Ich bin dick und fühle mich gut

Eine Weltweite Bewegung macht gegen die Diskriminierung von beleibten Menschen mobil und propagiert offensiv: Ich fühle mich wohl in meinem dicken Körper!

Frage dich nicht, wie du aussiehst, sondern wie du dich fühlst! Das ist das Motto der Amerikanerin Jessamyn Stanley in ihren begehrten Yoga-Kursen. © Celeste Sloman/Redux/laif

Ich bin dick und fühle mich gut

„Diesen Brownie würde ich an Ihrer Stelle nicht mehr ­essen!“ Von wohlmeinender Belehrung bis offener Beleidigung: Dicke Menschen sind alltäglich Demütigungen ­ausgesetzt. Eine weltweite Fat Acceptance-Bewegung macht dagegen mobil und propagiert offensiv: Ich fühle mich wohl in meinem dicken Körper!

Als Mary noch Maria war, hatte sie Angst vor ihrem eigenen Spiegelbild. In der psychosomatischen Klinik, in die sie sich wegen einer Essstörung begeben hatte, hing aber nun dieser große Spiegel in ihrem Zimmer. Ein Spiegel, in dem sie ihren ganzen Körper sehen konnte. Zu Hause hatte sie nur einen kleinen für das Gesicht. Ihr Gesicht konnte sie gerade noch so akzeptieren. Aber den Rest wollte sie nicht sehen – dicke Menschen finden doch alle unästhetisch, vielleicht sogar eklig. „Anfangs bin ich an dem Spiegel vorbeigesprintet“, erzählt die 35-jährige Mary, Kulturwissenschaftlerin und Bloggerin in Berlin. „Ganz vorsichtig musste ich mich meinem Körper im Spiegel annähern, das fiel mir sehr schwer.“

Diese Annäherung probierte sie auch sprachlich. Wie kann ich mein Aussehen wertneutral beschreiben, fragte sie sich. Nicht: Ich bin klein. Sondern: Ich bin 1,56 Meter groß. Nicht: Ich bin fett. Sondern: Ich wiege 100 Kilogramm. Sie versuchte es auch mit Aufzählungen: Ich habe Sommersprossen, schulterlanges gekräuseltes schwarzes Haar, braune Augen. „Es war gar nicht so einfach, Worte zu finden, die nicht abwertend sind“, sagt Mary. Langsam hat sie sich ihren eigenen Körper zurückerobert. „Mein ganzes Leben lang habe ich mich nur mit den vernichtenden Blicken der anderen gesehen.“

Für sie war diese Wandlung nicht nur ein persönlicher, sondern auch ein politischer Befreiungsakt. Seitdem nennt sich Maria González Leal nun Mary, über ihren Blog auch Mary Amable (spanisch: liebenswürdig) oder Body Mary. Sie möchte ihren Körper einer Gesellschaft entziehen oder vielmehr entgegensetzen, die dicken Menschen mit Ressentiments und Abwertung begegnet. Einer Gesellschaft, in der sie sich immer für ihren Körper schämen muss. Einer Gesellschaft, in der Ärzte sie oft gar nicht richtig untersuchen, sondern jegliches Gesundheitsproblem sofort auf ihr Gewicht schieben. In der sie nicht in der Öffentlichkeit essen gehen kann, ohne ungefragt Ernährungsratschläge von wildfremden Menschen serviert zu bekommen. „Diesen Brownie würde ich an Ihrer Stelle aber nicht mehr essen“, heißt es da zum Beispiel vom Verkäufer. Dicke Menschen können tagtäglich von solchen Übergriffen berichten. Von Beleidigungen wie „Fette Sau“ oder „Die Elefantenherde kommt“ einmal ganz zu schweigen.

