Ist keine Religion die neue Religion?

Immer mehr Menschen in Europa gehören keiner Konfession an. Die Soziologin Linda Woodhead erforscht, woran glaubt, wer nicht glaubt.

Organisierte Religionen verlieren an Attraktivität. Laut Linda Woodhead bedeutet das jedoch noch lange keinen Triumph des Säkularen © Getty Images

Ist keine Religion die neue Religion?

Immer mehr Menschen in Europa gehören keiner Konfession an. Aber bedeutet das auch eine grundsätzliche Abkehr vom Glauben? Die britische Soziologin Linda Woodhead erforscht, warum organisierte Religionen an Attraktivität verlieren und woran glaubt, wer nicht glaubt

Frau Professor Woodhead, seit Jahrzehnten leeren sich in Westeuropa die Kirchen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ich beobachte, dass an die Stelle kirchlicher Bindung mehr und mehr die individuelle Vermischung religiöser Ideen tritt, denn viele Konfessionslose pflegen im privaten Bereich eigene spirituelle Praktiken. Ein Beispiel: Wer sich heute in England oder Deutschland beerdigen lassen will, bekommt zusätzlich zu den rein christlichen Ritualen christlich-säkulare Mischformen angeboten. Bestattungen gibt es nunmehr in vielen Varianten. Urnen werden unter Bäumen oder in einer Seebestattung beigesetzt, Menschen lassen die Asche ihrer Liebsten zu Diamanten pressen und tragen sie als Brosche.

Christliche Rituale werden demzufolge seltener angewendet?

Genau, vor 20 Jahren etwa waren alternative Bestattungen noch exotisch. Heutzutage sind Bestattungen ein gedankenvoller Moment, bei dem der Wunsch nach dem Sinn des Lebens über den Tod hinaus deutlich wird. Und dies war jahrhundertelang doch das Kerngeschäft der organisierten Religionen. Heute wenden sich viele Menschen von den Kirchen ab und versuchen, eine eigene Bedeutung in ihrem Leben zu erschaffen. Immer mehr Menschen ist es wichtig, das zu tun, womit sie sich wohlfühlen, und nicht, was die Norm diktiert. Im weltweiten Vergleich sehen wir solche Entwicklungen vor allem in liberalen Demokratien, jenen, die zuvor mehrheitlich christlich waren, etwa Deutschland, Frankreich, Niederlande, Australien und USA. Konfessionslose legen viel Wert auf ihre eigenen Überzeugungen und sagen häufig von sich, dass sie auf ihre Weise gläubig sind.

Wie ist das zu verstehen?

Konfessionslose wollen nach unseren Umfragen weder als säkular, also komplett nichtreligiös, noch als spirituell gelten. Sie wehren sich gegen jegliche Zuordnung. Insgesamt haben wir es mit einem tiefgreifenden Wertewandel zu tun, besonders mit dem Wechsel von einem Ethos der Selbstaufopferung für höhere Zwecke zu einem Ethos der Selbstverwirklichung. Menschen in liberalen Demokratien leben die Überzeugung, dass sie das Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung haben. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die wachsende religiöse Vielfalt, die der Entscheidung für eine einzige Religion entgegenwirkt.

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

In den hochentwickelten westeuropäischen Ländern haben viele Menschen umfangreiche Selbstverwirklichungsmöglichkeiten und berufliche Chancen, die einen Großteil der Aufmerksamkeit absorbieren und von religiösen Fragen ablenken. Außerdem ist der Zeitfaktor bedeutsam, denn Zeit ist zu einer knappen Ressource geworden. Hinzu kommt eine zunehmend kritische Einstellung gegenüber dem Glauben im Allgemeinen. Und ich beobachte noch etwas: Je reicher eine Gesellschaft ist, desto weniger spielt die Religion eine Rolle. Es gibt sogar einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Ausprägung einer Religion und dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt, das heißt, materieller Reichtum vergrößert individuelle Handlungsmöglichkeiten, ermöglicht mehr Konsum, mehr Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und mehr Verwirklichung im Beruf. Auch das bewirkt indirekt eine Abkehr vom Glauben.

Wer sind eigentlich die Nones, die Konfessionslosen?

