Trumps Aufstieg als Symptom

Wer den US-Präsidenten für psychisch krank erklärt, macht es ich zu einfach. Der Psychiater Allen Frances fragt, was Trumps Erfolg über uns sagt

Donald Trump wurden bereits zahlreiche psychische Störungen attestiert. Doch was heißt das für uns? © Michael Szyszka

Nicht Trump ist verrückt, sondern unsere Gesellschaft

Wer den US-Präsidenten Donald Trump für ­psychisch krank ­erklärt, erspart sich die Frage nach der Eigenverantwortung, meint der Psychiater ­Allen Frances. Trumps Aufstieg ist für ihn das Symptom einer Welt in Not

Donald Trumps psychische Gesundheit beziehungsweise ihr Nichtvorhandensein ist ein ständiges Thema im Internet, in Nachrichtensendungen, in Magazinen und Tageszeitungen. Politologen, Politiker und Komiker haben die sogenannte „Bibel“ der Psychiatrie gewälzt, das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM), und gelangten zu dem Schluss, dass Trump unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Schon bald stimmten viele Psychologen und einige Psychiater zu. Ein vermeintlich übergeordnetes Wohl, die Interessen der Nation, verleitete sie dazu, die selbstauf-erlegte Verpflichtung aufzuheben, keine Ferndiagnosen von Politikern zu stellen. Zahlreiche patriotisch formulierte Petitionen wurden auf den Weg gebracht, eine – sie war von über fünfzigtausend Menschen unterzeichnet – verkündete beispielhaft: „Wir, die unterzeichnenden Psychologen und Psychiater, sind aus professionellen Gründen überzeugt davon, dass Donald Trump Merkmale einer schweren psychischen Erkrankung zeigt, die ihn ungeeignet macht, kompetent die Pflichten des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu erfüllen. Daher fordern wir mit allem gebührenden Respekt, dass er gemäß Artikel 4 des 25. Verfassungszusatzes seines Amtes enthoben wird.“

Trump ist zutiefst niederträchtig

Ich selbst habe die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung verfasst, die zuerst im DSM-III erschienen und in der aktuellen Auflage, dem DSM-5, immer noch gültig sind. Trumps Ferndiagnostiker haben allesamt denselben fundamentalen Fehler begangen. Zutreffend bemerken sie, dass ihm die Definitionsmerkmale der Persönlichkeitsstörung wie ein Handschuh passen: großspurige Aufgeblasenheit, profunde Überzeugung von der eigenen Großartigkeit, sich als etwas Besonderes zu fühlen, ausschließlich mit besonderen Menschen verkehren zu müssen, ständige Bewunderung einzufordern, fehlende Empathie und ein insgesamt ausbeuterisches, neidisches und arrogantes Verhalten. Aber sie alle erkennen nicht, dass Trump nicht zwingend psychisch krank sein muss, nur weil er ein Narzisst ersten Grades ist. Entscheidend für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist der Umstand, dass die Verhaltensweisen klinisch signifikante Leiden oder Störungen verursachen. Andernfalls würden sich viele, wenn nicht gar alle Politiker (und praktisch sämtliche Promis) qualifizieren. Trump ist ein Mann, der andere in große Verzweiflung bringen kann, aber keinerlei Zeichen zeigt, selbst große Nöte zu empfinden. Seine Verhaltensweisen, so unerhört und verwerflich sie auch immer sein mögen, bringen ihm regelmäßig Ruhm, Reichtum, Frauen und nun auch noch politische Macht ein. Er ist reichlich belohnt worden für seinen Trumpismus, der ihn überhaupt nicht zu beeinträchtigen scheint. Trump ist eine Gefahr für die Vereinigten Staaten und die Welt, aber nicht, weil er klinisch verrückt wäre, sondern weil er zutiefst niederträchtig ist.

Ich hasse es, wenn eine psychiatrische Diagnose missbraucht und jedes erdenkliche Beispiel von schlichtweg schlechtem Benehmen fälschlich als psychische Erkrankung etikettiert wird. Ich war intensiv an der Erstellung des DSM-III  beteiligt und verantwortlich für die Erstellung des DSM-IV. Dies bürdet mir die Verantwortung auf, die psychiatrische Diagnose so redlich und präzise wie nur möglich zu halten. Die meisten Massenmörder sind nicht psychisch krank. Die meisten Terroristen sind nicht psychisch krank. Die meisten Vergewaltiger sind nicht psychisch krank. Die meisten Diktatoren sind nicht psychisch krank. Die widerlichsten Blödmänner sind nicht psychisch krank. Die meisten Lügner sind nicht psychisch krank. Die meisten Verschwörungstheoretiker sind nicht psychisch krank. Und es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass Trump psychisch krank ist. Trumps rüpelhaftes Benehmen, seine vulgäre Sprache und beleidigenden Handlungen machen ihn zu einer nationalen Peinlichkeit und zum schlechtesten aller möglichen Vorbilder (vielleicht sollte man alle öffentlichen Auftritte Trumps für nicht jugendfrei erklären, um unsere Kinder vor seinem schlechten Einfluss zu schützen). Er lässt unser Land schlecht dastehen, er setzt Amerikas Größe herab. Doch nichts davon macht ihn zu einem psychisch Kranken.