„Dicke Menschen werden in unserer Gesellschaft mit großem Unverständnis konfrontiert und als gesamte Person abgewertet“, konstatiert Claudia Luck-Sikorski, Professorin an der SRH-Hochschule für Gesundheit in Gera. Die Studien der Psychologin, die über die Stigmatisierung von dicken Menschen forscht, machen klar: Wer übergewichtig ist, gilt als faul, willensschwach und unmotiviert. Als unfähig, falsche Ernährungsgewohnheiten zu überwinden und sich ausreichend zu bewegen. In einer Studie unter Luck-Sikorskis Leitung, in der Telefoninterviews von mehr als 1000 Teilnehmern ausgewertet wurden, erklärte jeder Sechste, einen dicken Menschen nicht für einen Job empfehlen oder Freunden vorstellen zu wollen. In einer Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK befanden 71 Prozent der Interviewten dicke Menschen für unästhetisch. Und eine Umfrage unter Schülerinnen und Schülern in den USA, Kanada und Island offenbart, dass hohes Körpergewicht der mit Abstand häufigste Anlass für Diskriminierung in der Schule ist.

Höheres Gewicht, niedrigeres Gehalt

Auch bei der Arbeit werden Menschen aufgrund ihres Körpergewichts missachtet: „Studien legen nahe, dass ein höheres Gewicht mit einem niedrigeren Gehalt verknüpft ist. Und bei vergleichbarer Qualifikation und Leistung werden übergewichtige Menschen seltener befördert“, berichtet Friedrich Schorb vom Institut für Public Health an der Universität Bremen. Ein Experiment der Universität Tübingen sorgte 2012 für Aufsehen. Personalentscheidern wurden sechs Fotos von potenziellen Bewerbern vorgelegt, die alle ungefähr gleich alt und gleich angezogen waren und aus ähnlichen Milieus kamen. Nur in ihrem Körpergewicht unterschieden sie sich. Die Ergebnisse waren eindeutig: „Übergewichtigen Menschen wurde fast nie ein Beruf mit hohem Prestige und auch keine Leitungsposition zugetraut“, sagt Schorb.

Gewichtsdiskriminierung durchzieht vom Kindergarten an alle Lebensbereiche – bis hinein in die eigenen Familien. „Vorurteile, Abwertung, soziale Ausgrenzung, die dicke Menschen erleben, wirken wie chronische Stressoren, die auf Dauer krank machen“, berichtet Luck-Sikorski. Sie gehört einer fächerübergreifenden Gruppe von Forschern an, die unter dem Label Fat Studies solche Auswirkungen des Dickseins untersuchen. Tatsächlich kann man bei Menschen, die sich diskriminiert fühlen, einen erhöhten Stresspegel messen, so Luck-Sikorski. Chronischer Stress wiederum ist ein Hauptrisikofaktor für Zivilisationskrankheiten wie die koronare Herzerkrankung, Diabetes oder Bluthochdruck – Krankheiten, die oft mit Übergewicht und Fettleibigkeit einhergehen. Doch es stellt sich die Frage: Was ist hier die Henne und was das Ei? Die Fat-Studies-Wissenschaftler gehen so weit, die übliche Kausalität umzukehren: Die körperlichen und psychischen Probleme, unter denen vor allem stark übergewichtige, adipöse Menschen leiden, sind weniger Folge des hohen Gewichts als Folge der ständigen Ausgrenzung und Belästigung.

Besonders gefährlich werde es, wenn dicke Menschen das negative Fremdbild übernehmen und sich schuldig und wertlos fühlen, so Luck-Sikorski. Denn die negative Selbstwahrnehmung durch von außen übernommene Vorurteile – man spricht von einem Selbststigma – ist ein wesentlicher Risikofaktor für psychische Erkrankungen. So treten Depressionen, Angst- und Panikstörungen bei Menschen mit Adipositas häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.

Mit dem Abnehmenwollen fing es an

Bei den meisten dicken Menschen fängt das wirkliche Dickwerden nicht mit zu viel essen an, sondern mit den ersten Versuchen abzunehmen. Bereits als Achtjährige wurde Mary in eine Klinik geschickt, um abzuspecken, obwohl sie nur knapp über dem Normalgewicht lag. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt sie heute rückblickend. „Was mir schmeckt? Das war für mich keine Frage mehr.“ Sie verbot sich fast alles, was sie mochte, nahm kaum noch fetthaltige Lebensmittel zu sich, sondern nur noch Diätprodukte. Wenn sie doch mal zu einem Schokoriegel griff, war das für sie ein persönliches Versagen. „Ich hatte kein vernünftiges Verhältnis mehr zum Essen, und auf meinen Körper habe ich nicht mehr gehört.“ Im Laufe der Zeit nahm sie 30 Kilo zu und entwickelte eine Essstörung.

