„Meditation ist nicht der Weg zum Glück“

Ein besseres Leben ist möglich, versprechen die Anbieter von Meditations­kursen. Der Psychologe Miguel Farias warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen – und vor unerwünschten Nebenwirkungen

„Meditation ist nicht der Weg zum Glück“

Ein besseres Leben ist möglich, versprechen die Anbieter von Meditations­kursen. Der Psychologe Miguel Farias warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen – und vor unerwünschten Nebenwirkungen

Herr Farias, Sie sind in der Fachwelt dafür berüchtigt, dass Sie sich den negativen Folgen der Meditation widmen, während die meisten Ihrer Kollegen das Potenzial des Meditierens erforschen.

Wissen Sie, ich möchte auch die positiven Seiten der Meditation ausloten. Wie kann Meditation eingesetzt werden, um Menschen zu helfen? Es gibt zahlreiche gute Ansätze. Ich bin unter anderem seit fünf Jahren für den Prison Phoenix Trust aktiv. Dieses Projekt bietet Meditation und Yoga in Gefängnissen an. Es soll den Insassen helfen, sich selbst besser kennenzulernen und die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Mir geht es aber grundsätzlich um ein ganzheitliches Bild der Meditation – also auch um mögliche negative Auswirkungen.

Sie kritisieren die Neigung anderer Wissenschaftler, sich hauptsächlich mit den erfreulichen Effekten des Meditierens zu befassen. Was ist daran verkehrt?

Es verzerrt unser Verständnis von der Meditation. Das sehen Sie beispielsweise in den Medien: Psychologen behaupten dort immer wieder, Meditation sei gut für alle Menschen. Aber damit werden sie der Komplexität unseres Seelenlebens nicht gerecht. Diese Psychologen stellen nicht nur die Meditation, sondern auch uns Menschen sehr einseitig dar. Sie vereinfachen das individuelle Innenleben aufs Gröbste und scheren alle über einen Kamm. Fakt ist: Gerade weil jede Person anders ist, kann Meditation bei dem einen positive Reaktionen hervorrufen, bei dem anderen zu gravierenden Problemen führen.

Wie kommen Sie zu dieser Einsicht?

Ich bin über einzelne Beispiele auf die Nebenwirkungen des Meditierens aufmerksam geworden. Der erste Fall war Louise. Sie war eine Teilnehmerin meines Kurses zur Psychologie der Spiritualität. Louise erzählte der Gruppe und mir von ihren Erfahrungen. Sie habe während der Exerzitien meditiert. Dabei hatte sie befremdliche Gefühle bekommen. Es blieb nicht nur bei unschönen Empfindungen. Louise wurde sehr unruhig und bekam große Angst. Sie teilte es ihrem Lehrer mit, doch der meinte nur: „Das ist gut, mach dir keine Sorgen, mach einfach weiter.“ Unglücklicherweise machte Louise tatsächlich weiter. Kurz darauf brach sie zusammen und bekam Panik­attacken. Anschließend war sie rund fünfzehn Jahre lang aufgrund psychotischer Depressionen in Behandlung. Die Meditation schien der Auslöser gewesen zu sein.

Wie konnte das passieren?

Bei der Meditation nehmen wir uns die Zeit, in uns zu gehen. Dabei realisieren wir, was in unserem Leben und unserem Alltag problematisch ist. Ängste, Spannungen und Konflikte können uns zum ersten Mal bewusstwerden. All das kann widersprüchliche und aufwühlende Gefühle auslösen, die das Individuum komplett überfordern.

Liegen hierzu wissenschaftliche Untersuchungen vor?

Wie gesagt: Viele Forscher sind voreingenommen. Sie stellen das Positive der Meditation bei Studien in den Mittelpunkt. Untersuchungen zu möglichen negativen Konsequenzen tauchen in der Literatur dagegen nur selten auf. Aber es gibt solche Arbeiten. Eine wichtige Studie von David Shapiro zeigt, dass in einer Gruppe von 27 psychisch gesunden Individuen fast zwei Drittel der Teilnehmer mindestens eine negative Erfahrung während der Meditation gemacht hatten. Genauer: 63 Prozent. Darunter befanden sich sowohl Personen, die Meditation seit längerer Zeit betrieben hatten, als auch völlige Anfänger.

