Ich und glücklich?

Alles in allem gelingt Ihnen das Leben. Aber wirklich zufrieden sind Sie nicht. Woran liegt’s? Möglicherweise stehen Sie sich selbst im Weg

Ich und glücklich?

Alles in allem gelingt Ihnen das Leben. Aber wirklich zufrieden sind Sie nicht. Woran liegt’s? Möglicherweise stehen Sie sich selbst im Weg

Stellen Sie sich vor, eine gute Fee würde Ihnen erscheinen und Ihnen sagen: Du hast drei Wünsche frei. Was würden Sie sich wünschen?“

Raj Raghunathan, Professor an der University of Texas, stellte bislang mehr als 1000 Menschen diese Frage und hörte neben launigen Antworten (eine Frau wäre gerne mit einer Mischung aus Michael Jackson und Paul McCartney verheiratet) ein erwartbares Wunschkonzert: Die meisten Menschen hätten gerne mehr Geld, Erfolg, Ruhm, Macht, Respekt und erfüllende Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden. Die ganz Schlauen äußerten nur einen Wunsch: Die Fee möge ihnen alle zukünftigen Bedürfnisse erfüllen.

Auffallend aber war ein Ergebnis: „Nur sechs Prozent der Teilnehmer unserer Studien baten die Fee um Glück.“ Was war der Grund? War es für die Befragten kein Ziel, glücklich zu sein? Oder äußerten sie in der Befragung Wünsche, deren Erfüllung zu Glück führt? Wie eine gute Partnerschaft, Geld und so weiter. Aber warum wünschen sie sich dann nicht direkt Glück? „Wenn ich von Neu-Delhi nach New York reisen will, löse ich doch auch kein Ticket nach, sagen wir London, nur weil es irgendwo auf dem Weg liegt“, so Raghunathan.

Zumal das „Glück als solches“ im Lebensplan der meisten Menschen einen hohen Stellenwert besitzt. In einer repräsentativen Studie sollten 16 mögliche Lebensziele von den Befragten nach ihrer Priorität sortiert werden. „Glück“ rangierte auf Platz 2, gleich hinter „erfüllende Beziehung(en)“, aber weit vor „Reichtum“, „Gesundheit“, „Lebenssinn“ oder „Attraktivität“. Auf dem Papier steht Glück also ganz oben. Umso unverständlicher, meint der Wissenschaftler, dass die überwiegende Zahl seiner Studienteilnehmer die gute Fee nicht um Glück bat.

Das Paradox ist auch und gerade bei solchen Menschen wirksam, die vermeintlich beste Voraussetzungen fürs Glücklichsein mitbringen: Die Klugen und Tüchtigen verzetteln und verlaufen sich besonders häufig bei der Suche nach dem Glück. Gerade die Eigenschaften, die mit Intelligenz und Erfolg assoziiert werden, stehen diesen Menschen im Weg, sagt Raghunathan. „Die Forschung zeigt, dass kein Zusammenhang zwischen Erfolg, Ruhm und Reichtum auf der einen und Glück auf der anderen Seite besteht. Aufgrund der bisherigen Studienlage sieht es sogar so aus, als ob Intelligenz nicht besonders förderlich fürs Glücksgefühl ist. Wer gut darin ist, die großen Meilensteine des Erfolgs zu erreichen, hat beileibe keine besseren Karten für hohe Glückslevel. Schon gar nicht in dem Maße, wie wir uns das immer vorstellen.“

Warum das so ist und wie man Um- und Irrwege vermeidet, hat Raghunathan in zahlreichen Studien und Experimenten analysiert. Und stieß auf „Glückssünden“, wie er es nennt, die weit verbreitet sind:

1. Die Geringschätzung des Glücks

Zur Glücksblindheit gerade von Menschen, die sich für besonders aufgeklärt halten, tragen manche Vorurteile bei, die schon fast den Status von Volksweisheiten erreicht haben – und trotzdem keiner Überprüfung standhalten.

