Was das Gesicht verrät

Welche Emotionen kann man an der Mimik erkennen? Und was sagt das Gesicht über die Persönlichkeit eines Menschen aus?

Was das Gesicht verrät

Welche Emotionen kann man an der Mimik erkennen? Und was sagt das Gesicht über die Persönlichkeit eines Menschen aus?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Einreisekontrolle am Flughafen. Doch statt Sie wie sonst durchzuwinken, greift der Passbeamte zum Telefon, und schon ein paar Minuten später werden Sie von Polizisten abgeführt. Denn eine Software zur Gesichtserkennung hat sie als Terroristen identifiziert. Was wie ein Albtraum klingt, ist längst Realität. So behauptet das israelische Start-upFaception, seine Software könne mit 80-prozentiger Genauigkeit allein am Gesicht erkennen, ob eine Person ein Terrorist, ein Pädophiler oder ein professioneller Pokerspieler ist. „Unsere Persönlichkeit wird durch unsere DNA bestimmt und zeigt sich in unserem Gesicht“, behauptet Shai Gilboa, CEO von Faception. Das Unternehmen arbeite bereits mit Regierungsbehörden und internationalen Sicherheitsorganisationen zusammen, darunter auch das amerikanische Heimatschutzministerium.

Was Faception anbietet, klingt verlockend: Ein Blick ins Gesicht zeigt, wer der andere ist. Ob er gute oder schlechte Absichten hat, ob er intelligent ist oder nicht. Der Wunsch, anhand des Gesichts den Charakter eines Menschen zu erkennen, ist weit verbreitet. Das ist auch das Versprechen der im 18. Jahrhundert entstandenen Pseudolehre Physiognomik, die behauptet, anhand von Nasenform oder Kinn die Persönlichkeit eines Menschen zu erkennen.

Gibt es universelle Basisemotionen?

Ob bei der Bewerber- oder Partnerauswahl, in der Verhandlung oder Werbung – überall sollface readingwertvolle Dienste leisten und die Persönlichkeit des Menschen entschlüsseln. Zahlreiche Gesichterleser unterschiedlichster Provenienz bieten Vorträge, Beratung und Trainings dazu an. Doch „vieles, was auf dem Markt angeboten wird, ist Scharlatanerie und in keiner Form irgendwie evaluiert“, sagt Oliver Wilhelm, Professor für psychologische Diagnostik an der Universität Ulm. „Als Wissenschaftler kann man sich da manchmal nur fremdschämen.“

Lässt sich überhaupt etwas aus einem Gesicht lesen? Einer der Begründer der modernen Emotionserkennung ist Paul Ekman. Der US-Psychologe identifizierte sieben Basisemotionen – Ärger, Angst, Trauer, Ekel, Überraschung, Verachtung und Freude –, die angeblich universell bei allen Menschen vorhanden sind. 1978 publizierte er sein FACS-System. Die Abkürzung steht fürFacial Action Coding System– also für ein Gesichtsbewegungs-Kodierungssystem. Es ordnet jeder sichtbaren Bewegung der mimischen Muskulatur eine „Bewegungseinheit“ zu, die eine einzelne oder mehrere Muskelbewegungen zusammenfasst. Damit ist es möglich, Gesichtsausdrücke zu beschreiben und zu klassifizieren. Insgesamt gibt es 44 solcher Einheiten. Dazu gehört zum Beispiel das Heben der Augenbrauen innen oder außen oder das Rümpfen der Nase.

Das FACS-Modell gilt als einigermaßen fundiert und bildet auch die Grundlage für zahlreiche Softwareprogramme zur Emotionserkennung wie das Programm SHORE des Fraunhofer-Instituts in Erlangen. Die automatische Mimikanalyse kann emotionale Reaktionen in Echtzeit erfassen und wird vor allem im Bereich der Marktforschung eingesetzt. Sie soll spontane Reaktionen auf einen Werbespot oder ein Produkt registrieren.

