Keine dramatische Verschlechterung

Die Coronakrise wirkte sich auf das psychische Wohlbefinden von 2000 Befragten offenbar bislang nur wenig aus. Dies ergab eine Studie.

Die Coronakrise hat nach einer neuen Studie am Mannheimer Zentralinstitut für Psychische Gesundheit bislang nicht zu einer starken Zunahme psychischer Beeinträchtigungen geführt. Die Forscher befragten im April 2020 jeweils 1000 Frauen und Männer aus Mannheim zwischen 18 und 65 Jahren, die nach dem Zufallsprinzip aus der Einwohnermeldedatei gezogen wurden. Diese Ergebnisse wurden mit einer nach genau denselben Prinzipien vorgenommenen Untersuchung aus dem Jahr 2018 verglichen.

Es zeigte sich: Zwar wurden Belastungen durch die Coronakrise berichtet, aber diese streuten sehr weit. Am häufigsten gaben die Befragten an, Angst um die Gesundheit nahestehender Personen zu haben, und sie berichteten von Auswirkungen auf die familiäre Situation sowie von Sorgen um Arbeitsplatz oder finanzielle Einbußen. Diese Belastungen gingen auch mit schlechterem Befinden einher. Doch die Forscher schreiben, dass insgesamt die in Medienberichten beschriebene Vermutung einer dramatischen Zunahme psychischer Beeinträchtigungen nicht bestätigt werden könne.

Einflüsse auf das Wohlbefinden

Ältere und Menschen mit besserer Bildung erklärten häufiger, sich insgesamt gut zu fühlen als andere. Dies galt auch für diejenigen, die sich über das Coronavirus gut informiert fühlten. Wie es aus vielen Studien bekannt ist, trugen etwa geringer Neurotizismus (damit verbunden eine hohe emotionale Stabilität) oder hohe Gewissenhaftigkeit genauso stark zum Wohlbefinden bei. Ebenfalls zeigte sich der Zusammenhang zwischen einer starken Neigung zum Grübeln und einem schlechteren Befinden schon früher in vielen Studien. Als positiv für die psychische Befindlichkeit erwies sich eine starke Überzeugung, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, förderlich war auch eine optimistische Haltung – auch das bestätigt frühere Studienergebnisse.  

Die Wissenschaftler fragten zunächst nach aktuellen Auswirkungen der Coronakrise. Darüber hinaus legten sie den Probanden eine Kurzfassung des Big-Five-Persönlichkeitsinventars vor, erhoben das Ausmaß ihres Optimismus (Life Orientation Test), die Kontrollüberzeugungen der Teilnehmer sowie ihre Grübelneigung. Sie erfassten zudem Symptome von psychischen Störungen (Gesundheitsfragebogen für Patienten, PHQ-D). Außerdem nutzten sie den WHO-5-Wellbeing-Index, den Fragebogen der Weltgesundheitsorganisation zur Einschätzung des psychischen Befindens.

Bei den Items des WHO-5-Index fanden die Wissenschaftler keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Stichproben von 2020 und 2018, auch nicht bei der Erhebung der Symptome psychischer Störungen. Die Forscher machen darauf aufmerksam, das Kinder und Ältere ab 65 nicht untersucht wurden - dies könnte das Bild noch verändern. Auch enthalte die Studie keine Aussage über die Situation von Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Die Befragten waren allesamt Einwohner der Stadt Mannheim. 

Langfristige Effekte noch nicht abbildbar

Die Forscher weisen darauf hin, dass mittel- bis langfristige Effekte durch die Coronakrise auf die psychische Gesundheit derzeit noch nicht abgebildet werden könnten und plädieren für Längsschnittuntersuchungen. Die Entwicklung der Coronakrise mit wiederholten Anstiegen der Infektionszahlen einer Zunahme von Arbeitslosigkeit und finanzieller Unsicherheit könnte mittel- bis langfristig Effekte auf die seelische Gesundheit haben, die sich derzeit noch nicht abbilden ließen.

Christine Kuehner u. a.: Psychisches Wohlbefinden in der Bevölkerung während der COVID-19-Pandemie. Psychiatrische Praxis, 2020. DOI: 10.1055/a-1222-9067

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