So zum Beispiel die Annahme „Glück macht träge und selbstzufrieden“. In vielen Köpfen spukt die Idee herum, das Glück sei eine moderne Version des brueghelschen Schlaraffenlandes, in dem man faul und satt abhängt. Dieses Klischee bedienen Werbung und Marketing, wenn sie das Paradies auf Erden als Palmenstrand oder Hotelpool zeichnen, an dem man, Cocktailglas in der Hand, im Liegestuhl liegt und vor sich hin döst. Wie öde und langweilig – und wie falsch! Glückliche Menschen, das zeigt die Forschung, haben Freude daran, aktiv zu sein, etwas zu bewegen und zu erreichen. Glück entsteht aus dem Wechsel von Anspannung und Entspannung.„Chillen“ ist erst schön, wenn man vorher etwas getan hat.

Ein weiteres Vorurteil: „Glück macht gleichgültig und egoistisch.“ Alle Erfahrung (und vor allem die Forschung) spricht dagegen: Es sind die glücklicheren Menschen unter uns, die sich für andere engagieren, die am meisten spenden und zum Beispiel Ehrenämter übernehmen und sich um Schwächere kümmern. „Nachhaltiges“ Glück besteht auch darin, es mit anderen teilen zu können, Dankbarkeit zu empfinden und nicht nur um sich selbst zu kreisen.

Und schließlich winken viele Menschen beim Thema Glück ab, weil sie überzeugt sind: Glück ist nie von Dauer – also lohnt es nicht, ihm nachzujagen. Sicher sind manche Glücksgefühle eher flüchtiger Natur. Man kann nicht 24 Stunden am Tag Ekstase oder Ergriffenheit spüren. Aber es gibt viele Glücksgefühle, die unser Leben dauerhaft positiv färben können und nach denen es lohnt zu streben: etwa Dankbarkeit, Heiterkeit, Humor, Neugier.

2. Die Fixierung auf den Geldwert

Schon in banalen Alltagssituationen zeigt sich, wie selbst kleine Glücksmöglichkeiten immer wieder durch andere Überlegungen oder Wertungen überlagert werden. „Obwohl viele Menschen denken, dass Glück bei ihnen oberste Priorität hat, lassen sie sich auf dem Weg dahin oft ablenken, zum Beispiel vom Wunsch, Geld zu sparen“, erklärt Raghunathan.

Ein Beispiel aus seiner Forschung: In einer Salatbar werden die Teller an der Kasse gewogen – der Preis berechnet sich nach dem Gewicht der gewählten Speisen. Das Angebot reicht von eher „billigen“ bis zu „wertvolleren“ Zutaten. In einer Befragung gaben 98 Prozent der Kunden an, sie würden den Preis der Zutaten außer Acht lassen und sich nur das auf den Teller laden, was ihnen wirklich schmeckt. In der Theorie bekennen sich die Kunden also zum Glück: Genuss geht ihnen vor Preis-Leistungs-Verhältnis. Als die Versuchspersonen sich dann aber ihre Teller beladen durften, entschied sich nur noch ein Fünftel für höherwertige Speisen. Die anderen achteten darauf, den „Gegenwert“ für ihr Geld zu kriegen, und der Genuss war nun nicht mehr so wichtig. „Es ist faszinierend zu sehen, wie schwer es ist, unser Glücksgefühl tatsächlich wichtig zu nehmen“, schlussfolgert Raghunathan aus dieser Studie. „Ich nenne dies das ‚fundamentale Glücksparadox‘“.

Eine der wichtigeren Quellen für Glück (oder Unglück) im Leben ist nachweislich das Maß der Erfüllung oder Sinnhaftigkeit, die wir in unserem Beruf finden können. In einem Experiment mit Studenten der Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas hat Raghunathan einer Gruppe von Berufseinsteigern zwei fiktive Jobangebote vorgegeben und sie gefragt: „Welches wählen Sie?“

– Job A bietet ein hohes Einstiegsgehalt plus exzellente Karrierechancen. Allerdings haben Sie erfahren, dass in dieser Firma Überstunden die Regel, der Stresslevel hoch, die Chefs unangenehm sind.