„Die meisten Dicken haben unzählige Diätversuche hinter sich“, bestätigt Friedrich Schorb. Der sogenannte Jo-Jo-Effekt sorgt dafür, dass sich die Gewichtszunahme nach einer Diät beschleunigt, weil der Körper auf Sparflamme umgeschaltet hat und weniger verbraucht – mit dem Ergebnis, dass das Körpergewicht im Laufe einer „Diätkarriere“ langsam, aber sicher steigt und der Energiestoffwechsel dauerhaft aus dem Lot gerät. Dickwerden ist also nicht allein eine Frage der zugeführten Kalorien. Dennoch halten Öffentlichkeit, Medien und Mediziner an diesem vereinfachenden Erklärungsmuster fest. „Sie müssen nur abnehmen, um gesund zu bleiben“, lautet die so simple wie diskriminierende Devise. Dabei ist inzwischen gut erforscht, dass Stoffwechsel und Gewicht hochgradig individuell und die Ursachen für Übergewicht vielfältig sind.

Gesundheitsrisiken werden überschätzt

Nicht nur was die Ursachen von Übergewicht, auch was die Gesundheitsrisiken angeht, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. „Wenn du nicht abnimmst, dann wirst du an Fettleibigkeit sterben!“, haben die Ärzte der kleinen Maria prophezeit. Wie hoch ist dieses Risiko wirklich? Die bei weitem umfang­reichste europäische Studie dazu scheint bei der Beantwortung dieser Frage in Vergessenheit geraten zu sein: Die Düsseldorf Obesity Mortality Study (DOMS) der Universität Düsseldorf, in der über 6  000 stark adipöse Frauen und Männer über drei Jahrzehnte (1961 bis 1994) untersucht wurden, wobei die Beobachtungszeit pro Teilnehmer fast 15 Jahre betrug.

Die Ergebnisse zeigen, dass dick nicht gleich dick ist und man das Risiko nach Body-Mass-Index (BMI – siehe Kasten), Alter und Geschlecht differenzieren muss: Bei Frauen kann erst ab einem BMI von 40, also Adipositas höchsten Grades, von einer deutlich erhöhten Sterblichkeit ausgegangen werden, bei ­Männern liegt die Schwelle bei einem BMI von 36. Dagegen sterben adipöse Menschen mit einem BMI von 30 bis 35 nicht früher und werden auch nicht häufiger krank als der Durchschnitt. Und wenn man nur leicht übergewichtig ist? „Ein Gewicht, das bei einem BMI zwischen 25 und 30 liegt, scheint nicht nur ungefährlich, sondern zumindest im höheren ­Lebensalter sogar ein Schutzfaktor zu sein“, berichtet Schorb. „Menschen mit ein paar zusätzlichen Pfunden haben eben mehr Reserven und können Krankheiten und Operationen besser verkraften.“

Zugegeben: Sehr starkes Übergewicht geht mit Gesundheitsrisiken einher (siehe das Interview unten). Doch diese Risiken werden in der öffentlichen Diskussion oft übertrieben dargestellt. Gesunde Dicke oder auch fitte Fette – das scheint in einer Gesellschaft, die auf Schlankheit und Selbstkontrolle getrimmt ist, nicht denkbar zu sein. Zwei Drittel der dicken Menschen zeigen zwar auffällige Blutdruck-, Blutzucker- oder Blutfettwerte. Doch das bedeutet im Umkehrschluss: Ein Drittel hat damit keine Probleme und ist gesund. Dieses Phänomen wird auch „Gewichtsparadoxon“ genannt. Andererseits gibt es genügend dünne Menschen, die unter Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinwerten oder entgleistem Blutzucker leiden. Zudem mehren sich die Hinweise, dass übergewichtige Menschen, die Sport treiben, gesünder sind als Dünne, die sich kaum bewegen.

