Die neuen Biederfrauen

Der Aufstieg der Rechten führe dazu, dass vor allem Frauen verlieren werden, meint Lisz Hirn. Ihr Buch warnt vor der Rückkehr der traditionellen Frau

In Europa sind die Rechten auf dem Vormarsch. In Österreich waren die rechtsnationalen „Freiheitlichen“ schon mehrmals in einer Bundesregierung vertreten, in Polen und Ungarn sind rechte Parteien an der Macht. In Deutschland ist die AfD in Brandenburg und Sachsen zur zweitstärksten Kraft geworden. Mit den Rechten kommen wieder Themen in den öffentlichen Diskurs, die man längst in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden geglaubt hatte: Ressentiments gegen Juden, gegen Migranten, gegen Muslime sowie Geschlechterbilder, die aus den 1940er Jahren zu stammen scheinen. Erleben wir in der Politik also gerade einen rechten Backlash?

Das reaktionäre Weltbild als Krise der Männlichkeit

Die junge österreichische Philosophin Lisz Hirn findet: ja! Und hat damit ein großes Problem. Denn für sie vertreten die Rechten und Ultrakonservativen „ein Weltbild, in dem nicht nur die Frauen, aber vor allem wieder die Frauen verlieren werden“. Die Rechten hätten kein Interesse an emanzipierten Frauen oder Männern, sondern propagierten ein Familienideal der 1950er Jahre, bei dem die Frauen viele ihrer hart erkämpften Errungenschaften verlören.Auf knapp 150 Seiten skizziert Lisz Hirn die rückwärtsgewandte Familienpolitik der Rechten und Ultrakonservativen und die anhaltende Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt inklusive des gender pay gap. Dabei zitiert sie unter anderem aus einem bestürzend schlichten Manifest österreichischer FPÖ-Politiker, in dem die Autoren von Frauen schwärmen, „deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt“. Die Autorin versteht dieses zunehmend populäre reaktionäre Weltbild als Krise der Männlichkeit, als Ausdruck für gesellschaftlich zutiefst verunsicherte Männer, die im Sinne eines Problemlösungsversuchs in patriarchale Muster zurückfallen.

Lisz Hirns Thesen von der Bedrohung der Errungenschaften von Frauen durch das konservative Rollback sind spannend, nachvollziehbar und aufrüttelnd. Und doch liest sich das Buch etwas mühsam. Denn die Autorin hat offensichtlich wenig Vertrauen in die selbständige Denkleistung ihrer Leser. Sie bemüht sich nicht immer um einen differenzierten Blick, sondern argumentiert streckenweise eindimensional und manchmal auch besserwisserisch. Sie kann nicht verstehen, warum nicht alle Frauen die Pille nehmen, um sich der Last der Menstruation zu entledigen, plädiert für Menstruationstassen statt teurer Tampons und betrachtet die Renaissance des Stillens als eine im Kern frauenfeindliche Bewegung: „Aus dem ,feministischen‘ Kampf der ­68er-Frauen, problemlos öffentlich stillen zu dürfen, ist ein genereller Zwang zum Stillen geworden…“ Man kann das – auch als Frau – ganz anders sehen! Deshalb steht zu befürchten, dass viele Leserinnen den Thesen Hirns trotz des wichtigen Themas nicht immer folgen werden. Denn die emanzipierte Frau hat keine Lust, sich bevormunden zu lassen – weder von einem Mann noch von einer Frau.

Lisz Hirn: Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefähr­lich ist. Molden, Wien 2019, 144 S., € 20,–

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