns muss also klar sein: Freiheit ist nicht per se positiv, sie verlangt auch, dass wir Verantwortung übernehmen, für uns selbst und für die anderen. Dafür müssen wir nach einem Abschied eine Art Metamorphose durchlaufen. Indem wir auch das Verlorene betrauern, unseren Schmerz ausdrücken und das Vergangene würdigen.

Sie glauben, dass Trennungserfahrungen dann zu einer wertvollen Ressource im privaten und beruflichen Leben werden können. Inwiefern?

Wir müssen lernen, uns im Leben nicht an Rollenmuster zu klammern. Etwa an den Lebensstil eines Singles oder das Selbstbild ewiger Jugend. Damit setzen wir uns nur selbst unter Druck und geraten in Stress. In Beziehungen braucht es Trennungskompetenz, damit wir unser Zusammenleben immer wieder dem Hier und Jetzt anpassen. Denn die Liebe nährt sich nicht nur von Nähe, Gewohnheit und Vertrauen, sondern auch von einer gewissen Fremdheit des anderen und einer gemeinsamen Veränderung. Und nicht zuletzt braucht es einen guten Umgang mit Abschieden auch für eine erfolgreiche Karriere. Dafür müssen wir uns im richtigen Moment von einem Arbeitgeber trennen oder uns für ein neues Ziel entscheiden. Ohne Trennungskompetenz kann keine schwierige Entscheidung gut gelingen.

Johanna Müller-Ebert arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Coach in Düsseldorf. Als Autorin von Fachbüchern hat sie sich mit Trennungen, Veränderungen und Neuanfängen beschäftigt

Zum Weiterlesen

Hans Jellouschek: Trennungsschmerz und Neubeginn. Wie aus Abbrüchen Aufbrüche werden. Herder, Freiburg 2017

Stephan Poulter: Der Ex-Faktor. 6 Strategien für ein neues Leben nach der Trennung. Beltz, Weinheim 2010

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