Digitales Ich und wahres Selbst

In den sozialen Medien präsentieren wir uns nicht immer authentisch. Droht uns der Selbstverlust in der digitalen Welt?

Ist mein Facebook-Ich mein wahres Selbst? © Thomas Kuhlenbeck

Das digitale Ich und das wahre Selbst

In den sozialen Medien präsentieren wir uns von unserer besten Seite. Aber wie authentisch sind wir dabei? Psychologen warnen: In der digitalen Welt droht Selbstverlust

Auf Facebook kannst du nur dein wahres Selbst sein“, sagte der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in einem Interview im Jahr 2010. In dem sozialen Netzwerk habe man nur eine, nämlich die wahre „Identität“, meinte Zuckerberg. Wer sich dort registriert, darf nur ein einziges persönliches Konto erstellen und nur korrekte Informationen angeben, die auch stets aktuell zu sein haben. Diese Forderung des Facebook-Gründers, über die der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard in seinem neuen Buch Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur berichtet, hatte Folgen: Sie wurde der Schlüssel zum Erfolg des heute mit Abstand größten Onlinenetzwerks. Zuckerberg bediente damit ein tiefes Bedürfnis und eine große Bereitschaft vieler Menschen, sich in der virtuellen Welt öffentlich zu präsentieren, erkannt und gesehen zu werden und mit anderen verbunden zu sein.

Die Zahlen legen nahe, dass diese Wünsche auch in Erfüllung gehen: Soziale Onlinenetzwerke üben eine stärkere Anziehungskraft aus denn je – im Juni 2017 war mehr als ein Viertel der Menschheit auf Facebook aktiv, Onlinedienste wie Instagram sprechen von 700 Millionen ­Accounts ­weltweit. Mittlerweile bewegen sich die User bis zu fünf Stunden täglich in den sozialen Medien, viele auch in mehreren parallel,ergab eine US-amerikanische Studie 2016. Demnach nutzen in den USA 97,5 Prozent der jungen Erwachsenen regelmäßig mindestens eines der sozialen Medien.

Zwang zur Fröhlichkeit und Perfektion

Wissenschaftler haben in jüngster Zeit vor allem das digitale Selbstverständnis und die Erfahrungen der jüngeren Generation erforscht, so etwa die US-amerikanische Autorin Donna Freitas. Denn, so schreibt sie, keine Generation taucht so tief wie die jetzt 15- bis 30-Jährigen in die digitale Welt ein. Es werde aber auch keine so wie diese von Smartphones und dem Internet dominiert. Donna Freitas wollte wissen, wie es der jüngeren Generation geht, die ein Leben ohne das Internet und soziale Onlinenetzwerke nicht kennt.

Die Wissenschaftlerin befragte knapp 190 Studierende an 13 amerikanischen Colleges in Tiefeninterviews. Anschließend konzipierte sie eine Onlinebefragung, an der weitere 800 Studenten teilnahmen und die Freitas nutzte, um ihre in den Interviews gewonnenen Erkenntnisse zu prüfen. Ein Ergebnis zog sich wie ein roter Faden durch die Antworten der Studenten: Onlinenetzwerke treiben eine ganze Generation dazu, fröhlich und perfekt zu erscheinen – um jeden Preis, wie Freitas in ihrem 2017 erschienenen Buch The Happiness Effect schildert. Und die jungen Erwachsenen wissen das. Gleichzeitig ahnen sie auch: Aussteigen ist keine Option. Wer online nicht präsent ist, muss mit Nachteilen rechnen.

Die Autorin fasst ihre Ergebnisse so zusammen: „Wir verlieren unser authentisches Selbst aus dem Blick.“ Und die Psychologin und Buchautorin Gisela Kaiser kommt in ihrem 2017 erschienenen Buch Digitale Süchte zu einem ähnlichen Schluss: Die ständige Fixierung auf das Smartphone führe dazu, dass „wir uns selbst abhandenkommen“ und Identitätsprobleme entstehen könnten. Sie sprach dafür ebenfalls mit mehreren hundert Kindern und Jugendlichen.

