Sexting statt Sex?

Junge Menschen sind heute sexuell zurückhaltender als frühere Generationen. Sie empfinden auch mehr Scheu, sich nackt zu zeigen.

Die Collage zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau, die gleichzeitig freizügig sind und doch keusch ihre Nacktheit bedecken
Nacktheit löst bei jungen Menschen heute oft Scham aus. © Christian Barthold

F  ast die Hälfte der Menschen im Alter zwischen 18 und 34 sind „Jungfrauen“, sie hatten noch nie in ihrem Leben Sex. In der Gesamtbevölkerung sind unter den Ledigen 70 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen ohne Beziehung. Sie haben sich anderen Formen der Sexualität – etwa via Internet oder unter dem Einsatz von Puppen und Robotern – sowie der Selbstverwirklichung zugewandt.

Nein, dieses Szenario ist keine Vision einer bizarren Zukunft, sondern es sind Fakten aus der heutigen Realität Japans, erhoben 2015 vom Japanischen Institut für Bevölkerungs- und Sozialstudien. Die Forscher dort konstatieren seit 1987 ein abnehmendes Interesse an Beziehung, Sex und Eheleben bei jungen Menschen – mit erheblichen demografischen und sozialen Folgen. Zwar nicht schamlos, aber gewissermaßen unverschämt findet es Premierminister Shinzo Abe, dass Menschen im besten reproduktionsfähigen Alter seine Aufforderung, sich wieder vermehrt zu vermehren, einfach ignorieren.

Japan mag ein Spezialfall sein, aber auch in den USA, in Australien und in europäischen Staaten geht der Trend in Richtung späterer und seltenerer Sex. Laut dem britischen National Survey of Sexual Atti­tudes and Lifestyles hatten Befragte im Alter zwischen 16 und 44 im Jahr 2001 im Durchschnitt noch mehr als sechsmal pro Monat Sex – im Jahr 2012 kam die nachwachsende Generation in dieser Altersgruppe nur noch auf weniger als fünfmal. Auch im traditionell freizügigen Schweden kam eine landesweite Studie zu dem Ergebnis, dass das Sexleben dort heute karger ist als vor zwanzig Jahren. Laut einer niederländischen Studie stieg das mittlere Alter, in dem Heranwachsende zum ersten Mal Geschlechtsverkehr haben, von 17,1 Jahren im Jahr 2012 auf 18,6 Jahre im Jahr 2017.

In Deutschland sind die Befunde zwar nicht ganz so eindeutig, doch die Tendenz geht in die gleiche Richtung. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat seit 1980 insgesamt achtmal die Einstellungen und das Verhalten junger Menschen zur Sexualität untersucht. Nach den...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2019: Paare im Stress
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