„Wie kann ich meinem Vater verzeihen?“

Als Kind wurde sie von ihm geschlagen, heute braucht ihr demenzkranker Vater ihre Hilfe. Frau H. will ihm verzeihen, aber wie kann das gehen?

Die Illustration zeigt eine Tochter, die ihren alten, gebrechlichen Vater unsicher umarmt, dahinter schaut ein böser Wolf aus dem Vater heraus
Sich trotz Wut zur Verzeihung zwingen? Klappt nicht. Zunächst muss man den Ärger anerkennen. © Michel Streich

Meine neue Klientin, Frau H., schildert mir eine Lebenssituation, die ich recht häufig höre. Sie erzählt, ihr mittlerweile 78-jähriger Vater sei neuerdings auf ihre Hilfe angewiesen. Er leide an einer beginnenden Demenz und lasse außer ihrer Schwester und ihr keine weitere Hilfe ins Haus. Auch die Mutter sei schwerkrank und könne sich kaum um ihren Mann kümmern. Sie habe viele Jahre den Kontakt zu ihrem Vater sehr knapp gehalten, doch nun sei sie gefordert und müsse immer wieder zu ihm. Aber das sei sehr schwierig für sie, da ihr Vater sie in der Kindheit oft geschlagen habe, einmal musste sie deswegen sogar im Krankenhaus behandelt werden. Sie wolle ihrem Vater aber vergeben, schließlich sei er jetzt ein alter Mann. Ihre Schwester sage, sie habe ihm bereits vergeben, das müsse sie doch auch hinkriegen. Sie habe schon vieles ausprobiert, um ihm nun endlich verzeihen zu können, habe Mitgefühlsübungen praktiziert und mit einem Seelsorger gesprochen. Doch wenn sie an ihren Vater denke, fühle sie sich nur taub und unberührt. Sie möchte wieder eine positive Haltung ihm gegenüber gewinnen, damit sie sich jetzt um ihn kümmern kann.

Wir sprechen lange darüber, was in ihrer Kindheit passiert ist, über Ereignisse, die über 40 Jahre zurückliegen: Der Vater prügelte, sobald eines der Kinder nicht hundertprozentig parierte. Viel Raum geben wir dem Schmerz des damaligen Kindes: Wie hat sich das kleine Mädchen gefühlt? Sie wünschte sich so sehr eine liebevolle Familie und war erstarrt, wenn der Vater wieder zuschlug. Die Mutter duldete das – zumindest schützte sie ihre Töchter nicht. „Das Schlimmste aber“, sagt Frau H., „war die Angst vor dem Vater. Und über die hat er sich dann auch noch lustig gemacht.“ Also entschied das kleine Mädchen, sollte er die Angst nicht sehen. So wurde sie immer starrer, innerlich taub.

Ich erzähle ihr, dass es sich mit dem Vergeben ähnlich verhält wie mit jeder Form von Annahme und Akzeptanz: Wir können sie nicht willentlich herbeiführen, können uns nicht dafür entscheiden. Sie stellt sich vielmehr ein, wenn wir eine hilfreiche innere Haltung entwickeln und bereit sind,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2019: Werden, wer ich bin
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