Die Nones, das sind Gläubige, es können aber auch Atheisten sein, also Personen, die nicht an Gott glauben. Es sind jene Menschen, die zumeist christlich erzogen wurden und nun davon überzeugt sind, dass es jedem Einzelnen obliegt, zu entscheiden, wie man das eigene Leben lebt, ohne höheren Autoritäten zu gehorchen. Nones lehnen Religionen als verbindliche Quelle für persönliche Wertvorstellungen ab. Übrigens: Sie werden so genannt, weil sie bei der Angabe zur Religion weder das Kästchen „christlich“ noch „Sonstiges“ ankreuzen, sondern „keine“ – auf Englisch none. Nones haben laut meinen Forschungsergebnissen einige Gemeinsamkeiten: Sie betrachten sich als Individuen und nicht als Teil einer Gruppe und legen großen Wert darauf, sich nichts vorschreiben zu lassen. Die Nones haben generell äußerst liberale Ansichten, es sind oft Hochgebildete, Städter und Besserverdiener.

Spielt das Alter eine Rolle?

Ja, besonders in der Generation, die jünger ist als 40. In diesem Alter ist die Bereitschaft, einer organisierten Religion anzugehören, gering. Diese Entwicklung wird sich zukünftig noch verstärken – entscheidend dafür ist auch der Rückgang religiöser Erziehung insgesamt. Nahezu alle Kinder, die im Elternhaus nichtreligiös erzogen wurden, bleiben in späteren Jahren der Kirche fern. Und etwa die Hälfte jener Kinder, die mit dem christlichen Glauben aufwuchsen, hält an ihrer Konfessionszugehörigkeit fest. Also, Religiosität ist eine Frage des Alters und hat ebenso mit den Auswirkungen der spirituellen Revolution zu tun.

Was meinen Sie mit spiritueller Revolution?

Es geht um den Formenwandel der Religionen in unserer Gesellschaft, durch den neue, individuelle Einstellungen an Bedeutung gewinnen. Diese treten mehr und mehr an die Stelle der rückläufigen kirchlichen Bindungen. In unserer heutigen Welt gibt es ein starkes Bedürfnis nach Transzendenz, was nicht nur das Göttliche an sich meint, sondern auch das, was überhaupt jenseits der Grenze des vernünftig Erfahrbaren oder des mit unseren Sinnen Erfahrbaren liegt, zum Beispiel Naturerscheinungen des Kosmos in Verbindung mit göttlichen Mächten. Viele Menschen verknüpfen Elemente der Transzendenz und der Spiritualität, ohne dass sie dabei Kirchen, Tempel und Gotteshäuser benötigen.

Was sind denn die Werte der Nones?

Nones wollen nicht in eine Schublade gesteckt werden. Sie mögen keine Dogmen, keine moralischen Vorschriften, lehnen jegliche Art von Anführertum ab. Nones wollen selbst Entscheidungen treffen – oder wenigstens das Gefühl haben, dass sie Entscheidungen treffen können. Wichtig ist ihnen, dass sie selbst auswählen, was sie aus dem religiösen Fundus annehmen oder ablehnen. Generell können sich Religionsgemeinschaften erfolgreich behaupten, wenn sie sich der modernen Welt anpassen und die Freiheiten des Einzelnen respektieren. Das gelingt gut in Skandinavien, dort gibt es in den liberalen Kirchen – im Gegenteil zur konservativen Church of England – zum Beispiel keinen nennenswerten Mitgliederschwund. 

Was macht denn die wachsende Konfessionslogigkeit in Ländern wie England aus?

Die Soziologie tut sich bislang schwer bei der Erforschung der Ursachen. In Großbritannien ist über die Hälfte der Bevölkerung konfessionslos, in Deutschland sind es 34 Prozent. Lediglich im Osten Deutschlands sowie im Großraum Frankfurt und in Hamburg stellen Nones die absolute Mehrheit. Es lassen sich jedoch schwer Gemeinsamkeiten finden, die typisch für Konfessionslose sind, meistens sind sie jung und liberal, aber das trifft auch für viele Mitglieder von Kirchengemeinden zu.

Ist auch die Zahl der Atheisten gestiegen?

