Ein Corona-Monolog

„Angst klopft an, Vertrauen öffnet, keiner steht da." In der Corona-Krise geht unserer Autorin das Lieblings-Sprichwort der Mutter nicht aus dem Kopf.

Blick durch den Türspion in einen leeren Flur
Wo ist unser Urvertrauen geblieben? © Mark Wheeler/EyeEm // Getty Images

Früher, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, meinte meine Mutter manchmal, wenn sie in Sorgen war: „Angst klopft an, Vertrauen öffnet, keiner steht da“. „Wie? Keiner steht da? Wenn doch einer geklopft hat?“ In meinem jugendlichen Enthusiasmus konnte ich die Idee hinter dem Spruch nur schwer nachvollziehen. Und tatsächlich kann ich mich an keine sonderlich große Krise oder Unruhezeit während meiner Kindheit erinnern. Urvertrauen nennt sich dies, das tief angelegte Gefühl, dass doch alles gut wird. Bereits als Neugeborenes wird dieses Gefühl angelegt, wenn eine Bezugsperson verlässlich da ist und sich um die Grundbedürfnisse kümmert. Auch um das Bedürfnis, in den Arm genommen zu werden, Zärtlichkeit zu spüren.

Nun bin ich selbst so alt wie meine Mutter damals und nun klingt ihre Stimme am Telefon ganz anders: „Seid ihr alle noch gesund?“ Das Wort „noch“ lässt mich aufhorchen. Als wäre es eine unausweichliche Tatsache, dass wir alle eines Tages erkranken würden. Aber nicht an irgendetwas, sondern an eben dem Virus, dessen Namen in aller Munde ist: Corona oder COVID-19. Mit über 70 Jahren, Bluthochdruck und Herzerkrankungen gehören meine Eltern gleich mehreren Risikogruppen an. Und auf einmal kann ich die Welt mit ihren Augen sehen: Eine Krankheit, welche jederzeit und jederorts übertragen werden kann, wenn man mit anderen Menschen in Kontakt tritt. Ein Virus gegen das es keine Behandlung gibt und keinen Impfschutz. Ein Eindringling in den Körper, der vielleicht zum Tod führt.

„Wir sind gesund, halten uns an alle Vorgaben und passen gut auf uns auf“, meine Antwort klingt für mich selbst wie das Herunterrattern eines Werbeslogans. Händewaschen, Fürsorge ist jetzt Abstand halten – derzeit werden Fernsehfilme für diese Einblendungen unterbrochen. Trotzdem scheint meiner Mutter meine lahme Versicherung zu genügen. „In Frankreich hamstern sie jetzt Rotwein und in Holland Käse. Und bei uns ist es Klopapier. Die Welt ist schon verrückt geworden.“ Ich erinnere mich an eine Scherznachricht in den sozialen Medien, dass Franzosen nun Kondome und Rotwein horten, die Holländer Haschisch und Käse, während sich die Deutschen mit Mehl und Klopapier begnügen.

Wenn die Welt immer enger wird

Für einen kurzen Moment weiß ich nicht, was Fiction und was Realität ist. Was ist Fakt und was ist Fake? Gibt es wirklich Pornofilme umsonst für die Italiener? Und bunkern die Schotten tatsächlich Whisky? Wie fremdenfeindlich wird man, wenn sich die Grenzen des eigenen Landes schließen? Und wie leicht denkt man in Klischees, wenn die eigene Welt immer enger wird?

Das Gespräch mit meiner Mutter lässt mich eine ganze Weile nicht los. Wo ist das Vertrauen geblieben, das doch die Tür öffnen soll? Hat sie Angst? Oder ist es nicht Angst, sondern Unsicherheit, welche ebenso lähmend wirkt? Vielleicht sogar noch schlimmer ist, denn sie macht alles unwirklich, schemenhaft, vage. Man schwimmt im Strudel, versinkt vielleicht, aber sicheren Halt gibt es nicht. Ist es so ein Gefühl?

Und was ist aus meiner eigenen Unbedarftheit geworden? Mein jugendlicher Eifer, der unbesiegbar schien? Energie, Dynamik und Schwung scheinen zu schwinden. Auch ich kann mich der äußeren Unberechenbarkeit und der eigenen Befangenheit nicht entziehen.

Noch ein chinesisches Sprichwort

„Ich werde mich melden, um was von mir hören zu lassen. Oder auch nur um weiterhin zu sagen, dass es uns gutgeht.“ So lautet die Verabschiedung. Bislang galt immer: Wenn man nichts voneinander hört, dann ist alles gut. Während meinen Zeiten in Auslandssemestern und bei Urlauben mit Rucksack und billigem One-way-Ticket habe ich dies allzu oft zu weit ausgereizt – wird mir nun schmerzhaft bewusst. Wahrscheinlich saßen auch da meine Eltern in Sorge zu Hause. Aber vielleicht galt da noch für sie, dass Angst keine Chance hat, wenn das Vertrauen groß genug ist.

Doch in dieser Zeit reicht der Kodex von damals nicht mehr. Mein Bruder und ich beschließen, unsere Eltern regelmäßig zu kontaktieren. Er montags, ich freitags. Immer um 15 Uhr. Routinen schaffen, das ist wichtig. Auch für mich. Aufstehen, Zähne putzen, ein frisches T-Shirt. Auch wenn ich zu Hause vor dem Laptop sitze und dort arbeite. In einer kreativen Pause googele ich den Spruch „Angst klopft an, Vertrauen öffnet und keiner steht da“. Er kommt vermutlich aus China. Ich lese mich fest. Es gibt noch ein anderes chinesisches Zitat: „Wenn du den Schatten eines Riesen siehst, dann schau zuerst mal den Stand der Sonne an. Vielleicht handelt es sich um einen Zwerg.“ Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, wer in der aktuellen Krise der Zwerg ist, wer der Schatten und wer der Riese.