– Job B bietet ein weit geringeres Gehalt – die Hälfte von Job A, aber genug zum Leben. Doch die Aufgabe ist interessant, das Betriebsklima ist gut, der Stresslevel niedrig.

Wirtschaftsstudenten stehen allgemein im Ruf, geld- und karrierefixiert zu sein – jedenfalls mehr als Studenten anderer Fächer. Umso überraschter war Raghunathan, dass immerhin drei Viertel der befragten BWL-Studenten Job B wählten. Das Ergebnis widersprach vielen anderen Studien zu diesem Thema, so sehr, dass er noch einmal nachfasste. Er veränderte die Fragestellung etwas: Nun sollten die Studenten nicht mehr angeben, welchen Job sie selbst wählen würden, sondern: „Wie würden sich die meistenIhrer Kommilitonen entscheiden?“ In dieser Variante kehrten sich die Ergebnisse um: Die deutliche Mehrheit glaubte nun, dass „die anderen“ sich fürA entscheiden würden.

Der Kniff einer solchen Fragestellung liegt darin, dass sie projektiv ist: Wenn man Menschen direkt fragt, antworten sie nicht unbedingt ehrlich. Aber ihre eigentliche Überzeugung projizieren sie gerne auf andere: Die sind doch alle karrieregeil! Denen ist Geld wichtiger als Spaß an der Arbeit!

Raghunathan hat mit vielen weiteren solcher und ähnlicher Studien herauszufinden versucht, warum viele Menschen, zumal gebildete und erfolgreiche, den direkten Zugriff auf Glücksmöglichkeiten so oft übersehen oder geringschätzen. Er sieht einen Hauptgrund darin, dass „Glück“ für die meisten ein recht abstraktes Ziel ist – schwer zu definieren, zu messen oder zu beziffern. Ganz im Gegenteil zukonkreteren Dingen wie Geld, Status oder die Zahl der Facebook-Freunde. Also hält man sich an das Greifbare – denn eine Gehaltserhöhung, ein Rabatt beim Autokauf oder eine gelungene Schönheitsoperation erzeugen ja auch gute Gefühle, zumindest für eine kurze Zeit.

3. Der Kampf um Überlegenheit

Von Kindesbeinen an sind die meisten Menschen darauf onditioniert, dass man sich anstrengen muss, um im Leben voranzukommen. Wir alle lernen, dass uns nichts geschenkt wird und es im großen Wettbewerb immer wieder darauf ankommt, besser zu sein als andere. Und wir lernen: Die meiste Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe gibt es für die, die oben stehen.

Natürlich hat das auch eine positive Seite: Wir möchten unsere Fähigkeiten entfalten, unsere Talente ausleben, unsere Kompetenzen entwickeln. Wenn uns das möglich ist, erleben wir die positiven Gefühle, die mit Autonomie und Könnerschaft einhergehen: ein stabiles Selbstwertgefühl, Anerkennung, Zufriedenheit. Und natürlich sind wir insgesamt glücklicher, wenn wir in zentralen Lebensbereichen erfolgreich sind, wenn wir Status und Wohlstand erreicht haben. Die Glücksforschung zeigt zudem, dass Menschen mit höherem Status gesünder sind und länger leben.

Das Problem liegt darin: Wir konzentrieren uns mehr und mehr auf extrinsische, also äußerliche Glücksmaßstäbe. Das führt in eine Steigerungsfalle. Wir verengen den Fokus zunehmend auf diese leichter greifbaren äußeren Anreize und Belohnungen. Aus ihrem ursprünglichen Zweck – sie können uns Glücksgüter wie Freiheit, Autonomie und Anerkennung ermöglichen – wird ein Selbstzweck. Dann wird die Jagd nach Überlegenheit nur noch anstrengend, sie entfremdet uns von anderen, vor allem auch von stressfreieren Glücksmöglichkeiten. „Immer wenn Sie sich dabei ertappen, den Schlüssel zum Glück außerhalb von sich selbst zu suchen, sollten Sie sich bewusstmachen, dass Sie keine Chance haben, ihn zu finden“, erklärt Raj Raghunathan.

