Vom Klirren und Beben im Alter

Kolumnistin Mariana Leky kennt Camille seit ihrer Geburt. Sie ist pflegebedürftig – und dennoch überzeugt, dass andere ihre Hilfe dringender brauchen.

Die Illustration zeigt an alte Frau, dahinter den Sensenmann
Die Unsterblichkeit Camilles als Illusion. Dennoch hält sie andere immer noch für hilfsbedürftiger. © Elke Ehninger

Eigentlich sollte es ein gemütlicher Nachmittag werden, ich hatte Kuchen mitgebracht, Camilles Lieblingskuchen. Es ist dann leider schnell sehr ungemütlich geworden. Ich saß auf der Küchenbank und sah Camille beim ausgiebigen Schimpfen und Umherstampfen zu. Weil Camille so außergewöhnlich groß und schwer ist, bebt, wenn sie schimpft und stampft, die ganze umstehende Welt – die Teller in Camilles Spüle, die Tassen in ihrem Schrank, sogar die Küchenbank.

Ich kenne Camille seit meiner Geburt, sie ist die beste und längste Freundin meiner Mutter. Sie stampfte und schimpfte, weil ab morgen eine Pflegerin zweimal täglich bei ihr vorbeischauen sollte. Camille empfand das als Affront, als dreiste Beleidigung, als Unverschämtheit. „Ihr habt ja nicht alle Tassen im Schrank“, sagte sie (Camille stammt aus Frankreich, und das mit den Tassen im Schrank ist ihre deutsche Lieblingsredewendung) und dass sie ihr Leben lang gut allein zurechtgekommen sei. Das stimmt. Camille hat nie mit jemandem zusammengelebt und fand das offenbar ein Leben lang schön.

Weil mir nichts Besseres einfiel, machte ich es schlimmer, indem ich ihr aufzählte, was in letzter Zeit alles passiert war: Wiederholt war Camille morgens nicht aus dem Bett gekommen und hatte dann stundenlang dagelegen, bis zufällig ihr Sohn vorbeikam („Das war nur wegen der Gemütlichkeit“, warf Camille ein, „ich hätte jederzeit aus dem Bett heraushüpfen können“), sie war mehrfach die Treppe heruntergefallen („Die halbe Treppe“, warf sie ein, „und auch nicht gefallen, sondern gepurzelt“, um dem Ganzen einen trügerischen Anstrich von Niedlichkeit zu geben), sie ist mit Kreislaufschwierigkeiten im Garten umgefallen („Sehr weich gefallen“, warf Camille ein, „auf die Hortensien“), sie hatte mehrfach den Herd angelassen und dadurch die umliegenden Topflappen in Brand gesetzt („Und wieder gelöscht“, warf Camille ein, „geistesgegenwärtig und sofort“).

Unsterblich?

Camille unterbrach das Umherstampfen, das Klirren und Beben hörte auf. „Dass ihr mir eine Pflegerin ins Haus holt“, sagte sie, „schmiert mir mein Altsein ins Gesicht.“ Sie baute sich vor mir auf. „Als würde mir das nicht sowieso schon täglich ins Gesicht geschmiert“,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2020: Emotional durchlässig
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