Der australische Medien- und Kommunikationswissenschaftler Rob Cover sieht eine solche Gefahr des Selbstverlusts nicht. Eine theoretische Trennung zwischen einem Online- und Offline-Selbst sei nicht notwendig, argumentiert er in seinem Buch Digital Identities. Aus der Sicht des Autors besitzen wir kein stabiles, überdauerndes oder wahres Selbst – dies sei lediglich eine Illusion. Da aber Menschen wissen wollen, wer sie sind, ist die Folge dieser Annahme, dass sie sich ständig neu finden müssen. Für diesen Selbstfindungsprozess seien soziale Medien, Internetforen, Chats, Blogs die idealen Instrumente. Was heute gepostet wird, vom Text bis zum Selfie oder Familienfoto, stand früher in Tagebüchern, Briefen oder Fotoalben, schreibt Cover. Online verfassen wir eine Art Biografie unseres Selbst, in der wir Veränderungen jederzeit leicht dokumentieren und kommunizieren können und – anders als in vordigitalen Zeiten – dafür Anerkennung, Widerspruch und Kritik bekommen.

Gibt es überhaupt ein wahres Selbst?

Ob es ein stabiles wahres Selbst überhaupt gibt, ist empirisch schwer zu beweisen. Zumindest aber glauben Menschen weltweit, ein solches wahres Selbst zu haben, meinen die US-amerikanische Psychologin Nina Strohminger und ihre Kollegen in einem Forschungsüberblick. Für die Forscher ist das „wahre Selbst“ zwar kein wissenschaftliches Konzept, schreiben die Psychologen, wohl aber eine „nützliche Fiktion“: Menschen, so heißt es, neigen dazu, dieses wahre Selbst schützen und verteidigen zu wollen.

Das sogenannte „Facebook-Selbst“ haben Psychologen in einer Studie aus dem Jahr 2015 identifiziert. Es unterscheide sich vom wahren Selbst, heißt es. Das ­Facebook-Selbst ist demnach in der Regel sozial akzeptabler und beliebter als das wahre Selbst. Je größer die Kluft zwischen dem Facebook-Selbst und dem realen, ­desto wahrscheinlicher ist es, dass sich negative psychologische Folgen einstellen, ­schreiben die Autoren, und diese gingen über die Grenzen von Facebook weit ­hinaus. Dazu gehörten etwa Schuldgefühle oder der Eindruck, Zeit zu verschwenden. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass die Präsentation eines falschen Selbst nichts Neues und durchaus nicht auf die digitalen Medien beschränkt sei. Aber Facebook bilde ein besonders effizientes Vehikel und verführe dazu, ein solches falsches Selbst zu entwickeln und zu präsentieren.

Als Donna Freitas ihr Forschungsprojekt startete, rechnete sie damit, dass soziale Medien für die junge Erwachsenengeneration unverzichtbar seien. Aber sie war nicht darauf gefasst, in welchem Ausmaß die Befragten sich gezwungen fühlten, sich eben nicht authentisch darzustellen, also nicht mit Stärken, Schwächen oder Widersprüchen, sondern jederzeit fröhlich und erfolgreich. Die große Mehrzahl der befragten Studenten kam in den Gesprächen an diesen Punkt, und 70 Prozent der Umfrageteilnehmer stimmten dem zu. Überraschend war für Freitas auch der Befund, dass fast alle Befragten dies als ganz normal akzeptierten. Manche berührt es kaum, andere fühlen sich gestresst, einige ärgern sich regelrecht darüber, berichtet Freitas, aber nur ganz wenige stellen es ernsthaft infrage.

Junge Erwachsene haben gelernt, wie ungünstig es ist, in den sozialen Medien Schwächen zu zeigen, lautet die Schlussfolgerung von Donna Freitas: Wer Anzeichen von Ärger, Traurigkeit oder Verletzlichkeit preisgibt, stößt auf Schweigen, Zurückweisung, Kritik oder wird sogar gemobbt. Um dem zu entgehen, reagieren die Interviewteilnehmer genau richtig, so Freitas: Sie verzichten darauf, sich authentisch zu präsentieren, und bauen stattdessen Fassaden ihres Selbst: „Was ich auf Facebook poste, ist ehrlich, aber ich lasse Dinge weg“, berichtet beispielsweise die Studentin Lucy. Genauer gesagt lässt sie alle Informationen über sich selbst weg, die auch nur ansatzweise negativ wirken könnten. Michael, ebenfalls Student, meint: „Soziale Medien vermitteln das falsche Bild, dass du ein perfektes Leben hast.“ Und ein anderer Student erklärt, ihm gefalle nicht, dass „du in den sozialen Medien eine Fassade gestalten und dich selbst erfinden musst“.