Was sagt das alles über uns?

Die Verwendung psychiatrischer Mittel mit dem Ziel, Trump zu diskreditieren, hat drei schädliche unbeabsichtigte Konsequenzen. Erstens stigmatisiert und beleidigt es psychisch kranke Menschen, mit Trump in einen Topf geworfen zu werden. Die meisten psychisch kranken Menschen benehmen sich manierlich und meinen es gut, was Trump eindeutig nicht tut. Zweitens pathologisiert es Trumps schlechtes Benehmen, unterschätzt ihn und lenkt von den Gefahren seiner Politik ab. Trump ist ein politisches Problem, keine Aufgabe für die Psychoanalyse. Statt sich auf Trumps Motivationen zu konzentrieren, müssen wir seinen Verhaltensweisen mit politischen Mitteln begegnen. Und drittens, sollte Trump seines Amtes enthoben werden, wären seine Nachfolger (Pence und Ryan) wahrscheinlich noch schlimmere Vertreter dieser hochgefährlichen Politik.

Viel wichtiger ist die Frage, was das alles über uns sagt. Wieso haben wir jemanden gewählt, der so offensichtlich ungeeignet und unvorbereitet ist, mit über die Zukunft der Menschheit zu bestimmen? Trump ist ein Symptom einer Welt in Not. Ihn für all unsere Probleme verantwortlich zu machen übersieht die tiefere, darunterliegende gesellschaftliche Krankheit, die seinen unwahrscheinlichen Aufstieg erst möglich machte. Indem wir Trump für verrückt erklären, können wir vermeiden, uns dem Wahnsinn in unserer Gesellschaft zu stellen – wenn wir geistig gesund werden wollen, müssen wir zunächst uns selbst erkennen. Einfach ausgedrückt: Nicht Trump ist verrückt, sondern unsere Gesellschaft.

Ich hatte bereits zwei Jahre an meinem Buch America auf der Couch gearbeitet, bevor ich auch nur einen Gedanken daran verschwendete, Trump könne in ihm auftauchen. Mein Buch war und ist eine Studie über gesellschaftliche Geistesstörung – unsere Unfähigkeit, sinnvoll auf die immer drängenderen Gefahren zu reagieren, die das menschliche Überleben bedrohen: Überbevölkerung, Klimaerwärmung, Ressourcenverknappungund Umweltzerstörung. Die ernsten Gefahren, mit denen wir damals konfrontiert waren, werden heute durch Trumps aggressiven Angriff auf unsere kollektive Zurechnungsfähigkeit enorm vergrößert. Gefahr hat schon immer das Schicksal des Menschen bestimmt – wir Menschen haben an jedem einzelnen Tag unserer zweihunderttausendjährigen Geschichte furchtbare existenzielle Krisen gemeistert. Aber bislang war das Ausmaß der Gefahr relativ begrenzt – auf das Individuum, die Familie, den Stamm, den Stadtstaat oder die Nation. Gegenwärtige Bedrohungen hingegen sind global – unser Planet ist so klein und vernetzt geworden, dass es für keinen von uns noch einen sicheren Ort gibt (nicht einmal für die Reichsten und Mächtigsten), an dem wir uns verstecken könnten.

Von Einstein stammt die berühmte Definition von Wahnsinn, nämlich „immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“. Frühere Zivilisationen sind unbekümmert dem immer gleichen bedrückenden Kreislauf von schnellem Wachstum und jähem Zusammenbruch gefolgt. Die tragischen Fehler, die sie begingen, sind exakt die gleichen Fehler, die wir heute begehen. Doch an diesem Punkt, an dem wir heute stehen, können wir nur dann das Überleben unserer Zivilisation sicherstellen, wenn wir aus der Vergangenheit lernen. Der Wirklichkeit ins Auge zu sehen fällt uns leider weder leicht, noch tun wir es automatisch. Ein kluger Spruch aus dem Talmud fasst vieles von dem zusammen, was an der menschlichen Psyche problematisch ist: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Der Weg zur Selbstkontrolle kann nur mit geöffneten Augen beschritten werden – unbequeme Wahrheiten verschwinden nicht allein dadurch, dass Trump es behauptet.

