Das Netz macht uns zu Rüpeln

„Respekt“ ist zum Modewort geworden: Jeder fordert ihn für sich und andere ein. Trotzdem scheint es um den rücksichtsvollen Umgang miteinander nicht gut bestellt zu sein. Daran haben die sozialen Medien einen gehörigen Anteil

Das Netz macht uns zu Rüpeln

„Respekt“ ist zum Modewort geworden: Jeder fordert ihn für sich und andere ein. Trotzdem scheint es um den rücksichtsvollen Umgang miteinander nicht gut bestellt zu sein. Daran haben die sozialen Medien einen gehörigen Anteil

Kaum ein Tag vergeht, an dem Bürgerinitiativen, Pädagogen oder Politiker nicht Alarm schlagen. Die Forderung nach mehr Respekt schallt uns heute überall entgegen – in der Stadtteilversammlung, auf dem Fußballplatz und Schulhof oder in TV-Werbespots. Kein Bundesligaspiel im Fernsehen ohne den „Respekt!“-Trailer.

Wenn ein Gut so vehement eingefordert werden muss, scheint es rar geworden zu sein. Da sei etwas aus dem Lot geraten, meint Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Der beklagte unlängst im Zusammenhang mit der wachsenden Zahl von diffamierenden Websites und Blogs die Respektlosigkeit, die insbesondere im Internet um sich greife.

Respekt ist die Idee einer Grenze der Unantastbarkeit, die jeden Menschen, ja jedes Lebewesen umgibt. Sie schützt uns in unserer individuellen Würde, Autonomie und Unverwechselbarkeit. Respekt war immer schon, auch lange vor dem Internet, eine „knappe Ressource“, wie der Soziologe Richard Sennett schrieb. Respekt muss sich immer wieder neu gegen Kräfte behaupten, die ihn aushebeln: Voreingenommenheiten, Vorurteile oder negative Energien, die auf uns gerichtet werden. Doch heute wird unsere Fähigkeit zum respektvollen Umgang mit anderen auf ganz neue Weise herausgefordert. Es sind die Folgen der „Hypervernetzung“, die uns zu schaffen machen.

Eine der ernüchternden Erkenntnisse unserer digitalen Epoche ist, dass das allzeit transparente Internet nicht nur alte Ressentiments beseitigt, sondern ganz neue schafft. Das behauptet jedenfalls der britisch-amerikanische Autor Andrew Keen, einer der schärfsten Internetkritiker. In seinem...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2015: Moment mal!
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