Leben in zwei Welten

Wie kann man gut reagieren, wenn eine nahestehende Person erkrankt? Ein Interview mit der Psychoonkologin und Analytikerin Almuth Sellschopp.

Die Illustration zeigt Menschen, die allein und isoliert auf Hügeln sitzen, während Pillen und Tabletten herabfallen
Bei schwerer Krankheit stürzt vieles auf uns ein. Psychotherapie kann den Umgang damit erleichtern. © Studio Pong

Frau Sellschopp, warum sind viele Menschen mit der Situation überfordert, wenn jemand in ihrem Umfeld schwer erkrankt?

Bei den Kranken und ihren Angehörigen lösen Krank­heiten Panik aus, sie haben das Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein. Hinzu kommen Gedanken wie: Nicht auch noch das! Alles ist nun aus! Das ist kaum auszuhalten! Deshalb gibt es – in der Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm ist – Tendenzen, zu bagatellisieren und die Situation herunterzuspielen. Dadurch stellt sich ein sogenanntes vorübergehendes Doppelgänger-Lebensgefühl ein. Es ist charakterisiert durch das Gefühl, neben sich zu stehen oder in zwei Welten zu leben; häufig ist man auch permanent damit beschäftigt, abzuwägen, wem man was sagt.

Woher eigentlich kommt die Angst vor Kranken?

Vorab sollte man unterscheiden: Nicht der Kranke macht Angst, sondern seine Krankheit. Ein Grund dafür ist, dass Krankheiten häufig schleichende Prozesse sind und ihr Ausmaß erst nach und nach deutlich wird. In dem Fall einer plötzlichen und unerwarteten Diagnose, zum Beispiel bei der Feststellung eines Karzinoms, kann die Angst sogar noch weiter ansteigen. Erkrankungen, deren Ausmaß und Konsequenzen für das Leben zunächst nicht abschätzbar sind, erzeugen eine Art Fremdwerden in Bezug auf die eigene Lebenssituation. Die Angst erfasst nicht nur den Patienten, sondern auch jene Menschen, die mit ihm verbunden sind. Etwas Neuartiges, teils Unheimliches – gerade in Bezug auf die Konsequenzen – bricht in das gemeinsame Leben ein.

Wie erleben Patienten die Unsicherheit anderer?

Unsicherheit ist immer dann problematisch, wenn sie im Raum stehenbleibt. Sie führt dann zur inneren Isolierung des Erkrankten und löst das Gefühl aus, aufgegeben zu sein. Ich sehe es als eine Verpflichtung für Angehörige und enge Freunde, eben...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
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