Die Pubertät – eine Kontinentalverschiebung

Noch ist der Sohn von Mariana Leky nicht in der Pubertät, aber in der heutigen Episode bekommt sie einen Ausblick darauf.

Die Illustration zeigt einen Jugendlichen, der lässig und dynamisch aus einer Matjoschka-Figur steigt
In der Pubertät befreit sich der Sohn von der Schutzhülle Mama. © Elke Ehninger

Mir gegenüber im Zug sitzt ein junger Mann, er ist um die 16 Jahre alt, der Tim heißen könnte. Tim heißen Jungs in Serien, die sehr einnehmend aussehen und auf dem Schulhof allein durch ihr einnehmendes Herumstehen eine Legion von Herzen brechen. Als ich zustieg, hat Tim mich angelächelt und mir geholfen, meinen Koffer in die Gepäckablage zu wuchten. Hoffentlich wird mein Sohn auch mal so, habe ich gedacht.

Jetzt, kurz hinter Wolfsburg, ruft Tims Mutter an. Tims Gesicht wird rot und verödet, und seine Stimme wird zu einem Röhren.„Was ist das denn für eine blöde Frage“, blafft Tim nach kurzer Zeit ins Telefon, „natürlich hab ich das. Wie doof kann man eigentlich sein?“, und dann hört er noch eine Weile seiner Mutter zu, er mahlt derweil mit den Kieferknochen und auch mit den Augen, schließlich sagt er: „Weißt du was, Mama? Lass mich einfach in Ruhe“, und dann legt er auf.

Ich bin empört. Ich stelle mir Tims Mutter als eine liebenswerte Frau vor, die viel weniger doof ist, als man sein kann. Ich stelle mir vor, wie sie jetzt da steht, mit einem Telefonhörer voller Hohn in der Hand, in einer geradezu gleißenden Verlorenheit, und sich fragt, wie es dazu kommen konnte, zu diesem röhrenden Auswuchs von Sohn, wie es dazu kommen konnte, dass sie so lang der Nabel seiner Welt war und jetzt der Arsch seiner Welt ist, wie es dazu kommen konnte, dass Tim das freundliche Kind, das er war, offenbar einfach ausgeschieden hat.

Poesiealbumsprüche

Ich hoffe, es ist ganz anders. Ich hoffe, sie steht nicht verloren da, sondern mit einer lebhaften, kapitalen Wut im Bauch. Ich hoffe, ihr letzter Satz am Telefon war: „Ich wollte nur sicherstellen, dass du genug Wechselwäsche dabei hast, Wechselwäsche für immer,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2020: Männer und ihre Mütter
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