Psychotherapie mit Beipackzettel

Welche Nebenwirkungen hat eine Psychotherapie? Und welche negativen Erfahrungen machen Patienten in der Behandlung? Eine Studie hat dies untersucht.

Psychotherapie mit Beipackzettel

Psychotherapie wirkt. Das haben Forscher bereits tausendfach bestätigt. Doch dass die psychologische Behandlung ebenso wie Medikamente Nebenwirkungen haben kann und Behandler Fehler machen, ist wenig untersucht. Eine Hamburger Forschergruppe hat deshalb mithilfe eines neu entwickelten Fragebogens 135 Frauen und Männer zu ihren Erfahrungen mit Psychotherapie befragt. Die Teilnehmer waren oder sind an einer Depression erkrankt. Die meisten waren in ambulanter Behandlung, zumeist in Einzelsitzungen. Die Therapieformen reichten von den gängigen Verfahren wie Verhaltenstherapie und psychodynamischen Ansätzen bis zu systemischer und Gesprächspsychotherapie.

Mehr als 95 Prozent sahen einen positiven Effekt ihrer Behandlung. Vier von fünf Befragten hatten im Anschluss mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, drei von vier hatten gelernt, mehr Verantwortung für sich zu übernehmen. Allerdings machte jeder Zweite (auch) ungünstige Erfahrungen.

Auch Psychotherapie muss untersucht werden 

Typische Nebenwirkung: die Furcht vor Stigmatisierung. Jeder Fünfte hatte Angst davor, dass das soziale Umfeld von der Behandlung erfährt. Etwa halb so viele beklagten, dass sich durch die Therapie das Verhältnis zum Lebensgefährten verschlechtert habe. Auch Kunstfehler waren keine Seltenheit, jeder Vierte berichtete davon. Besonders oft störte die Patienten, wenn in der Therapie nur auf die Beseitigung des Problems hingearbeitet wurde, nicht aber auf ein positives Ziel. Einer von sechs Patienten hielt die angewandten Techniken des Psychotherapeuten für falsch. Von unethischem Fehlverhalten berichteten knapp acht Prozent der Befragten. Deren Therapeut habe sich gegenüber ihrer sexuellen Orientierung intolerant gezeigt oder wurde als ausländerfeindlich empfunden. Zwei Patienten wurden sexuell belästigt.

Die Studienautoren geben zwar zu bedenken, dass die Aussagen der Patienten subjektiv sind und bei manchen vielleicht eine besondere Neigung zu Beschwerden vorliegen könnte. Dennoch betonen die Forscher, wie wichtig es sei, auch die weniger helle Seite der Psychotherapie systematisch zu beleuchten. So könnten ­Patienten besser vor Nebenwirkungen geschützt und die Therapie verbessert werden.

DOI: 10.1055/s-0044-101952

Nebenwirkungen nicht ausge­schlossen: Einer von zwei Therapiepatienten erlebte neben erfreulichen auch unerwünschte Folgen

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2018: Alles zu meiner Zeit
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