Kein Leben ohne Enttäuschungen

Ein Gespräch mit dem Philosophen und Jesuiten Michael Bordt über die Fähigkeit, gestärkt aus Enttäuschungen hervorzugehen

Michael Bordt: „Mein Ideal ist die bewusste Verletzbarkeit“ © Imago

„Ein Leben ohne Enttäuschungen ist ein totes Leben“

Der Philosoph und Jesuit Michael Bordt über die Fähigkeit, gestärkt aus Enttäuschungen hervorzugehen, und den Mut, andere zu enttäuschen

Herr Bordt, in Ihrem Buch Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen erkunden Sie das Thema Enttäuschung aus unterschiedlichen Blickwinkeln und beginnen mit dem unangenehmen Gefühl, selbst enttäuscht zu werden. Von anderen, vom Leben, von sich selbst. Was interessiert Sie daran?

Enttäuschungen sind eine gute Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen. Natürlich ist es angenehmer, nicht enttäuscht zu werden. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn bei jeder Enttäuschung stoßen wir auf den Kern der Realität. Eine Enttäuschung ist wie eine plötzliche Tiefenbohrung in Schichten unserer Seele, die uns im Alltagsbewusstsein oft nicht zugänglich sind. Wir erfahren dadurch etwas Wesentliches über uns. Immer wenn wir enttäuscht werden, können wir sicher sein, dass unsere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte auf den harten Fels der Realität geprallt sind. In diesem Augenblick sehen wir klar, wie andere Menschen, Situationen oder wir selbst wirklich sind. Eine Ent-Täuschung ist auch eine Befreiung von einer Täuschung, einer Illusion, in der wir gefangen waren.

Was können wir dadurch über uns lernen?

Wenn wir von uns selbst enttäuscht sind, erkennen wir, dass wir nicht so souverän, klug, leistungsstark oder großzügig sind, wie wir gedacht haben. Im besten Fall kann das dazu führen, dass wir das Ideal, mit dem wir herumlaufen, der Realität...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2018: Die Stärke der Stillen
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