Welche negativen Erfahrungen haben diese Probanden gemacht?

Sie berichteten von Angst, Verwirrung und starker innerer Unruhe. Einige von ihnen gaben an, in depressive Gedanken zu verfallen und Schmerz oder Panik zu empfinden. Shapiros Teilnehmergruppe war zu klein, um seine Beobachtungen verallgemeinern zu können. Wir sollten aber die negativen Folgen der Meditation nicht länger ignorieren.

Seit wann liegen Hinweise auf solche besorgniserregenden Auswirkungen vor?

Seit rund vierzig Jahren, praktisch seit die Meditation im Westen eingeführt wurde. Nehmen Sie zum Beispiel die Studie des renommierten Psychologen Arnold Lazarus – Lazarus und Albert Ellis haben die kognitive Verhaltenstherapie entwickelt. In einer Forschungsarbeit von 1976 berichtete Lazarus über einige seiner Patienten, die während des Meditierens ernsthafte Probleme erlebt hatten. Diese Personen entwickelten Symptome von Depression, einer der Patienten unternahm einen Selbstmordversuch. Daraufhin kritisierte Lazarus jene Kollegen, die behaupteten, Meditation sei für jedermann geeignet. Er glaubte, Meditation könne durchaus ein therapeutisches Instrument sein – aber nicht gleichermaßen für jeden Patienten. Genau dieser Meinung bin ich auch.

Welche anderen Nebenwirkungen der Meditation sind bislang dokumentiert?

Unter anderem sind Dissoziationen und Psychosen verzeichnet. Auch physische Symptome wie Zittern und Schlaflosigkeit sind belegt. Es gibt außerdem einzelne Berichte über Fälle von Epilepsie. Das Entscheidende dabei ist: Diese Vorfälle betreffen nicht nur Personen, die psychische Vorerkrankungen aufweisen oder emotional labil sind. Sie können auch bei gesunden Menschen auftreten.

Verstehen Wissenschaftler die Wirkung von Meditation gut genug, um vorab feststellen zu können, wie eine Person auf sie reagieren wird?

Das ist das nächste Problem! Mein Team hat die Forschungsliteratur der letzten 45 Jahre ausgewertet. Wir haben verblüfft festgestellt: Wir wissen nach wie vor nicht, wie Meditation funktioniert, wie genau sie unsere Emotionen und Gedanken beeinflusst. Das macht es umso schwieriger zu sagen, wer besser nicht meditieren sollte. An der amerikanischen Brown U­niversity wird derzeit eine große Studie durchgeführt. Ich hoffe, dass wir demnächst neue Erkenntnisse erhalten. Die leitende Forscherin berichtet bereits von einem Zusammenhang zwischen Meditation und Angst sowie erheblichem Stress.

Es gibt zahlreiche Studien zur positiven Wirkung von Meditation auf Stress. Kann Meditation tatsächlich Stress auch auslösen oder intensivieren?

Ja, da gibt es eine sehr interessante Untersuchung, bei der Probanden Speichelproben entnommen wurden. Einmal vor dem Meditieren, einmal danach. Die Teilnehmer berichteten nach der Sitzung, es gehe ihnen deutlich besser und sie seien entspannt – aber die Kortisolwerte zeigten etwas anders: Sie waren erhöht. Die Körper der Probanden hatten also während der Meditation vermehrt Stresshormone produziert.

Wer sollte Ihrer Ansicht nach besser auf Meditation verzichten?

Das ist sehr vertrackt. Menschen, die Depressionen haben oder hatten, sollten generell vorsichtig sein. Einige Untersuchungen deuten daraufhin, dass Meditation auf sie keinen positiven Effekt ausübt. Bei dieser Vorerkrankung würde ich empfehlen, es eher mit Yoga zu versuchen oder joggen zu gehen. Auch Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung könnten auf die Meditation negativ reagieren. Sie sollten erst einmal therapeutisch begleitet werden, bevor sie sich dem Meditieren zuwenden.