Fat Empowerment

Diese Erkenntnisse sickern zwar mehr und mehr in die Medizinwelt ein – dennoch wird nach wie vor Fettleibigkeit als Geißel der Menschheit betrachtet. Stephanie Freifrau von Liebenstein stört dieser „Alarmismus“, wie sie es nennt, gewaltig. „Dicksein gehört zu meiner Identität, zu meiner Persönlichkeit dazu“, sagt die 41-jährige Lektorin aus Berlin. „Wenn Übergewicht derart bekämpft werden muss, dann liest sich das für mich so, als wenn meine Person abgeschafft werden soll.“ Deshalb ist sie auch dagegen, dass Adipositas als Krankheit definiert wird. „Für mich sind dicke Körper Teil der menschlichen Vielfalt und nichts Pathologisches.“

2005 gründete von Liebenstein die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) in Berlin, und zwar nach dem Vorbild der amerikanischen Fat Acceptance-Bewegung. „Wir waren damals in Deutschland die Ersten, die das Wort Gewichtsdiskriminierung überhaupt in den Mund genommen haben“, sagt sie. Es wurde auch schon einiges erreicht: Menschen mit einem BMI über 30 können jetzt verbeamtet werden, was bis vor kurzem aufgrund des vermeintlich großen Gesundheitsrisikos noch schwierig bis unmöglich war. „Wer abgelehnt wird und klagt, hat gute Chancen“, berichtet von Liebenstein. Auch die Forderung der GgG, dass das Allgemeine Gleichstellungsgesetz um das Merkmal Körpergewicht ergänzt wird, ist inzwischen bei der Politik angekommen.

Und vor allem in Berlin ist eine lebendige Dicken-Aktivismus-Szene entstanden, deren Angehörige sich nicht als übergewichtig (normierend!), adipös (pathologisierend!) oder mollig (euphemistisch!) bezeichnen, sondern offensiv als dick oder fett. Health at every size, fat pride, fat sex sind einige Schlagworte der Bewegung.

Zu dieser Szene gehört neben Mary auch Mäks. Mäks Roßmöller hat ein Psychologiestudium abgeschlossen und gibt Kurse und Workshops unter dem Label „Somatisches Fat Empowerment“. Wichtig ist Mäks dabei die Umdeutung des Fettgewebes durch die psychotherapeutische Methode des Reframings: „Fettgewebe gilt als toter, herabhängender Ballast, den wir schnellstens loswerden sollten.“ In den Kursen lernen die Teilnehmenden dagegen, ihr Fettgewebe mit positiven Begriffen zu besetzen und das, was „da so schwabbelt“, zu spüren und zu berühren. „Fett bedeutet Schutz und Wärmespeicher“, so Mäks. „Ein fetter Körper gibt mir mehr Präsenz.“

Der Bauch darf sein

Sich dem eigenen Körper, der fast ein Leben lang auf taub gestellt wurde, auf diese Weise wieder anzunähern, löst auch Angst aus. „Das rüttelt an den tiefsten Strukturen des Selbst, vieles kommt wieder hoch“, berichtet Mäks. Größte Problemzone ist der Bauch – Symbol für den unmöglichen dicken Körper. „Wenn ich meine Teilnehmer zum ersten Mal in den Bauch spüren lasse, dann fließen viele Tränen.“ Wie viele Dicke hat auch Mäks 25 Jahre lang den Bauch eingezogen und nur noch ganz flach geatmet. Doch nach einem längeren Prozess des Übens und Spürens kann die Atmung wieder freier werden. Und der Bauch darf sein.

Mary traut sich inzwischen mit einem „Fatkini“ (zusammengesetzt aus fat und Bikini) an den Strand. Auf ihrem Instagram-Blog, wo sie ein bauchfreies Foto von sich im Strandkorb postet, schreibt sie: „Nicht mehr verstecken! Mir nicht mehr versagen, in der Öffentlichkeit Eis zu essen! Mein Leben nicht mehr zurückstellen, bis ich den richtigen Körper habe!“ Sie trägt jetzt Kleider, die die Fülle ihres Körpers nicht mehr kaschieren. Kleider, die sie als Kind nie tragen durfte, weil sie angeblich zu dick war. Mary zeigt heute online Mode, die dicke Frauen schön sein lässt. Sie hat sich den Körper über die Mode, über „Fa(t)shion“ zurückerobert. So spaziert sie auch schon mal in einem kurzgeschnittenen rosa Tüllkleid durch Berlin. Und erntet staunende Blicke.