Das digitale Ich braucht viel Pflege

Was passiert? „Es ist ein pausenloser Wettbewerb“, fasst Freitas zusammen. Eine der befragten Studentinnen schildert es so: „Die Leute versuchen ununterbrochen, sich gegenseitig auszustechen.“ Zwei Botschaften oder Variationen davon werden demnach immer wieder genannt: „Ich bin an einem besseren Ort als du, und ich bin glücklicher als du.“ Um in diesem Wettbewerb standhalten zu können, muss Imagepflege betrieben und am Online-Selbst gearbeitet werden: Der Aussage, dass sie in den sozialen Medien ein „bestimmtes Image von sich selbst schaffen und pflegen“, stimmten die meisten der von Freitas befragten Studierenden zu. Es herrsche außerdem die Erwartung vor, nicht nur ab und zu, sondern nahezu ununterbrochen am „künstlichen“ Online-Ich arbeiten zu müssen, um das erwünschte und hart erarbeitete Image auch aufrechterhalten zu können.

Was Mark Zuckerberg verlangte, die Präsentation des wahren Selbst auf Facebook, findet nicht mehr statt, sondern es geht darum, sein bestes, selbst definiertes Selbst zu präsentieren und eine Reputation zu erlangen. Die digitale Kultur in den sozialen Medien dient der Selbstvermarktung. Früher war ausgeprägtes Eigenmarketing auf Bewerbungen oder die Partnerwahl begrenzt, heute ist es allumfassend, im Beruf und privat, online und offline. Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard ist überzeugt, dass sich in der digitalen Welt die Darstellung unseres Selbst immer mehr verändert: „Die allgemeine Bereitschaft, jederzeit sichtbar und quantifizierbar zu sein, bringt Präsentationsformen des Selbst hervor, die sich an der Anpreisung von Produkten orientieren.“ Bernard spricht davon, dass die „Entfaltung des Selbst an permanente mediale Repräsentationen gebunden ist“. Oder kürzer formuliert: Im Internet gilt die Devise „My name is my brand“, bringt es Donna Freitas auf den Punkt.

Facebook, Instagram & Co sind die Vehikel zur Selbstpräsentation und zur Selbstvermarktung in der digitalen Welt. Um dorthin zu gelangen, braucht man aber noch immer das Smartphone. Darum fragte Donna Freitas ihre Studienteilnehmer auch danach und stellt fest: Es ist eine intensive Beziehung, die junge Erwachsene zu ihren Smartphones pflegen – und eine regelrechte „Hassliebe“.

Nicht ohne mein Smartphone

So sagte ein Interviewteilnehmer über das Gefühl, das sein Smartphone ihm vermittelt: „Es ist, als hätte ich die ganze Welt in meiner Hand.“ Ein anderer glaubte, sein Gerät lasse ihn fühlen, er könne „alles machen“. Ein dritter erklärte, das Smartphone sei wie sein „Lehnstuhl“ und verleihe ihm Sicherheit. Und eine Teilnehmerin sagte schlicht: „Ich liebe es – mit allem, was es mir gibt.“ Zweifellos, so das Resümee von Freitas, lieben Studenten ihre Smartphones und die Bequemlichkeit, die sie ihnen bieten, den schnellen Zugang zu fast allem, was sie machen wollen, sowie die permanente Verfügbarkeit des Internets.

Aber in gleichem Ausmaß würden Smartphones eben auch als Last erlebt, ergänzt die Forscherin. Einige berichteten, wie befreiend es gewesen sei, wenn sie sich einmal ein paar Stunden Auszeit gegönnt hätten – zugleich berichteten sie, wie schwierig genau das sei. Manche Teilnehmer erklärten, eigentlich gar kein Smartphone haben zu wollen, aber es zu müssen. Die meisten stimmten der Aussage zu, dass die Geräte zu der Erwartung geführt haben, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Etliche glaubten auch, dass Smartphones abhängig machen.