Nicht nur er hält extrinsische Ziele für die „schlimmsten Glückskiller“. Denn zahlreiche psychologische Studien weisen nach, dass extrinsische Belohnungen andere Gefühle unterminieren. Vor allem geht die intrinsische Motivation für eine Tätigkeit verloren – also die Freude am Tun, der Spaß an den nichtmateriellen Aspekten einer Arbeit. Und zweitens verflüchtigt sich der psychologische Kick, der etwa mit einem Bonus oder einer Gehaltserhöhung verbunden ist, sehr schnell. Wir gewöhnen uns nach kurzer Zeit an Erfolge und Gewinne. Aber sie sind nicht Mittel zum (Glücks-)Zweck, sondern eher ein „Zwischenziel“. Und deshalb müssen wir „nachlegen“: mehr Geld, mehr Ansehen, mehr Macht.

Der Psychologe Adam Grant hat in seinen Studien nachgewiesen, dass auch und gerade im Arbeits- und Wirtschaftsleben die „Nehmer“ sehr viel schlechter angesehen sind als die „Geber“. Auf lange Sicht isolieren sich diejenigen, die durch unablässiges Streben nach Erfolgen andere vor den Kopf stoßen. Die „Geber“ können dagegen auf ständigen Zuwachs von Geld und Macht verzichten. Ihnen sind Kooperation und ein harmonisches Verhältnis zu Kollegen wichtiger – und langfristig erweist sich das nicht nur als die stressfreiere, sondern auch erfolgreichere Strategie.

4. Alles kontrollieren wollen

Eine der prägendsten Bedingungen der menschlichen Existenz ist, Unsicherheit aushalten zu müssen (siehe Heft 7/2016: Mut zur Unsicherheit). Das Leben gestaltet sich für jeden Menschen als eine lange Sequenz von Versuchen, die Kontrolle über möglichst viele Dinge zu erlangen oder zu behalten. Mit bescheidenem Erfolg – selbst die Mächtigsten und Klügsten sind den Unwägbarkeiten des Schicksals unterworfen.

Der Grad an Kontrollmöglichkeiten, den wir haben (oder zu haben glauben), beeinflusst auch unsere Glücksmöglichkeiten: Autonomie bedeutet ja nichts anderes, als möglichst viele und wichtige Dinge in unserem Leben selbst zu bestimmen – wie frei wir etwa über unsere Zeit verfügen oder unsere Ziele wählen können. So gesehen macht Kontrolle glücklich. Umgekehrt gilt: Wenn uns die Kontrolle entgleitet oder wenn andere über uns entscheiden, sieht unsere Glücksbilanz meist schlecht aus.

Die Sozialpsychologin Ellen Langer hat in einem berühmten Experiment gezeigt, dass schon kleine Spielräume von Kontrolle über die eigenen Angelegenheiten die Lebensqualität enorm steigern können. In Altersheimen, in denen den Bewohnern ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit und Mitbestimmung zugestanden wurde, stieg nicht nur die Lebensfreude deutlich – über das psychische Wohlbefinden hinaus verlängerte sich auch die Lebensspanne im Vergleich zu Heimen, in denen es nur wenig Autonomie und Gestaltungsfreiheit gab und den Bewohnern alle Entscheidungen „abgenommen“ wurden.

Aber es gibt auch bei diesem Grundbedürfnis nach Kontrolle einen schmalen Grat zwischen dem Wunsch, das eigene Leben einigermaßen im Griff zu haben, und der Sucht, alles und jedes nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu wollen. Doch Letzteres ist nicht nur unmöglich, sondern auch extrem kontraproduktiv.