Und worauf sollte generell jeder achten, der Meditation ausprobieren möchte?

Auf die Wahl des Lehrers. Das Problem ist, dass viele der Dozenten sich der psychologischen Implikationen nicht bewusst sind. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Kursleiter, der im entscheidenden Moment nicht sagen kann: „Stopp, hören Sie jetzt besser auf.“ Weil er es nicht besser weiß. Die meisten Dozenten, die ich kennenlerne, sagen, es sei gut, wenn der Meditierende Angst und Nervosität empfindet. Sie sagen, das sei alles Teil des Prozesses. Ich bin da sehr skeptisch und glaube, das ist nicht die richtige Herangehensweise an Meditation. Wir sollten vorsichtiger sein.

Welche Art von Dozenten würden Sie uns empfehlen?

Besuchen Sie buddhistische Zentren und erkundigen Sie sich dort nach Meditationskursen. Dort begegnen Sie auch einer anderen Form der Meditation, nämlich der Meditation im Rahmen einer buddhistischen Andacht. Die meisten Menschen nehmen zu Unrecht an, dass Buddhismus eine psychologische Religion sei. Dabei gibt es hier ebenso Formen der Andacht wie in anderen Religionen. Besucher werden feststellen, dass die Meditation dabei nur ein Element unter vielen ist.

Wäre das ein guter Einstieg in die Meditation?

Wenn Sie einen Einstieg in die Meditation suchen, können Sie es durchaus auch allein mit einem Ratgeberbuch tun. Sie sollten aber vor Augen behalten, dass diese Bücher Sie nur sehr begrenzt informieren. Die meisten klären nicht darüber auf, wann man besser auf Meditation verzichten sollte. Wenn Sie ein Buch finden, das tatsächlich solche Warnhinweise enthält, ist das ein gutes Zeichen. Dann versucht der Autor, ein ganzheitlicheres Bild des Meditierens zu vermitteln, und nimmt seine Verantwortung wahr. Außerdem bettet ein guter Ratgeber die Meditation in einen größeren Kontext ein: Der Westen hat die Meditation in den 1970ern entdeckt, die Achtsamkeit wiederum vor rund einer Dekade. Doch Tatsache ist, dass beide seit Jahrhunderten im spirituellen und religiösen Kontext praktiziert werden.

Mit welchem Ziel?

Im ursprünglichen, eigentlichen Kontext des Buddhismus und Hinduismus wurde Meditation nicht eingesetzt, um ein inneres Gleichgewicht herzu-stellen. Im Gegenteil. Primär ging es darum, sich selbst zu hinterfragen und herauszufordern. Das Ziel war, das „Ich“ auseinanderzubrechen und sich unter anderem der Leere um uns herum bewusstzuwerden.

Die Werbeflyer, die mir ins Haus flattern, versprechen aber, dass Meditation mich glücklich machen wird.

Meditation ist nicht der Weg zum Glück. Erstens ist sie den fernöstlichen Lehren zufolge nur ein Schritt auf diesem Weg. Zweitens dürfen wir hier Glück und Erfüllung nicht in unserem heutigen, westlichen Sinne verstehen. Wir halten beispielsweise die Verwirklichung unserer Träume für Erfüllung und für das große Glück. In der fernöstlichen Spiritualität gibt es zwar unterschiedliche Verständnisse von Glück – aber keines davon entspricht unserer gängigen Vorstellung. Laut einer buddhistischen Interpretation liegt die Glückseligkeit gerade darin, sich – unter anderem mithilfe der Meditation – all der Illusionen um uns und in uns bewusstzuwerden und auf sie zu verzichten. Für unsere Ohren klingt das natürlich nicht unbedingt nach Seligkeit.

Der Westen hat die Meditation aus dem spirituellen Zusammenhang gerissen und sie neu definiert.

