Das stört Uwe P. Kanning: „Körpersprache wird stark überschätzt“

Wirtschaftspsychologieprofessor Uwe Kanning räumt mit weit verbreiteten Mythen über die Deutung von Körpersprache auf. Was bleibt am Ende übrig?

Kaum ein Bereich der Alltagspsychologie dürfte in den Augen von Laiinnen und Laien so faszinierend sein wie die Deutung der Körpersprache. Um sie richtig entschlüsseln zu können, gibt es unzählige Empfehlungen. Selbsternannte Experten und Expertinnen schreiben Bücher, halten Seminare und Vorträge oder deuten im Fernsehen die Gestik, Körperhaltung oder Bewegungen von Prominenten.

Warum sind viele so begeistert von diesem Thema? Weil uns die ungezählten Ratgeber suggerieren, dass sich in der Körpersprache die wahre Persönlichkeit eines Menschen zeigt. Was Menschen uns sagen, ist das eine – aber was sie wirklich denken, zeigt sich eben erst in ihren Gesten und Blicken, so lautet die Botschaft. Doch fragen wir nach wissenschaftlichen Belegen, wird die Luft sehr schnell dünn.

Seit langem gilt das neurolinguistische Programmieren (NLP) als widerlegt. Nichtsdestotrotz predigen dessen Anhängerinnen und Anhänger seit Jahrzehnten die Mär, dass sich an der Blickrichtung eines Menschen seine Persönlichkeit ablesen ließe. Wer beim Nachdenken nach oben schaut, wäre laut dieser Pseudowissenschaft ein visueller Typ, der die Welt vollkommen anders sieht als ein kinästhetischer Typ, den wir an der bevorzugten Blickrichtung nach unten erkennen sollen. Mehr noch, selbst Lügen wollen gläubige Anhänger des NLP in Windeseile aufdecken können. Das ist viel leichter, als man denkt, denn Lügner sollen bevorzugt nach links schauen, wenn sie die Unwahrheit sagen.

Menschen neigen zur Überinterpretation

Andere wiederum konzentrieren sich auf kurzzeitige Erscheinungen von Emotionen im Gesicht – sogenannte Mikroexpressionen –, wenn es darum geht, Lügner zu enttarnen. Diese verraten sich angeblich dadurch, dass sie für den Bruchteil einer Sekunde Emotionen zeigen, die direkt danach wieder hinter einer Maske verschwinden. Auch in diesem Ansatz steckt nur ein sehr kleines Fünkchen Wahrheit.

Der Künstler, Pantomime und Vortragsredner Samy Molcho gilt bis heute als der Großmeister der unterhaltsamen Körpersprachedeutung. In seinen Büchern seziert er jede noch so kleine Bewegung der Finger oder die Neigung des Kopfes. Immer hat Molcho eine eindeutige Interpretation parat, die Einblicke in eine geheimnisvoll anmutende Parallelwelt gewährt.

Doch der große Wurf einer aussagekräftigen Körpersprachedeutung ist bis­lang ausgeblieben. Es wäre schön, wenn es sie gäbe. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass wir im Alltag Körpersprache falsch deuten und sie systematisch überinterpretieren. So spiegelt sich beispielsweise in einer lebendigen Gestik tatsächlich eine erhöhte Extraversion wider, allerdings nur zu etwa 3 Prozent. In unserer Alltagswahrnehmung wächst dieser Wert auf 12 Prozent an.

Die Illusion, dass es möglich sei, die Körpersprache stets richtig zu deuten, lässt sich jedoch überaus gut vermarkten. Sinnvolle Ratgeberliteratur würde Menschen nicht beibringen, wie sie alles und jedes überinterpretieren, sondern vor einer leichtfertigen Deutung warnen. Doch mit dieser Botschaft lässt sich wohl kaum ein Buch oder Seminar verkaufen.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2023: Bei sich ankommen
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