Die Befürchtung ist nicht völlig abwegig, und sie veranschaulicht die Zwiespältigkeit sehr gut: Psychologen ermittelten in einer 2017 veröffentlichten Studie, dass Smartphonenutzer umso wahrscheinlicher eine starke Trennungsangst entwickeln, je mehr sie ihr Gerät als Selbsterweiterung betrachten. Sie leiden dann unter „Nomophobie“, eine Kurzform für „No-Mobilphone-Phobie“.

Donna Freitas sieht in den Teilnehmern ihrer Studien keine Narzissten, sondern Pioniere der digitalen Welt – es ist die erste Generation, die ein Leben ohne sie nicht kennt, die Notwendigkeit des digitalen Eigenmarketings verinnerlicht hat und zugleich auch um die Vorteile der sozialen Medien weiß, nämlich mit anderen verbunden zu bleiben, mit ihnen Pläne zu machen, gemeinsame schöne Momente zu dokumentieren. Oder dass mit deren Hilfe auch einfach praktische Probleme gelöst werden können, etwa ein Zimmer zu finden oder sich zu verabreden.

Doch Pionier zu sein ist nicht einfach, meint Donna Freitas. Denn ihre Teilnehmer erleben das Internet als riesigen, unüberschaubaren „Ozean“ aus Informationen, Emotionen, Dramen, Druck, Erwartungen. Was ihnen fehle, sei Orientierung, schreibt die Forscherin. Sich in der riesigen digitalen Welt zurechtzufinden werde deshalb auf Dauer nur gutgehen, wenn sich jeder selbst gut kenne und für sich Leitplanken bauen könne, um sich zu schützen.

Aristoteles und die sozialen Medien

In seiner Nikomachischen Ethik schrieb der Philosoph Aristoteles über Lebenskunst. Aus einigen seiner Thesen entwickelte die Autorin Donna Freitas „acht klassische Tugenden“ des Social-Media-Zeitalters:

  1. Die Kunst, die eigene ­Verletzbarkeit und Dünnhäutigkeit zu akzeptieren
  2. Die Kunst, das reale Selbst für wertvoller zu halten als das Online-Selbst
  3. Die Kunst, Meinungsverschiedenheiten, Dissens und Unterschiede auszuhalten und sich dem Anpassungsdruck der sozialen Medien zu widersetzen
  4. Die Kunst, Erinnerungen loszulassen: Was soll im Netz stehenbleiben und was nicht?
  5. Die Kunst, in der Gegenwart zu sein
  6. Die Kunst, sich treiben zu lassen oder verspielt zu sein
  7. Die Kunst, mit den eigenen Gedanken allein zu sein
  8. Die Kunst, den Account zu kündigen

Quellen zu: Das digitale Ich und das wahre Selbst, Ausgabe 3/2017

Donna Freitas: The happiness effect. How social media is driving a generation to appear perfect at any cost. Oxford University Press, 2017

Andreas Bernard: Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur. S. Fischer, Frankfurt, 2017

Rob Cover: Digital Identities: Creatin and Communicating the Online Self. Academic Press, Elsevier, 2016

Andrea C. Villanti u. a.: Social media use and access to digital technology in US young adults in 2016. Journal of medical internet research, 19, 6, 2017. DOI: 10.2196/jmir.7303

Nina Strohminger u. a.: The true self: A psychological concept distinct from the self. Perspectives on psychological science, 7, 2017. DOI: 10.1177/1745691616689495

Dong Liu, Roy F. Baumeister: Social networking online and personality of self-worth. A meta-analysis. Journal of Research in Personality, 7, 2016. DOI: 10.1016/j.jrp.2016/06.024

Seunghee Han u. a.: Understanding nomophobia: Struktural Equation Modeling and semantic network analyses of smartphone separation anxiety. Cyberpsychology, Behavior and Social Networking, 20, 7. 2017. DOI: 10.1089/cyber.2017.0113

Gisela Kaiser: Digitale Süchte. Appst du schon oder lebst du noch? Koehlers, Hamburg, 2017

Elizabeth J. Wright u. a.: Facebook False Self-Presentation Behaviors and Negative Mental Health. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking. 10/2017.

Illustration zeigt eine Katze, die aus einem Handy springt, auf dem ein Löwe zu sehen ist
Katze springt aus Handy

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2018: Heilkraft Meditation
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