Wenn die Freiheit zum Zwang führt

Der Philosoph und Theologe Jean-Pierre Wils warnt davor, dem Suizid allzu leichtfertig seine Schwere nehmen zu wollen.

Es war ein Paukenschlag: Mit seinem Urteil zum assistierten Suizid hat das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 eine gesetzgeberische Lücke gerissen; die Folgediskussion über die Neuregelung ist in Gange, schon jetzt bringen sich die ersten Gesundheitspolitikerinnen und -politiker in Stellung. Der Hintergrund: Die Beihilfe zum Suizid war lange nicht strafbar gewesen. Dies änderte sich 2015, als das Strafgesetzbuch um § 217 ergänzt wurde, der die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ unter Strafe stellte. Im vergangenen Jahr nun erklärte das Verfassungsgericht den Paragrafen für verfassungswidrig. Und das hat gravierende Konsequenzen.

Sterbehilfevereine können sterbewillige Menschen jetzt recht ungehindert unterstützen. Dies ist in Deutschland, wie der Deutschlandfunk vorgerechnet hat, ein Jahr nach Urteilsverkündung bereits in mehr als hundert Fällen passiert. Mehr noch: Heute kann im Prinzip jede und jeder – also nicht nur Todkranke – die Dienste solcher Vereine in Anspruch nehmen. Das wirft tiefgreifende Fragen auf, mit denen sich der Ethiker und Theologe Jean-Pierre Wils in seinem Buch Sich den Tod geben beschäftigt.

Der Autor glaubt, eine zunehmende Offenheit der Bevölkerung gegenüber einer derart liberalen Herangehensweise auch in Deutschland ausmachen zu können – und hat dabei Bauschmerzen. Er weist darauf hin, dass es mit pragmatischen Lösungsansätzen wie strengen Beratungspflichten oder einer sorgfältigen Überprüfung der Entscheidungsfähigkeit der Sterbewilligen und der Beständigkeit des Sterbewunsches nicht getan ist. Immerhin steht hier etwas Größeres zur Disposition: ein ganzes Menschenbild. In welchem Maße, lautet die Frage, soll Individuen zugemutet werden, sich als Gestalter ihres Sterbens zu verstehen?

Auflehnung gegen den Schöpfer

Der Suizid hat, wie Jean-Pierre Wils beschreibt, eine wechselvolle Kulturgeschichte hinter sich. In der Antike als Ausdruck eines ehrenvollen Heroismus toleriert, galt er mit Aufkommen des Christentums als verdammenswürdige Auflehnung gegen den Schöpfer. Im 19. Jahrhundert schließlich wurde der Suizid im Zuge der allgemeinen Medikalisierung auf psychische Normabweichungen wie narzisstische Kränkungen oder Depressionen zurückgeführt. Damit verlor er seine existenzielle Tiefe, er wurde zum bloßen Ergebnis einer Krankheit, der es mit nüchternen Präventionsmaßnahmen entgegenzuwirken gelte.

Heute versteht man die Selbsttötung zunehmend als eine „emanzipatorische Selbsttechnik“, wie es der Kulturwissenschaftler Thomas Macho formuliert hat. Demnach wäre er keine existenzielle Kapitulation, keine tiefe Tragödie mehr, sondern als Ausdruck persönlicher Autonomie eine valide Option unter mehreren. Wils warnt indes davor, der Selbsttötung allzu leichtfertig ihre Schwere zu nehmen: „Wie immer man die Gründe und Abgründe, die Menschen dazu veranlassen, sich ihres Lebens zu entledigen, auch wertet – eine Gewalttat gegen sich selbst wird der Suizid immer bleiben und nicht selten auch eine Gewalttat, die andere in Mitleidenschaft zieht.“

Belanglose Reaktion einer durchoptimierten Gesellschaft

Der Autor fürchtet, dass die ungezügelte Liberalisierung in einer Gesellschaft münden könnte, in der Freiheiten für das Individuum paradoxerweise zu mehr Zwängen für alle führen. Denn wenn der Suizid als legitime Möglichkeit gilt, entsteht auch die Erwartung, man müsse diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Nicht morgen, nicht nächste Woche, aber möglicherweise doch in Jahrzehnten?

Dave Eggers’ Der Circle und Julia von Lucadous Die Hochhausspringerin beschreiben, was es heißen könnte, wenn die Selbsttötung ihre Dramatik verliert: Wer sich den Normen der Mehrheitsgesellschaft entzieht, wer nicht mehr funktionieren mag, dem bleibt in diesen dystopischen Fiktionen nur noch der Schritt ins Ableben. Doch der geplante Suizid dieser Menschen taugt nicht einmal mehr zum subversiven Akt, sondern wird von der durchoptimierten Gesellschaft bloß noch mit einem Schulterzucken quittiert.

Diese Szenarien zeigen eindrucksvoll: So human es im Einzelfall sein mag, einen Menschen bei seinem Sterbewunsch zu unterstützen, so sehr geht damit auch die Pflicht einher, dafür zu sorgen, dass am Ende der Liberalisierung keine inhumane Gesellschaft steht.

Jean-Pierre Wils: Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation? Hirzel, Stuttgart 2021, 200 S., € 24,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
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