Strenge, Einsicht, Moral

Man darf Freunde nur noch per Videochat sehen, der Lebensradius ist beschränkt, der Alltag langweilig. So viele Nachrichten über COVID-19 in den Medien. Fast ebenso viele Artikel über Ideen an Hobbies in Wohnungen, die Chance auszuspannen, zu „entschleunigen“. Auf einmal wird der Wetterbericht für mich interessant. In meiner Region, aber auch in ganz Deutschland.

Wir werden regelmäßig und ehrlich von der Regierung informiert. Wir werden mit Lebensmitteln versorgt. Uneinsichtige werden bestraft. Ein bisschen wie strenge, aber gerechte Eltern erscheinen jetztzutage die Staatsmänner. Es gibt klare Regeln, Disziplin ist angesagt. Aber ohne Essen muss niemand ins Bett.

Fühle ich mich damit gut? Wie komme ich mit einem autoritären Erziehungsstil klar, da ich ihn doch nie kannte? Wo sind die Grenzen? Darf man einem westlichen Staat vorschreiben, Gesichtsbedeckung zu tragen? Etwas in mir sträubt sich. Andererseits, wenn so Leben geschützt werden kann, wäre die Pflicht dann nicht moralische Regel?

Hinter den geschlossenen Türen

Nun, wo die Krise im Außen tobt, wie geht es da den Menschen im Inneren? Die höchste Suizidrate ist nicht etwa im Herbst, sondern im Juli. Bei schönem Wetter spüren depressive Menschen die Diskrepanz zu fröhlichen Gesunden viel stärker. Im Moment gibt es wenig Diskrepanz zwischen allen Menschen der Welt. Ängste, Rückzug und Trauer scheinen allgegenwärtig.

Aber was macht das mit dem Einzelnen? Was ist mit all den Depressiven, die bereits vorher nur selten ihr Haus verließen und für die der Gang zum Supermarkt ein Kraftakt war. Oder mit den Zwangserkrankten, die alles sterilisieren müssen, was sie berühren? Fühlen sie sich seit langem wieder „normal“, nun wo die ganze Welt Kopf steht und sie nur noch eine Person unter vielen sind? Oder geht es ihnen schlechter, da sie jetzt zusätzlich zu ihrem Leid auch noch das Leid der Welt auf ihren Schultern spüren.

Was passiert in den Familien, den Singlehaushalten? Wie versorgen sich alleinstehende alte Menschen ohne soziale Kontakte? Könnte es sein, dass ein Mensch stirbt und erst Wochen später gefunden wird? Und was, wenn dies kein Einzelfall wäre? Was geschieht hinter den geschlossenen Türen, die sich jetzt wirklich nur noch sehr selten öffnen? Häusliche Gewalt? Missbrauch? Und keine Entspannung, kein Entrinnen durch Schule, Freunde oder Arbeit.

Wer will ich gewesen sein?

Als Jugendliche hatte ich mich außerdem häufig gefragt: Wer würde ich sein in einer Apokalypse, durch Zombies oder einen Virus wie in Outbreak mit Dustin Hofmann. Mir war damals immer klar: Ich wäre das erste Opfer, naiv, nichts Böses denkend, einfach schwupps weg.

Nun merke ich, so einfach ist das Ganze doch nicht. So leicht stirbt man nicht. Und nun stelle ich fest: ich hatte nie einen Plan, was ich tun würde, wenn ich zu den Überlebenden gehöre. Reagiere ich panisch? Helfe ich anderen oder rette ich zuerst mich? Eine gute Seele? Schlechtes Karma? Eine Heldin? Nun wo sich die ganze Welt apokalyptisch anfühlt, stelle ich mir unweigerlich die alte Frage aufs Neue. „Wer wäre ich?“

Dann merke ich: Eigentlich hat man – bis zu einem gewissen Grad - immer die Wahl. Die Frage ist nicht „Wer bin ich?“ sondern „Wer will ich gewesen sein?“. Dann, wenn alles vorbei ist. Bei einer Zombie-Apokalypse könnte es sein, dass es auf diese Frage wirklich keine Antwort gibt. Aber bei COVID-19 ist ein Ende abzusehen, denn irgendwann wird ein Großteil der Menschheit gegen die Krankheit immun sein.

Wer werde ich dann gewesen sein? Habe ich panisch Klopapier und medizinisches Material gehamstert? War ich völlig arglos und habe alles als Banalität und Regierungshysterie abgetan? Oder habe ich den Spagat zwischen Sorglosigkeit und übertriebenem Aktivismus gemeistert? Was kann ich meinen Enkelkindern erzählen über die Zeit des Verzichts? Über eine Zeit der Krise ohne einen Krieg? Und werde ich ehrlich genug sein, wirklich alles zu erzählen – auch die Sorgen, auch die Ängste, welche die Familie damals zusammenschweißte, als man jeden Tag aufs Neue hoffte, dass am Ende keiner der gefährdeten Verwandten zu den Gestorbenen zählen würde?

Anja ist ein Pseudonym. Die Autorin möchte anonym bleiben.

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