Ein Zuviel an Kontrolle entsteht beispielsweise, wenn wir das Kontrollbedürfnis auf nahezu alle Lebensbereiche ausdehnen und jeden Schritt auf dem Weg zu einem Ziel überwachen wollen. Dabei überdehnen wir unsere Fähigkeiten und geraten in einen anstrengenden Perfektionismus. Der Wunsch, ein Leben nach Plan zu führen, sowie die zwanghafte Fixierung auf Ziele verleiten zu einem Kontrollzwang, der mit der Zeit auch auf die Gesundheit schlagen kann. Der Psychologe Robert Vallerand von der Universität Montreal spricht von obsessiver Kontrolle und hat nachgewiesen, dass „zwanghafte Kontrolleure“ viel stärker unter Stress und erhöhtem Blutdruck leiden als flexiblere und gelassenere Menschen.

Kontrolleifer ist sozusagen das Gegenteil von Gelassenheit. Dieser Eifer wendet sich vor allem dann gegen den Kontrolleur, wenn dieser anderen Menschen den eigenen Willen aufzwingen will. Kontrollbesessene finden sich, wenig verwunderlich, vor allem auch unter Führungspersonen. Sie sind für „Ergebnisse“ verantwortlich und fixieren sich deshalb auf deren Darstellbarkeit – in Zahlen, Umsätzen, Gewinnen, Quartals- und Jahresbilanzen. Der Motivationspsychologe David McClelland spricht vom „Machtstress“ –  nd meint damit vor allem die psychischen Folgen des Kontrollwahns von Entscheidern. Denn mit jedem extremen Kontrollversuch sindEnttäuschungen, Ärger und Frustration programmiert. Kontrollbesessene Chefs greifen per Definition in die Autonomiespielräume ihrer Mitarbeiter ein. Diese leisten offenen oder versteckten Widerstand – mit oft hohen psychischen Folgekosten für den, der sich in Überwachung und Regelungskämpfen verstrickt.

Alles unter Kontrolle haben zu wollen – auch dort, wo es unvernünftig, aufreibend und konfliktträchtig ist – ist nicht nur sinnlos, es macht nachweislich unglücklich. Kontrollsucht ist eine Reaktion auf die Unsicherheit und Komplexität unseres Lebens. Wir können uns dafür entscheiden, mit einem bestimmten Maß an Unsicherheit zu leben und uns nicht in stressreiche und letztlich erfolglose Kontrollversuche zu verstricken.

5. Die Unfähigkeit, anderen zu vertrauen

Glück und die Fähigkeit, anderen Menschen vertrauen zu können, hängen eng zusammen. Ganz einfach deshalb, weil Vertrauen uns entspannter leben lässt. Vertrauen ist wie eine Investition in die Zukunft. Diese Zuversicht trägt oft gute Früchte und kann eine Art Kettenreaktion guter Gefühle auslösen.

Natürlich hängt die individuelle Bereitschaft, anderen zu vertrauen, auch stark von gesellschaftlichen Strukturen ab, also ob man in einer „Kultur des Vertrauens“ lebt oder in einem Land mit korruptenEliten. Auf die Frage „Glauben Sie, dass man im Allgemeinen anderen Menschen vertrauen kann, oder muss man im Umgang mit anderen immer vorsichtig sein?“ antworteten 65 Prozent der Norweger und Dänen positiv – man kann vertrauen. Bei den Russen und den Griechen hingegen waren nicht einmal zehn Prozent dieser Ansicht. Das korrespondiert ziemlich genau mit dem Glücksindex für die genanntenLänder, die Skandinavier rangieren auch dort ganz oben, während Griechen und Russen sich selbst eher zu den Unglücklichen zählen. Raj Raghunathan ist überzeugt, dass in unserem normalen Alltagsleben Vertrauen die überlegene, rationale Option ist, wenn es um unsere Glücksbilanz geht. Er empfiehlt, eineHaltung des „klugen Vertrauens“ zu kultivieren. Um immer wieder vertrauen zu können, muss man die Enttäuschung über einen Vertrauensbruch minimieren, indem man ihn relativieren lernt: Man rückt die schlechte Erfahrung in die richtige Perspektive und erinnert sich an Situationen, in denen sich Vertrauen „gelohnt“ hat.

