Gruseln in Tschernobyl

Trend „Dark Tourism“: Was bewegt Menschen dazu, an Schreckensorte zu reisen, die vom Leid anderer künden?

Touristen in Prypjat, weniger als drei Kilometer entfernt von Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. © Gerd Ludwig/National Geographic

Gruseln inTschernobyl

Ob Ground Zero, die Killing Fields in Kambodscha oder die Sperrzone rund um den ehemaligen Nuklearreaktor in der Ukraine: Was bewegt Menschen dazu, zu Schreckensorten zu ­reisen, die vom Leid der anderen künden?

Mit einem Sundowner auf der Kaimauer sitzen und den Sonnenuntergang bewundern. Nach einer Wanderung verschwitzt und glücklich auf der Almhütte ankommen und mit einem Weizenbier in der Hand die spektakuläre Aussicht genießen. In Museen das Staunen wieder lernen. Inspiration, Genuss, Erholung, das ist der Stoff, aus dem die üblichen Urlaubsfantasien sind.

Doch eine wachsende Zahl von Touristen findet es verlockender, sich im Urlaub im ehemaligen Militärknast im Hafen von Riga anbrüllen und wegsperren zu lassen oder zu den Killing Fields in Kambodscha zu reisen, wo mehr als hunderttausend Menschen von den Roten Khmer ermordet wurden.

Statt ins Kunstmuseum zu gehen, pilgern sie gezielt zu Orten des Leids, bewegen sich auf den Spuren des viktorianischen Serienmörders Jack the Ripper durch London oder reisen mit dem Geigerzähler nach Tschernobyl und verschicken Selfies aus der Todeszone. Für rund 200 Euro kann man bei einer ukrainischen Agentur einen geführten Kurztrip in das Areal um den havarierten Reaktor buchen, Spaziergang durch die Geisterstadt Prypjat inklusive. Das Unternehmen Chenrobylwel wirbt mit 36 aufregenden Stunden in der Sperrzone und war 2018 erstmals auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin vertreten.

Gefängnisse, Konzentrationslager, Schlachtfelder

Dark tourism bezeichnet einen Trend, im Urlaub Orte zu besuchen, an denen Menschen verunglückt sind, gequält und ermordet oder Opfer von Naturkatastrophen wurden. 1996 verwendeten die britischen Autoren John Lennon und Malcolm Foley...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Gesellschaft
Sich unverklärt an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern schützt vor dem Verlust der eigenen Identität, sagt Gedächtnispsychologe Jonas Rees. ​
Gesellschaft
Reisen gehört zur Lieblingsbeschäftigung von uns Deutschen. Doch was suchen wir, wenn wir in andere Länder fahren? Das, was wir auch zu Hause haben? Oder sind...
Gesellschaft
Ein Museumsbesuch ist bisweilen ganz schön anstrengend, vor allem wenn man versucht, möglichst viel hineinzupacken. Durchschnittlich 20 Sekunden, so zeigt die...
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2018: Die Kraft des Verzeihens
Anzeige
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Gesellschaft
Selbsttötungen und Suizidgedanken sind weiter verbreitet, als man meint. Doch niemand spricht darüber. Dabei könnte genau das Leben retten.
Beziehung
Die Liebe zu begreifen ein schwieriges Unterfangen. Sie ist weder rein körperlich noch rein geistig. Was hat es mit ihr auf sich?