Das können Sie laut sagen. Sicherlich sind einige der Menschen, die hierzulande Meditation praktizieren, Buddhisten. Das will ich nicht bestreiten. Aber die meisten halten die Meditation für eine geschlossene Einheit. Das ist sie nicht. Meditation ist in einem sehr komplexen religiösen Zusammenhang verwurzelt. Und nun befriedigt sie unseren spirituellen Hunger …

Was meinen Sie damit?

Die zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft weckt das Bedürfnis nach dem Spirituellen. Ebenso die heutige Technologie. Sie raubt uns fast alle Gelegenheiten, in Ruhe und Stille zu verweilen. Ob man religiös ist oder nicht – die Allgegenwart der Religion in früheren Dekaden und Jahrhunderten hat Oasen der Ruhe geschaffen. Sie hat die Menschen aufgefordert, in sich zu gehen, sich zu sammeln, zu orientieren. Ich habe den Eindruck, Meditation soll den Verlust dieser Oasen mildern. Beim Meditieren wenden wir uns von der Eile und von dem Lärm des Alltags ab.

Hungern wir so stark nach Spiritualität und innerer Ruhe, dass wir uns zu voreilig und unbedacht der Meditation zuwenden?

Das könnte auf einige von uns zutreffen. Ich würde jedem, der Meditation ins Auge fasst, zunächst empfehlen: Klären Sie einige Fragen mit sich selbst ab. Machen Sie sich klar, was Ihre Motive sind. Und was Ihre Erwartungen sind. Wenn der Mensch meditieren will, um sich zu entspannen, um zu relaxen, ­ sollte er es eher mit Atemübungen versuchen. Das reicht völlig. Wenn jemand beispielsweise Probleme mit dem Partner hat und verständnisvoller sowie empathischer werden möchte, ist Meditation wahrscheinlich auch nicht der richtige Weg für ihn. Wir sollten ganzheitlicher schauen, was in unserem Leben und Alltag passiert und wie Meditation dort hineinpasst.

Woran merken wir, dass Meditation in unseren Alltag passt?

Eine Pauschalantwort kann ich Ihnen hier leider nicht geben. Aber wer Meditation für die Lösung bestimmter Probleme hält und sie deshalb ausprobieren will, dem würde ich Zurückhaltung empfehlen. Hohe Erwartungen sind ein falscher Ausgangspunkt für das Meditieren.

Und wenn Meditation tatsächlich nicht das Richtige für uns ist: Welche Alternativen gibt es?

Sie können sich Momente der Ruhe und Sinngebung schaffen. Nehmen Sie sich einen Tag der Woche Zeit, um nein zu E-Mails zu sagen. Das wäre hilfreich – und vermutlich nebenwirkungsfrei. Tun Sie etwas Bedeutungsvolles, sei es Arbeit im Garten, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch. Es sollte etwas sein, was Ihnen persönlich das Gefühl gibt, es ist sinnvoll und erfüllt Sie mit Freude.

Und was würden Sie uns gerne im Vorfeld unserer nächsten Meditationssitzung mit auf den Weg geben?

Wenn Sie meditieren und negative Erfahrungen machen, denken Sie bitte nicht: „Das liegt an mir. Ich mache etwas falsch.“ Oder: „Das wird schon vorbeigehen, das ist eine normale Phase.“ Stattdessen hören Sie auf Ihr Gefühl. Wenn Unruhe und Angst auftauchen, ignorieren Sie sie nicht. Besonders dann nicht, wenn die negativen Empfindungen nicht nur während der Meditation, sondern auch danach anhalten. Dann sollten Sie sich professionelle Unterstützung holen. Und das Allerwichtigste: Setzen Sie sich nicht unter Druck – Meditation kann, muss aber nicht das Richtige für Sie sein.

Miguel Farias ist Dozent für kog­nitive und biologische Psychologie an der Coventry University in England. Sein Buch The Buddha Pill, das er gemeinsam mit Catherine Wikholm veröffentlichte, erschien 2015.

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

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