Ja, dennoch wächst die Gruppe der Menschen, die nicht in die Kirche gehen, stärker als die der Atheisten. Das ist ein Unterschied. Die meisten Nones sind nicht zwangsläufig überzeugte Atheisten. Viele stehen der Religion wohlwollend gegenüber und schätzen verschiedene religiöse Elemente, doch die Zunahme Nichtreligiöser ist nicht der Triumph des weltlichen Atheismus. Im Wesentlichen geht es darum, gegenwärtige Formen organisierter Religion abzulehnen und nicht Aspekte der Religion an sich.

Jeder Mensch braucht einen Sinn im Leben. ­Woran glaubt, wer nicht glaubt?

Es gibt nicht die eine Antwort. Die Nones sind sehr verschiedenartig, aber ich denke, dass für diese Gruppe der Sinn des Lebens in der Selbstverwirklichung liegt, dass jeder das Beste aus seinen Talenten machen und anderen, nahestehenden Menschen dabei auch behilflich sein sollte. An irgendetwas glauben wir doch alle: an das persönliche Wohlergehen, an ein gelingendes Leben – trotz aller Diesseitigkeit kommt niemand ohne Glauben aus. Man muss ja nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um zu beten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben. Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders kann, als zu glauben.

Ist somit keine Religion die neue Religion?

Das kann man nicht so einfach beantworten. Die Anzahl der Anhänger der klassischen Religionen geht in den westlichen Ländern zwar weiter zurück, trotzdem ist die Zunahme der Nones kein Siegeszug des Säkularen. Vielmehr gibt es Mischformen zwischen Glauben und Nichtglauben: Ein Glaube an das Universum kann den Glauben an einen Schöpfergott ablösen. Es haben sich neue weltliche Rituale entwickelt, die sich auch religiöser Formen bedienen. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod verzeichnet gerade wieder einen Aufwärtstrend. Was wirklich interessant ist – die Abkehr von Kirche und Religion bedeutet eben nicht unbedingt Säkularisierung.

Religiöse Werte wie Demut, Bescheidenheit, Verzeihen oder Dankbarkeit haben einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit. Wie können diese Werte weiterhin gepflegt werden?

Die wichtigste Art und Weise, wie eine Gesellschaft die für sie wesentlichen Werte weitergibt, ist der elterliche Einfluss. Bildung, Erziehung und Medien leisten in der Wertevermittlung einen wichtigen Beitrag. In der Vergangenheit übernahm in entscheidendem Maße die Religion diese Aufgabe – da ihr Einfluss jedoch nachlässt, werden anderen Kanäle wichtiger. Religion konkurriert mittlerweile mit dem Internet, den sozialen Medien, dem Einfluss der Gleichaltrigen und den Überzeugungen des Konsumentenkapitalismus. Ich bin der Auffassung, dass unsere heutige Gesellschaft zu wenig darauf achtet, Menschen über Werte, Kulturen und Traditionen aufzuklären und darüber nachdenken zu lassen.

Kann Religion nicht auch eine Fundgrube für das säkulare Leben sein?

Religion, vor allem das Christentum, ist ein wichtiger Teil des europäischen Erbes. Es hat die Architektur und die Kultur geprägt. Wir können uns nicht von unserer Vergangenheit lösen, ohne Schaden zu nehmen, also brauchen wir neue Wege, um ein neues Verhältnis zur Religion zu erlangen. Die Vorstellung, man müsse sein ganzes Leben an Gott und am christlichen Glauben ausrichten, ist in einer pluralen, komplexen und differenzierten Gesellschaft unrealistisch. So halten viele Menschen es durchaus für wichtig, dass ihre Kinder die Zehn Gebote kennen, doch für ihre politischen Entscheidungen spielt Religion keine Rolle mehr. Ich glaube nicht, dass es ein völliges Absterben des Christentums geben wird, doch die Zunahme der Konfessionslosigkeit lässt sich nicht umkehren. Der Prozess der Entkirchlichung und der Abschwächung des Religiösen wird sich auf jeden Fall fortsetzen. Es ist nun die Zeit des Experimentierens gekommen. Ich hoffe, wir investieren unsere Gedanken und Vorstellungen in dieses Projekt, individuell sowie gesellschaftlich.

Linda Woodhead ist Professorin für Religionssoziologie an der Lancaster University. Sie hat mehrere Bücher ­veröffentlicht, darunter The Spiritual ­Revolution. Why Religion is giving Way to Spirituality (2005) und A Sociology of Religious Emotion (2010)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2018: Der Ex-Faktor
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