Gleichzeitig tobt in der Wissenschaft jedoch ein Streit darüber, ob es die von Ekman beschriebenen Basisemotionen überhaupt gibt. So betrachtet die eine Fraktion sie als genetisch verankert und geht davon aus, dass sich jede dieser Basisemotionen im entsprechenden Gesichtsausdruck widerspiegelt. Für die andere Seite gibt es diese genetisch verankerten Basisemotionen nicht. Für sie unterliegen menschliche Emotionen lediglich den beiden Dimensionen der Erregung und des Affekts, die auf einem Spektrum von niedrig bis hoch beziehungsweise von positiv bis negativ eingeordnet werden können. Die Emotion Furcht wäre dann eine kognitive Interpretation der Wahrnehmung hoher körperlicher Erregung und eines hohen negativen Affekts.

Mimik lässt sich kontrollieren

Christian Montag, Professor für molekulare Psychologie an der Universität Ulm, glaubt dagegen, dass beide Seiten miteinander zu versöhnen sind. So habe unser Gehirn evolutionär unterschiedlich alte Schichten. Im ältesten Teil unseres Gehirns seien demnach die Primäremotionen verankert, die bei einem entsprechenden Reiz zu einer automatischen Reaktion führen und somit Überleben sichern können. So wird etwa eine automatische Furchtreaktion ausgelöst, wenn wir mit einer unmittelbaren Gefahr konfrontiert werden. Im normalen Alltag blockt dagegen der präfrontale Kortex zumeist die Energie aus diesen alten Hirnarealen und reguliert damit die Basisemotionen. Schließlich ist es nicht immer angebracht, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Die Folge kann ein verfremdeter Gesichtsausdruck sein. Wie stark die Primäremotionen aktiviert und kognitiv abgemildert werden können, ist jedoch individuell verschieden. „Das ist eine äußerst komplexe Sache“, mahnt der Psychologe, und es zeige, wie problematisch allgemeine Aussagen zu individuellen Gesichtsausdrücken sind.

Das belegt auch ein Experiment, das Oliver Wilhelm durchgeführt hat. Dabei bekamen die Versuchspersonen sehr schmerzhafte Elektroschocks. Einmal sollten sie ihre Schmerzen im Gesichtsausdruck zeigen, und ein anderes Mal sollten sie sich nichts anmerken lassen. „Menschen können ihre Gesichtsmuskeln unterschiedlich gut steuern“, so der Psychologe. „Bei manchen hat trotz Schmerz nicht mal eine Augenbraue gezuckt.“ Vom Gesichtsausdruck automatisch auf die Emotion einer Person zu schließen könne daher irreführend sein.

Um den wahren Gefühlen auf die Schliche zu kommen, beschäftigt sich der US-Psychologe Paul Ekman bereits seit 1967 mit den sogenannten Mikroexpressionen. Das sind Gesichtsausdrücke, die „innerhalb von einer 25stel-Sekunden auftreten und die wahren Emotionen einer Person zeigen“, heißt es auf der Website derPaul Ekman Group. Wenn jemand seine Gefühle verberge, dann sickerten sie oft durch die extrem kurzen Gesichtsausdrücke durch. Doch die Theorie der Mikroexpression ist höchst umstritten. „Ekmans Theorie hat einer kritischen Prüfung bisher nicht standgehalten“, erklärt Claus-Christian Carbon, Psychologieprofessor an der Universität Bamberg.

Ist das ein Terrorist?

Dennoch setzte man in den USA trotz fehlender wissenschaftlicher Belege auf Ekmans Mikroexpressionstheorie. So berichtete die ZeitschriftNatureim Mai 2010, dass rund 3000 Mitarbeiter derTransportation Security Administration(TSA) an 161 Flughäfen mit einem auf Ekmans Theorie basierenden Programm geschult wurden, um Personen identifizieren zu können, die eine potenzielle Sicherheitsbedrohung darstellen. Von Januar 2006 bis November 2009 wurden damit mehr als 232  000 Passagiere einem zusätzlichen Sicherheitscheck unterzogen. Weniger als ein Prozent davon wurden festgenommen, allerdings vor allem wegen krimineller Vergehen, die nichts mit Terrorismus zu tun hatten. Das Millionen Dollar teure Programm gilt als gescheitert.