Zerstörerische Habgier

Wir stehen vor einem hochriskanten und entscheidenden Wendepunkt mit einer psychischen Verfasstheit, die erheblich besser geeignet war für unsere paläolithische Vergangenheit als für unsere sich rasant wandelnde Gegenwart. Die Evolution hat uns mit angeborenen psychischen Neigungen ausgestattet, hervorragend angepasst an das nomadische Leben unserer Vorfahren, die niemals wussten, ob sie den nächsten Tag erleben würden oder wann sie ihre nächste Mahlzeit bekommen würden. Die Welt, einst sehr groß mit scheinbar unbegrenzten Ressourcen, ist klein geworden und bis über ihre Grenzen strapaziert. Damals hing das Überleben von intuitiven Entscheidungen ab – und Habgier war meistens überlebenssichernd. Egoistische Überlebensinstinkte, die vor fünfzigtausend Jahren so gut funktionierten, drängen uns heute in einer Welt, die eigentlich kooperative Planung erfordert, zu selbstzerstörerischem Handeln. Unsere Außenwelt haben wir erobert, die Frage ist nun, ob wir auch unsere inneren Triebe bezwingen können. Die Aufrechterhaltung unseres unrealistischen Lebensstandards birgt das Risiko, unseren Nachfahren unzulängliche Lebensbedingungen zu hinterlassen.

Mein Job als Psychiater ist immer gewesen, Patienten zu helfen, aus ihren Fehlern zu lernen – die irrationalen Momente in ihrem Denken freizulegen und ihren Teufelskreis selbstzerstörerischen Verhaltens zu beenden. Reife erfordert von einem Individuum (oder einer Gesellschaft) das Ersetzen von Wunschdenken und sofortiger Wunscherfüllung durch vernunftgeleitetes Denken. Trumps Psyche zu analysieren ergibt keinen Sinn, weil sie zu offensichtlich ist, um interessant zu sein, und noch dazu jedem Therapievorhaben unzugänglich. Wir können nicht hoffen, Trump ändern zu können, aber wir müssen daran arbeiten, die gesellschaftlichen Hirngespinste aufzulösen, die ihn erschaffen haben. Wir riskieren die Vernichtung unserer Zukunft, wenn wir uns nicht der Realität stellen, Instinkt durch Vernunft ersetzen und unseren altruistischen Impulsen Vorrang vor trumpschem Eigennutz geben. Die liebevolle Strenge, die bei der Heilung leidender Patienten hilfreich ist, hilft hoffentlich auch bei der Heilung unserer kranken Gesellschaft.

Game over für unsere Zivilisation?

Unwissenheit ist kein Segen. Was man nicht weiß, kann einem mit großer Wahrscheinlichkeit schaden, häufig dann, wenn man es am wenigsten erwartet, und mit verheerenden Folgen. Es gibt deutliche Anhaltspunkte, dass unsere Welt blindlings in eine Verkettung nicht mehr umkehrbarer Katastrophen marschiert. Bleiben die Gegenmaßnahmen aus, wird es für unsere Zivilisation schon bald game over heißen. Erneute Versuche sind nicht möglich. Wir hätten schon längst der Wirklichkeit nüchtern ins Auge sehen, die Ärmel hochkrempeln und pragmatische Lösungen für scheinbar unlösbare existenzielle Bedrohungen finden müssen. Stattdessen geben wir uns einem ganzen Satz gesellschaftlicher Hirngespinste hin, unterliegen dem fatalen Trugschluss, dass man sich um Gefahren am besten kümmere, indem man einfach ihre Existenz leugnet. Die Präsidentschaft von Trump wird entweder das Fass zum Überlaufen bringen, oder sie wird uns in letzter Minute wachrütteln. Bei jedem einzelnen Thema, das für das Überleben unserer Art von entscheidender Bedeutung ist, sind seine persönlichen Positionen falsch und lächerlich rückwärtsgewandt. Er und seine Handlanger treffen jeden Tag Entscheidungen, die uns immer näher an eine Umweltapokalypse und den Zusammenbruch unserer Gesellschaft führen. Wir haben die Zukunft der Menschheit jemandem in die Hände gelegt, dem Fakten völlig gleichgültig sind, der stolz ist auf seine wissenschaftliche Ignoranz und bereit und willens, aus Jux und Dollerei auf höchst hinterlistige Weise zu agieren. Jeder Mensch hat das Recht, in einer Sache mal völlig danebenzuliegen, ohne gleich für verrückt gehalten zu werden – aber den USA kann man nur eine wahnhafte Störung diagnostizieren, wenn sie diesem albernen Rattenfänger in den Untergang folgen.

Allen Frances, geboren 1942, ist Psychiater. Er war 1994 der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, welche die vierte Revision des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM) verantwortete. Die aktuelle Version, das DSM-5, wird von Frances heftig kritisiert. Er warnt davor, dass die Erweiterung der psychiatrischen Grenzen eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen verursachen wird. Dieser Artikel ist ein Auszug aus seinem aktuellen Buch Amerika auf der Couch. Ein Psychiater analysiert das Trump-Zeitalter, das dieser Tage im DuMont-Buchverlag erscheint

Illustration zeigt Donald Trump beim Psychiater mit einer Weltkugel auf dem Zeigefinger
Donald Trump wurden bereits zahlreiche psychische Störungen attestiert. Doch was heißt das für uns?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2018: Heilkraft Meditation
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