„Konfliktfähige Menschen erleben Unterschiede als bereichernd“

Er ist ein Freund klarer Worte: Der Konfliktforscher Friedrich Glasl warnt vor Harmoniesucht und davor, jeden Meinungsunterschied als Streit zu bezeichnen

„Konfliktfähige Menschen erleben Unterschiede als bereichernd“

Er ist ein Freund klarer Worte: Der Konfliktforscher Friedrich Glasl warnt vor Harmoniesucht und davor, jeden Meinungsunterschied als Streit zu bezeichnen

Herr Glasl, mit wem haben Sie zuletzt gestritten?

Ist lange her. Mit einem Kollegen.

Worum ging’s?

Da ging es um unterschiedliche Auffassungen über das Corporate Design. Er ist Kollege in der Beratungsfirma, die ich mit gegründet habe. Es ging darum, wie das Erscheinungsbild bei Seminarunterlagen und allem möglichen anderen aussieht: Ich fand, es werde zu viel reguliert, und habe dem Kollegen mehr oder weniger vorgeworfen, zu regelwütig zu sein. Das hat dann ein bisschen die Stimmung aufgeheizt.

Wer hat gewonnen?

Keiner von beiden. Wir haben eine Lösung gefunden, die dazwischenlag. Und letztlich besser war, als es die zwei ursprünglichen gewesen sind.

Aber war das wirklich „gestritten“?

Na ja, schon, wir hatten sachliche Differenzen, aber da kamen auch Emotionen mit rein.

Also erfüllt die Auseinandersetzung die Kriterien, die Sie ansetzen, um einen Konflikt zu definieren?

Beinahe. Ich bin ja allgemein gegen den inflationären Gebrauch der Wörter „Konflikt“ oder „Streit“. Sobald es innerhalb der Regierungskoalition zwei verschiedene Ausgangspunkte oder Ideen bei Themen wie Bildungspolitik oder Flüchtlinge gibt, schreiben die Medien sofort vom „Streit“. Aber es ist doch wichtig, gerade am Beginn einer Auseinandersetzung, unterschiedliche Positionen zu vertreten und dann abzuwägen und zu schauen: Wer sieht was, was ich nicht sehe? Deshalb ist für mich die Tatsache, dass wir unterschiedliche Ziele, Werte, Vorstellungen, Wahrnehmungen von einer Sache haben, noch lange kein Konflikt. In der Fachliteratur definieren 80 von 100 Autoren den Konflikt als das Vorhandensein unterschiedlicher bis gegensätzlicher Ideen, Interessen, Werte, Ziele und so weiter. Dem widerspreche ich, weil eine so weite Definition des Konflikts ihn völlig sinnlos und sinnentleert macht. Denn dann bin ich ja immer mit dem Rest der Welt in Streit! Erst wenn es uns nicht gelingt, mit den Differenzen konstruktiv umzugehen, kann daraus ein Konflikt entstehen.

Was heißt konstruktiv umgehen?

Konstruktiv im Sinne von „konfliktfähig“ heißt für mich: Ich kann meine Standpunkte klar artikulieren und vorbringen, ich bin aber genauso offen für die Anliegen der Gegenseite. Konfliktfähige Menschen gehen einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg, denn sie...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2017: Nichts zu bereuen!
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