„Das Fremde ist verlockend“

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Stephan Thome über unseren ambivalenten Umgang mit dem Unbekannten und Unvertrauten.

Fasziniert von fremden Kulturen und fremden Seelenlandschaften: Stephan Thome.
Das Foto zeigt den Schriftsteller Stephan Thome © Max Zerrahn / Suhrkamp Verlag

Herr Thome, Ihre Protagonisten stehen oft vor der Aufgabe, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen. Was interessiert Sie an diesem ­Thema?

Das hat mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Mit 23 bin ich für ein Jahr als Austauschstudent nach China gegangen. Aus Neugierde und Abenteuerlust. Und weil es sich für mein Philosophiestudium anbot, auch östliche Denker kennenzulernen. Mit minimaler Vorbereitung, zwei Ferienkursen Chinesisch, war ich dann 1995 plötzlich da. Es war eine sehr profunde Erfahrung von Fremdheit! Alles war unbekannt, ich verstand die Leute nicht, konnte Straßenschilder und Speisekarten nicht lesen. China war zu der Zeit noch wenig geübt in und geprägt von der Anwesenheit von Ausländern. Einerseits war ich enorm verunsichert. Manchmal, wenn ich mich überfordert in mein Zimmer zurückzog, die Welt draußen ausblenden wollte, habe ich anderseits bereits geahnt, dass ich gerade eine wertvolle Erfahrung mache. Ich gewann zum Beispiel schnell die Einsicht, dass der Teil der Welt, in dem wir uns auskennen, dem wir kognitiv gewachsen sind, letztlich klein und der größte Teil der Welt uns fremd ist. Seitdem bin ich für das Thema sensibel.

Wie genau prägt diese Erfahrung Ihr Schreiben?

Sie läuft immer mit. Man kann literarisch daran auf unterschiedliche Art andocken. Nachdem mir etwa bewusstwurde, dass Fremdheit allgegenwärtig ist, stellte sich mir bald die Frage, ob das, was wir als bekannt oder prägend bezeichnen, also etwa die ­Familie oder die Heimatregion, uns...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2019: Bin ich gut genug?
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