Bei all diesen „Sünden wider das Glück“ besteht der grundsätzliche Irrtum darin, dass prinzipiell glücksbringende Elemente des Lebens wie knappe Güter betrachtet werden. Viele Menschen gehen von einem Mangel aus, meint Raj Raghunathan, sie ­glauben, sie hätten noch nicht genug Erfolg, Geld und Bedeutung (siehe das Interview auf Seite 26). Wer aber das Leben als quasiökonomisches Nullsummenspiel betrachtet, in dem es darum geht, sich einen Anteil am Kuchen zu sichern, der verzichtet auf die Glücksmöglichkeiten, die in diesen Gütern stecken. Wer sagt denn, dass der Kuchen begrenzt und nicht vermehrbar ist? Die Knappheitsvermutung macht glücksblind. Raghunathans Rat lautet daher: Wir sollten uns nicht verbissen auf unseren Anteil, sondern auf die Sache selbst konzentrieren. Das macht glücklich.

Die Glücksblindheit überwinden

1. Finden Sie Ihre persönliche Glücksdefinition

Dabei können Sie sich an zwei Grundfragen orientieren: Wann erleben Sie das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein und genau das zu tun, was Sie wollen? Und wann erleben Sie so etwas wie Überfluss im nichtmateriellen Sinn? Also: Wann haben Sie das Gefühl, von all dem genug zu haben, was Sie wirklich brauchen: Geborgenheit, Sicherheit, Zuwendung, Freude? Wenn Sie klären, was Sie persönlich mit Glück verbinden,„machen Sie aus dieser abstrakten Sache ein konkretes Ziel, auf das Sie Ihre Entscheidungen ausrichten können“, erklärt Raj Raghunathan. In einem seiner Experimente hat er Angestellten und Studenten aus allen möglichen Bereichen täglich eine E-Mail gesendet, die sie daran erinnerte, Entscheidungen mit Blick auf Glücksgefühle zu treffen. „In einer Umfrage stellte sich später heraus, dass diese Teilnehmer sich deutlich glücklicher fühlten als solche, denen wir die E-Mail nicht geschickt hatten“, so der Wissenschaftler. „Schon ein bisschen mehr Aufmerksamkeit auf unsere Glücksgefühle ist viel wert.“

2. Pflegen Sie „kreativen Altruismus“

Überraschen Sie andere mit einer selbstlosen Geste, einer „guten Tat“. Raghunathan nennt das seine persönliche Lieblingsübung. Tatsächlich sei es „sehr wichtig, dass man dabei auch selbst Spaß hat“. Wenn die Übung für einen persönlich mühsam ist, wird man dabei nicht glücklich werden. Ein Morgenmuffel zumBeispiel sollte nicht um vier Uhr aufstehen, um in einer Suppenküche auszuhelfen.

3. Verinnerlichen Sie, was Sie glücklich macht

Das bedeutet, sich Glücksmomente und Glücksgefühle immer wieder zu vergegenwärtigen, sie geradezu aufzulisten und einzuüben: Welche Menschen, Tätigkeiten, Dinge, Ereignisse tragen zu Ihrem nachhaltigen Glück bei, indem sie Gefühle wie Heiterkeit, Hoffnung, Ergriffenheit, Humor oder Neugier erzeugen?

4. Kultivieren Sie „innere Kontrolle“

Weil wir viele Dinge einfach nicht kontrollieren können und weil der Versuch, es doch immer wieder zu versuchen, unendlich viel Mühe kostet und Stress erzeugt, können wir unsere Glücksbilanz verbessern, wenn wir das kontrollieren, was in unserer Macht steht: uns selbst. Das heißt zum Beispiel:

• Vermeiden Sie Situationen, die Ihre Kontrollwünsche wecken oder die Sie herunterziehen. Machen Sie es sich zur Regel: „Ich mische mich nicht mehr in Konflikte anderer ein, die mich nur Zeit und Kraft kosten!“

• Nehmen Sie nicht automatisch alles persönlich. Hilfreich sind Gedanken wie „Der hat das sicher nicht mit Absicht gemacht!“ oder „Ihre schlechte Laune hat nichts mit mir zu tun, ich ignoriere das einfach!“.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2016: Ich und glücklich?
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