Bereits 2008 hatten die beiden kanadischen Forscher Stephen Porter und Leanne tenBrinke in ihrer StudieReading between the Liesdie Existenz und Relevanz der Mikroexpressionen stark in Zweifel gezogen. Das Durchsickern von inkonsistenten Emotionen geschah bei allen Personen mindestens einmal und dauerte länger als die von Ekman definierten Mikroexpressionen.

Wir sind Profis im Lügen

Auch Ekmans Behauptung, dass sich allein aufgrund der Gesichtsausdrücke 70 Prozent aller Lügen entdecken lassen, hält bisher keiner empirischen Prüfung stand. „Zahlreiche Metaanalysen zeigen, dass die Entlarvung von Lügnern nur knapp über der Ratewahrscheinlichkeit liegt und sich auch kaum trainieren lässt“, erklärt Psychologieprofessor Wilhelm. Weil wir wahrnehmen wollen, was andere fühlen, und andere genau das verbergen wollen, gebe es so etwas wie ein Wettrüsten. Und da Lügen sanktioniert werden, wenn sie auffliegen, strengen wir uns besonders an. „Wir sind Profis im Lügen“, so der Psychologe.

„Wir können im Gesicht mal besser, mal schlechter Emotionen erkennen, aber nicht den tatsächlichen Charakter einer Person“, so das Fazit der Psychologin Friederike Funk von der Universität zu Köln, die an der Princeton-Universität in den USA zur Gesichterwahrnehmung promoviert hat. „Trotzdem schließen wir automatisch vom Gesicht auf die Persönlichkeit und überprüfen nicht, ob unser Bild auch stimmt.“ Ein Grund dafür sei, dass wir psychologisch gesehen „kognitive Geizkragen“ sind und uns alles so einfach wie möglich machen wollen. Wer zum Beispiel aufgrund von tiefstehenden Augenbrauen oder herunterhängenden Mundwinkeln wenig vertrauenswürdig erscheint, dem wird dann automatisch ein schlechter Charakter zugeschrieben.

Zu welchen schockierenden Folgen das führen kann, zeigt eine Studie der beiden kanadischen Psychologen John Paul Wilson und Nicholas O. Rule aus dem Jahr 2015. Sie fanden heraus, dass in den USA wegen Mord ersten Grades verurteilte Häftlinge mit „nicht vertrauenswürdigen Gesichtern“ überdurchschnittlich oft zum Tode statt zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt wurden.

„Gesichter liefern uns keine Landkarte für die Persönlichkeit“, warnt Alexander Todorov, Psychologieprofessor an derPrinceton Universityin New Jersey und einer der renommiertesten Forscher zur Gesichtswahrnehmung. „Bis zu einem gewissen Ausmaß können Gesichter unseren emotionalen und kognitiven Zustand zeigen – zum Beispiel wenn wir übernächtigt sind – oder unser Alter, Geschlecht und unsere ethnische Zugehörigkeit. Aber all die Signale sind nie eindeutig.“ In seinem aktuellen BuchFace Value. The Irresistible Influence of First Impressions(Princeton University Press) zeigt Todorov, dass dasselbe Gesicht als Mann oder Frau wahrgenommen werden kann, wenn der Kontrast von Augen und Mund zum restlichen Gesicht verändert wird. „Unsere Eindrücke sind vor allem ein Spiegel unserer eigenen Vorurteile und Stereotypen“, sagt Todorov. Was wir im Gesicht eines anderen Menschen zu erkennen glauben, hängt also nicht von dessen Gesichtszügen ab, sondern von unserer eigenen Lerngeschichte. Da helfen auch die ausgeklügelten Computeralgorithmen von Faception nicht.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2017: Wie tickt dieser Mensch?
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