Welchen Faden hat mein Leben?

Meist verläuft das Leben nicht so ideal, wie man es sich ausgemalt hat. Biografiearbeit ermöglicht eine Versöhnung mit dem eigenen Lebensweg.

Die Spur führt zurück in die Kindheit © Magda Wel

Den Faden des eigenen Lebens erkennen

Selten werden Jugendträume wahr. Meist verläuft das Leben nicht so ideal, wie man es sich ausgemalt hat. Muss man es deshalb ­geringschätzen? Biografiearbeit ermöglicht eine Versöhnung mit dem eigenen Lebensweg

Auf einmal flossen die Tränen. Betroffen und verblüfft blickten die Seminarteilnehmer auf ein echtes Mannsbild in ihrem Kreis, 1,90 Meter groß, mit breitem Kreuz und stattlichem Bauch, ein Maurerpolier kurz vor dem Ruhestand. Völlig unerwartet für alle hatte er zu weinen begonnen. Saß man nicht nur zusammen, um den Übergang in die Rente zu besprechen und dabei ein wenig Rückschau auf die eigene Biografie zu halten?

Nach einigen Minuten hatte der Mann die Fassung wiedergewonnen, und nun erzählte er seine Geschichte: wie er einst mit Heinz Hoppe, einem berühmten Kammersänger der Nachkriegsjahrzehnte, im selben Dorf im Münsterland aufgewachsen war. Musikalisch genauso talentiert wie der Nachbarsjunge sei er gewesen, erzählte der Mann, nur eben nicht in ein reiches Elternhaus geboren, das ein Studium am Konservatorium bezahlen konnte. Als Kind einer armen Familie war er also Maurer geworden, nicht Kammersänger. Und dieser Lebensschmerz brach nun heraus.

„Wenn Sie Biografiearbeit machen, ist es schon gut, die Taschentücher in der Nähe zu haben“, sagt Hans Georg Ruhe. Er hat nicht nur viele Jahre mit Gruppen wie jener des Maurerpoliers gearbeitet, sondern auch Bücher zum Thema geschrieben. Darin begründet er, warum diese Art, sich dem eigenen...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Leben
Unsere Kleider erzählen Geschichten: Für die Textilwissenschaftlerin Annette Hülsenbeck ist Kleidung ein Schlüssel zum Verstehen der eigenen Biografie.
Gesellschaft
​Babyklappen sollen Neugeborene davor bewahren, ­ausgesetzt oder getötet zu werden – aber funktioniert das auch?
Familie
Die Schriftstellerin Annette Mingels erfuhr als Zwölfjährige, dass sie ein Adoptivkind ist. Was das in ihr auslöste, erzählt sie im Psychologie Heute-Gespräch.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2018: Die Stärke der Stillen
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Die Beziehung zur Mutter prägt den Sohn ein Leben lang, ob er will oder nicht.
Gesellschaft
Psychologische und psychotherapeutische Fachgesellschaften sehen Stimmungswandel im Umgang mit der Corona Krise
Leben
Sorgenschleifen können sich verselbstständigen und großen Einfluss auf unser Leben haben.