„Der Boom wird immer wilder“

Der Forscher Paul Grossman wundert sich über die große Beliebtheit des Themas, schließlich ist Achtsamkeit kein Wundermittel

„Der Boom wird immer wilder“

Der Forscher Paul Grossman wundert sich über die große Beliebtheit des Themas, schließlich ist Achtsamkeit kein Wundermittel

Herr Grossman, freut Sie der Achtsamkeitsboom noch, oder macht er Ihnen eher Kummer?

Seit seinem Beginn mache ich mir Sorgen hinsichtlich einer Verwässerung und Verfälschung des Verständnisses. Aber wenn ich überlege, ob es besser wäre, wenn es diese Bewegung gar nicht gäbe, würde ich das wohl verneinen. Achtsamkeit eröffnet die Möglichkeit, wieder Zugang zu einer anderen Welt als der Materiellen zu gewinnen, nämlich der unserer eigenen, individuellen inneren Erfahrung – ein von den Wissenschaften und der Gesellschaft allzu oft vernachlässigter Bereich. Ein wesentlicher Aspekt ist die Erkundung dessen, was wir wahrnehmen, fühlen, denken und glauben. Alle populären Versionen des Konzeptes enthalten diesen Baustein des Sich-nach-innen-Wendens. In dieser Hinsicht ist das sicher ein Fortschritt. Aber ich habe immer noch die Befürchtung, dass der Kern der Achtsamkeit verlorengeht. Der Boom wird immer wilder.

Vielleicht weil so viele sich gestresst fühlen und sich dringend mehr Entspannung wünschen?

In vieler Hinsicht wird Achtsamkeit heute so verstanden und verkauft: Als eine Strategie, um schnell herunterzukommen. Von MBSR-Lehrern habe ich gehört, dass immer mehr Teilnehmer sagen, sie wollten sich vor allem entspannen. Sie suchen eine schnelle und wirkungsvolle Methode, um danach mit ihrem hektischen Leben weitermachen zu können. Das hat mit Achtsamkeit wenig zu tun. Achtsamkeit, so wie ich sie auf der Grundlage der buddhistischen Psychologie und meiner persönlichen Erfahrungen verstehe, ist die Praxis, sich allen Erfahrungen in wohlwollender Offenheit zuzuwenden und sie zu erkunden. Dabei ist unwichtig, ob es sich um angenehme, unangenehme oder neutrale Erlebnisse handelt. Manchmal mag diese Praxis zu Entspannung führen, sie führt aber vor allem dazu, toleranter mit den unvermeidbaren und nicht kontrollierbaren Ereignissen umzugehen, die unser Leben so oft bestimmen.

Sie meditieren seit mehr als 30 Jahren. Die meisten Achtsamkeitskurse dauern nur acht Wochen. Was macht das für einen Unterschied?

Ich glaube, wenn man 30 Jahre meditiert, wird man einigermaßen bescheiden, was den Erfolg dieses Prozesses im Alltag angeht. So ist es zumindest mir ergangen....

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2016: Ausgebrannt
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