Was der Körper zeigt

Menschen teilen sich nicht nur mit Worten, sondern immer auch über ihren Körper mit. Das gilt ebenso in Psychotherapien: Im nonverbalen Austausch zwischen Klient und Therapeut liegt ein enormes Potenzial, meint der Psychotherapeut Ulfried Geuter. Er belegt dies mit spannenden Beispielen aus der Forschung und aus seiner eigenen Praxis

Was der Körper zeigt

Menschen teilen sich nicht nur mit Worten, sondern immer auch über ihren Körper mit. Das gilt ebenso in Psychotherapien: Im nonverbalen Austausch zwischen Klient und Therapeut liegt ein enormes Potenzial, meint der Psychotherapeut Ulfried Geuter. Er belegt dies mit spannenden Beispielen aus der Forschung und aus seiner eigenen Praxis

Fast alle seelischen Zustände eines Menschen äußern sich in den Spannungen und Erschlaffungen seiner Gesichtsmuskeln, in der Einstellung seiner Augen, der Blutfüllung seiner Haut, der Inanspruchnahme seines Stimmapparates und in den Haltungen seiner Glieder, vor allem der Hände.“ Das schrieb Sigmund Freud 1890. Allerdings ohne dass er die Signale des Körpers in seiner therapeutischen Arbeit genutzt hätte. Das Ich sollte sich selbst als Erkennendes gegenübertreten. Alle motorischen Impulse des Patienten wollte Freud, wie er später schrieb, allein auf das psychische Gebiet lenken. Doch niemals deutete er Haltung oder Mimik, wenn er beobachtend hinter der Couch saß.

Dabei teilt sich in einer Psychotherapie nicht nur der Patient körperlich mit, sondern auch der Therapeut. Beide kommunizieren von Körper zu Körper. Ende der 1990er Jahre schätzte eine mit Psychoanalytikern besetzte Studiengruppe in Boston, dass rund 90 Prozent der Informationen in Beziehungen implizit ausgetauscht werden, das heißt jenseits der expliziten Sprache. Dennoch ist die Kommunikation des Körpers und die der Körper miteinander in der Psychotherapie kaum ein Thema. Doch wir Psychotherapeuten können so vieles erfahren, wenn wir uns diese Kommunikation bewusstmachen. Menschen nehmen mit ihrem körperlichen Verhalten immer Bezug aufeinander. Zum Beispiel zeigten Versuchspersonen in einem Experiment eine ausgeprägte Ekelmimik, wenn sie ein versalzenes Sandwich aßen. Glaubten sie, in dem Experiment unbeobachtet zu sein, blieb die Ekelmimik aus. Es ist, als würde der Körper sagen: Schau mal, wie es mir geht.

Das geschieht in einer Psychotherapie immer wieder. Eine Patientin sitzt zum Beispiel die ganze Stunde vorne auf der Sesselkante. Sie spricht über ihre Prüfungsprobleme. Aber sie schaut mich nicht an. Sie hat die rechte Körperseite zu mir gedreht, und ihre langen Haare hängen rechts vor ihrem Gesicht, als säße sie hinter einem Vorhang. Später erfahre ich von ihr, dass sie in einer früheren Psychoanalyse ihre Therapeutin nicht ein einziges Mal angeschaut hat. Ihre Haltung drückt eine tiefe Scham aus, aber auch eine Angst, sie müsse weggehen, weil sie nicht gemocht wird. Denn in ihrer Haltung dreht sie sich zugleich zur Tür des Therapiezimmers. Eigentlich, auch das stellt sich später heraus, möchte sie in ihrer übergroßen Not mir nahe sein und Ruhe finden, indem sie gehalten wird.

All das würde ich verfehlen, wenn ich mit ihr nur über das sprechen würde, worüber sie selbst spricht. In ihren Worten teilt sie mir die Not mit ihren Prüfungen mit, mit dem Körper eine viel tiefere, geradezu existenzielle Not.

Man kann den Körper nicht lesen wie ein Buch

Häufig wird die Art, wie sich ein Mensch körperlich zeigt, als „Körpersprache“ bezeichnet. Diesen Begriff kann man missverstehen. Denn der Körper spricht keine Sprache, er hat keine festgelegte Grammatik und keine Semantik, das heißt, wir können nicht sagen: Dieser oder jener Ausdruck bedeutet dies oder das. Auch der Begriff „Körperlesen“, der teilweise in der Körperpsychotherapie verwendet wird, ist irreführend. Man kann den Körper nicht lesen wie ein Buch. Keine seiner Mitteilungen lässt sich lexikalisch oder wörtlich einer Bedeutung zuordnen. Ein aufrechter Körper verweist nicht automatisch auf einen aufrechten Menschen und ein Brummeln im Bauch nicht darauf, dass ein Patient einen Therapeuten verschlingen möchte, wie ich es einmal in einem Aufsatz gelesen habe.