Der Body-Mass-Index (BMI)

Der BMI errechnet sich nach der Formel: Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die mit sich selbst multiplizierte Körpergröße.

BMIKlassifikation des Gewichts
unter 18,5Untergewicht
18,5 bis 24,9Normalgewicht
25 bis 29,9Übergewicht
30 bis 34,9Adipositas Grad 1
35 bis 39,9Adipositas Grad 2
über 40Adipositas Grad 3

Diese Definition von Übergewicht auf Grundlage des BMI ist allerdings umstritten. Denn der BMI sagt nichts über die Verteilung des Körperfetts, über die Muskelmasse, die Kondition und den individuellen Körperbau aus.

Oft reicht es, das Gewicht zu halten

Veronika Hollenrieder führt ein ambulantes Diabeteszentrum. Viele ihrer Patientinnen und Patienten sind ­übergewichtig und berichten der Ärztin von dem Druck, unter dem sie stehen

Viele dicke Menschen kämpfen vergeblich gegen ihre Pfunde. Auch die Therapieerfolge von strukturierten Programmen fallen eher mäßig aus. Ist es überhaupt sinnvoll, dass Hochgewichtige versuchen abzuspecken?

Zumindest Menschen mit ausgeprägter Adipositas sollten etwas abnehmen, denn sonst müssen sie zum Beispiel mit einem Diabetes, einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und auch mit Gelenkproblemen rechnen. Allerdings ist es nicht das Ziel, dünn zu werden, sondern den Stoffwechsel in den Griff zu bekommen. Oft reichen schon ein paar Pfunde weniger, um das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich zu senken. Und es ist schon ein Erfolg, wenn es einem gelingt, das Gewicht nur zu halten. Im Vordergrund stehen die Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerte, nicht das Gewicht.

Aber viele möchten doch einfach dünner werden!

Ja, weil sie große Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben. Sie fühlen sich wertlos, weil sie dick sind. Deshalb halte ich eine lang-fris­tige psychologische Begleitung für sehr wichtig, damit sich die Menschen wieder etwas zutrauen und ihre Ressourcen entdecken.

Wie sieht denn eine moderne ­Therapie der Adipositas aus?

Dazu gehört eine Verhaltenstherapie, gekoppelt mit einer Bewegungs- und Ernährungstherapie, möglichst ergänzt durch eine Selbsthilfegruppe. In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Patientinnen und Patienten, Situationen neu zu bewerten und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. In der Ernährungstherapie geht es nicht um die Frage „Wie kann ich mich beim Essen zurückhalten?“, sondern darum, Essen wieder zu genießen. Anti-Stress-Techniken sowie ein Entspannungsverfahren helfen dabei, mit dem täglichen Stress, den einem das Dicksein beschert, umzugehen.

Wie können dicke Menschen auf die alltäglichen Diskriminierungen reagieren?

Eine mögliche Strategie besteht darin, schwierige Situationen vorherzusehen, um sich Peinlichkeiten zu ersparen. Also zum Beispiel bei Flugreisen schon im Voraus eine Gurtverlängerung bestellen. Oder genau darauf achten, auf welchen Stuhl ich mich setze: Ist er breit genug, so dass ich auch wieder herauskomme? Hält er meinem Gewicht stand? Das klingt nach einem Slapstick, ist aber durchaus Alltag für dicke Menschen, dass Stühle, Gänge, Toiletten für sie zu klein sind. Wenn sie ungefragt auf ihr Gewicht angesprochen werden, könnten sie selbstbewusst entgegnen: Das geht Sie nichts an!

Dr. Veronika Hollenrieder ist Ärztin. Sie bietet in ihrem Diabeteszentrum in Unterhaching bei München zweimal im Monat eine Adipositas-Selbsthilfegruppe an und ist Autorin des Buches Ich bin dann mal dick! (Springer 2017)

Literatur

Veronika Hollenrieder: Ich bin dann mal dick! Mein Weg zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit trotz Übergewicht. Springer, Heidelberg 2017

Lotte Rose, Friedrich Schorb (Hg.): Fat-Studies in Deutschland. Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Beltz Juventa, Weinheim 2017

Friedrich Schorb: Dick, doof und arm? Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert. Droemer, München 2009

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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