Die Macht des Gedruckten

Kinder und Erwachsene verbringen weniger Zeit mit Büchern. Der Abschied vom klassischen Lesen verändert unsere Art zu denken – und hat womöglich Folgen für unsere Entwicklung.

In meiner Kindheit kämpfte ich an der Seite von Momo gegen die grauen Herren, die uns die Zeit stehlen wollten. Ich reiste mit Jim Knopf in die Drachenstadt Kummerland, wo er eine Prinzessin aus den Fängen der garstigen Frau Mahlzahn befreite. Neben Frodo Beutlin zog ich in das von grässlichen Orks bewohnte Mordor, um einen magischen Ring in einem Feuerberg zu versenken. Ich spürte eine trockene Kehle, als Otto Lidenbrock und sein Neffe Axel beinahe verdursteten – sie hatten sich auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde in einem labyrinthartigen Tunnel verirrt. All diese Bücher lehrten mich, was George R. R. Martin einen Protagonisten in der Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer sagen lässt: Ein Leser lebt tausend Leben, bevor er stirbt. Wer niemals liest, lebt nur eins.

Maryanne Wolf, Direktorin des Center for Reading and Language Research der Tufts University in Boston, schreibt in ihrem Buch Das lesende Gehirn: „Vielleicht werden wir nie in einem Heißluftballon fliegen, ein Rennen gegen einen Hasen gewinnen und mit Prinzen bis Mitternacht tanzen – aber durch diese Geschichten erfahren wir, wie es sich anfühlt.“ Beim Eintauchen in ein Buch treten wir aus uns heraus und fangen an, „das andere“ zu begreifen. Und trotzdem verzichten immer mehr Menschen auf diese mentalen Reisen.

Die amerikanische Organisation Common Sense Media wertete im Mai 2014 Umfragen aus den vergangenen 20 Jahren aus. Demnach gaben 1984 in den USA acht Prozent der 13-Jährigen und neun Prozent der 17-Jährigen an, in ihrer Freizeit nie oder fast nie in ein Buch zu schauen. 2014 hat sich dieser...

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