Die Rückkehr der Utopien

Es schien, als seien utopische Gesellschaftsentwürfe von der Bildfläche verschwunden. Nach den Desastern des 20. Jahrhunderts standen sie unter Ideologieverdacht. Nun kehren die Utopien, wenn auch zögerlich, zurück. Brauchen wir sie?

Die Rückkehr der Utopien

Es schien, als seien utopische Gesellschaftsentwürfe von der Bildfläche verschwunden. Nach den Desastern des 20. Jahrhunderts standen sie unter Ideologieverdacht. Nun kehren die Utopien, wenn auch zögerlich, zurück. Brauchen wir sie?

Angenommen, man führe mit einem groben Kamm einmal über den europäischen Kontinent. Die nationalen Grenzen blieben in den Zinken hängen, und man könnte sie entfernen wie widerborstige Haare. Dann könnten die Bürger der europäischen Städte und Regionen ein neues Europa bauen: dezentral, demokratisch, nachhaltig, sozial. Mit diesem Bild beginnt Ulrike Guérot, Publizistin und Direktorin des European Democracy Lab in Berlin, ihr neues Buch Warum Europa eine Republik werden muss!, der Untertitel: „Eine politische Utopie“.

Utopien sind Gegenentwürfe, in denen es um das große Ganze geht, um die Gesellschaftsordnung, um das Leben. Die längste Zeit der bundesrepublikanischen Geschichte waren solche Utopien verpönt. Zu katastrophal waren die Erfahrungen, die die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Versuchen machen mussten, utopische Gesellschaftsentwürfe zu verwirklichen. Wer mit gesellschaftlichen Visionen aufwartete, stand daher seit den 1950ern unter Ideologieverdacht. Pragmatik war das Gebot der Stunde, zusammengefasst in dem berühmten Diktum Helmut Schmidts, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen.

Nun sind Utopien wieder gefragt. „Utopien und die Angst vor der Katastrophe stehen schon immer in einem Wechselverhältnis“, sagt Wilhelm Voßkamp, emeritierter Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln. Und Angst vor Katastrophen haben wir heute reichlich:...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2017: Lebenskunst
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