„Wer seine Meinung nicht sagt, täuscht andere“

Der Arzt und Psychotherapeut Manfred Nelting hält ein beherztes „Mir reicht’s“ für eine Wohltat

„Wer seine Meinung nicht sagt, täuscht andere“

Der Arzt und Psychotherapeut Manfred Nelting hält ein beherztes „Mir reicht’s“ für eine Wohltat

Herr Nelting, rauchende Kollegen, unfreundliche Kellner, rücksichtslose Autofahrer – ihnen begegnen wir oft mit Schweigen, einem „Passt schon“ oder bemühtem Lächeln. Warum sagen wir nichts? Warum fürchten wir anzuecken, uns auch mal unbeliebt zu machen?

Mit dem Unbeliebtmachen ist das so eine Sache, wir wollen gemocht und geliebt werden! In dem Verb „anecken“ steckt ja das Wort „Ecken“, und Ecken sind nun mal spitz. Man kann sich an ihnen stoßen und verletzen, was Schmerzen zur Folge hat. Früher als Kind, wenn es hieß, dass man nicht das Recht habe zu widersprechen, riskierte sogar eine Backpfeife, wer es dennoch wagte. Später dann bei sinnlosen Anordnungen des Chefs traut sich niemand, diese laut infrage zu stellen, aus Angst, zum Außenseiter zu werden oder sogar den Job zu verlieren. Die meisten Menschen haben Erfahrungen damit gemacht, dass es eben wehtun kann, seine Meinung zu vertreten, wenn sie nicht der mehrheitlichen entspricht – und halten viel zu oft still. Doch damit akzeptieren wir, dass andere bestimmen, wo es langgeht und was getan wird. Mehr noch, wir treten durch ein Schweigen unsere Macht an sie ab und lassen uns von Menschen an die Wand spielen, weil wir auf ihre Zuwendung hoffen. Wir hoffen auf Zustimmung, Beifall oder im beruflichen Umfeld auf finanzielle Anerkennung. Wir wollen gemocht werden, und wenn wir etwas infrage stellen, dann oft nicht laut.

Gibt es Situationen, in denen es leichter fällt, nein zu sagen und seine Meinung zu äußern?

Wir sagen eher etwas, wenn wir uns sicher fühlen. Beim Autofahren den Stinkefinger heben oder dem anderen einen Vogel zeigen –das macht man nur während der Fahrt, nicht im Stau, wo jemand wütend auf...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2016: Eigensinn
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