Böse? Lüstern? Verrückt?

Ein Sammelband untersucht, wie Psychotherapeuten und Psychiater in Filmen und Serien dargestellt werden.

Therapeuten auf der Leinwand

Wie werden Psychotherapeuten und Psychiater in Filmen und Serien dargestellt?

Der Strom von Filmen über die Profession des Psychotherapeuten und Psychiaters reißt nicht ab. Die Herausgeber Martin Poltrum und Bernd Rieken sind beide als Psychotherapiewissenschaftler an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien tätig. In ihrem Band Seelenkenner, Psychoschurken setzen sie ganz auf die Einzelfallanalyse, um das „wandelbare Image der Psychiatrie und Psychotherapie und die gesellschaftliche Wahrnehmung psychisch Kranker im 20. und 21. Jahrhundert“ zu untersuchen. Der besprochene Zeitraum ist groß, von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart.

Die 29 Aufsätze des Sammelbandes analysieren, wie der Psychotherapeut, der Patient und eben die Therapie dargestellt werden. Als Autoren kommen auch Philosophen, Literatur-, Theater- und Filmwissenschaftler zu Wort. Dabei lernt der Leser bestimmte wiederkehrende Typen kennen; es werden die Patienten nicht nur von einem „Dr. Wonderful“ behandelt, sondern geraten auch in die Fänge des bösen, des verrückten oder gar lüsternen Vertreters der Zunft.

Liebe und Berufsverzicht

Gerade bei den weiblichen Standesvertretern ist die Liebe häufig mit im Spiel, und das Happy End fordert oft, auf den Beruf zu verzichten. Diese Topoi werden auf dramaturgische Gesetze zurückgeführt sowie mit Entstehungsbedingungen, dem Zeitgeist, Entwicklungen in der Behandlungstechnik oder der kritischen Debatte darüber in Beziehung gesetzt.

Es hätte allerdings dem wissenschaftlichen Anspruch gedient, wenn das Vorwort in seiner Funktion als Wegweiser mehr Fragen beantwortet hätte. Zum Beispiel: Was waren die Kriterien für die Auswahl der einzelnen Filme und Serien? Wieso setzt der Band mit einem Werk von 1977 ein und behandelt die Fernsehserien als eigenständige Kategorie, obwohl er ansonsten nach Themenschwerpunkten gegliedert ist? Das erschwert doch, die im Vorwort kurz skizzierte Geschichte des Imagewandels nachzuvollziehen, außerdem erscheint die Zuordnung nicht immer schlüssig.

Schwerpunkt Hollywood

Auffällig ist auch, dass fast nur in den USA gedrehte Filme besprochen werden. Selbst wenn „Hollywood durch seine Filmhegemonie zum weltweiten Siegeszug der Psychodisziplinen beigetragen hat“: Wäre es nicht spannend zu erkunden, ob das dort entworfene Bild von Therapeut und Patient dem in Europa gleicht?

Trotz konzeptioneller Schwächen überzeugt der Sammelband: Er ist informativ, seine Lektüre regt an und weckt den Wunsch, sich die Filme anzusehen, die allesamt auf DVD zu haben sind. Dabei bestechen besonders solche Aufsätze – beispielhaft Tobias Eichinger über Zelig –, die auch soziokulturelle, gesellschaftspolitische und ästhetische Fragen aufwerfen. Das Buch richtet sich eher an ein Fachpublikum, kann dem Einsatz in der Ausbildung, als Fallbeispiel oder der Reflexion des eigenen Therapeutenverhaltens dienen, ist jedoch mit ebenso großem Gewinn von einem film- und psychologie-interessierten Publikum zu lesen.

Martin Poltrum, Bernd Rieken (Hg.): Seelenkenner, Psychoschurken. Psychotherapeuten und Psychiater in Film und Serie. Springer, Berlin 2017, 436 S., € 39,99

„Das Bild des Psychologen wurde früh durch das Hollywoodkino populär gemacht – wohl auch aus dem Grund, dass viele Filmproduzenten selbst in Behandlung waren“

Martin Poltrum, Bernd Rieken

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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