Alle körperlichen Verhaltensäußerungen sind mannigfaltig determiniert und immer nur aus einer Situation heraus zu verstehen, bis hin zum kulturellen Kontext. Spielt man beispielsweise Probanden Filme ohne Ton und ohne Kenntnis des Zusammenhanges vor, verstehen sie die Gesten der Schauspieler vollkommen unterschiedlich. Nur ein Prozent aller Gesten wird eindeutig verstanden. Den Sinn eines körperlichen Verhaltens müssen wir daher immer individuell erschließen.

Ein Beispiel: Eine Patientin gibt mir immer so die Hand, dass sie Zeige- und Mittelfinger kurz in meine Hand hineinschiebt und gleich wieder herauszieht. Mir fällt dazu Hänsel ein, der für die schlecht sehende Hexe ein Stöckchen aus dem Käfig schiebt, wenn sie an seinem Finger prüfen will, ob er genug gemästet ist. In einer Körperpsychotherapie können wir in einem körperlichen Dialog aktiv erkunden, was eine solche Geste bedeutet. Ich sprach am Anfang einer Stunde als Erstes diese Art des Handgebens an. Die Patientin erzählte, ihr sei in der letzten Woche durch den Kopf gegangen, dass sie Angst habe, bei anderen Menschen nicht anzukommen. Daher sei sie verspannt und misstrauisch.

Da ich nicht das Gefühl hatte, dass dies ihre Geste erklärte, schlug ich ihr vor, die Art ihres Handgebens experimentell zu sondieren. Konkret sah dies so aus, dass wir im Therapiezimmer die Begrüßung nachstellten und sie mir langsam und bewusst die Hand so gab, wie sie es an der Haustür getan hatte. Dabei bemerkte sie eine Angst, ich könnte sexuell über sie verfügen, sie umarmen und dann nicht mehr loslassen wollen. Vielleicht wäre ich sogar so charmant, dass sie sich dem nicht entziehen könne, auch wenn sie es nicht wolle. Sie spürte Angst im Bauch und eine Spannung im Rücken. Als ich sie bat, einen Satz für dieses Gefühl zu finden, sagte sie: „Ich habe Angst, ich könnte von Ihnen abhängig sein.“ Nachdem sie das gesagt hatte, entspannte sie sich. Jetzt fühlte sie sich sicherer. In der folgenden Stunde erzählte sie erstmals von einem sexuellen Missbrauchs­erlebnis als Kind. In der Art, mir die Hand zu geben, hatte sie sich davor geschützt, dass ein anderer ganz auf sie zugreift.

Die Patientin zeigte mit ihrem Körper also nicht nur etwas von sich selbst, sondern sie zeigte etwas von sich selbst in der Beziehung zu mir. Sie kommunizierte mit ihrem Körper in der therapeutischen Interaktion. Und vielleicht in einer ähnlichen Weise, wie sie es auch sonst mit Menschen tut.

Hatte Freud den Körper nur darauf hin betrachtet, wie der Patient etwas über sich selbst mitteilt, so ging der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty von einer Zwischenleiblichkeit aus. Es sei, so schrieb er einmal, als wohnten die Intentionen des einen Menschen im Leibe des anderen und umgekehrt. Das heißt: Wir kommunizieren nicht nur mit dem Körper, wir bekommen einander auch wechselseitig über den Körper mit. Wir interagieren mit ihm.

In einer Interaktion kann das körperliche Verhalten unterschiedliche Funktionen einnehmen: Zum Beispiel unterstreichen wir mit einer Geste die Bedeutung dessen, was wir sagen, oder wir strukturieren mit den Händen etwas, das wir sagen, oder wir zeigen in einem Gespräch, ob wir gleich aufhören oder gleich etwas sagen wollen, indem wir die Stimme senken oder den Mund öffnen und Luft holen. Für die Psychotherapie aber sind zwei andere Funktionen bedeutsam:

– Körperlich drücken wir physische und psychische Empfindungen aus und teilen sie anderen mit, zum Beispiel unsere Emotionen.

– Körperlich regeln wir während des Sprechens unsere Gefühle, Spannungen oder Bedürfnisse, zum Beispiel wenn wir uns das Ohrläppchen reiben, am Pullover nesteln oder die Hände in die Ärmel schieben.

In einer Interaktion reagiert unser Gegenüber auf solche körperlichen Zeichen. Und so können sich in einer Psychotherapie Körperdialoge entspinnen, in denen Gefühle und Bedeutungen auch dann transportiert werden, wenn man nicht darüber spricht. Der Gruppenanalytiker Martin Dornes gibt dafür ein anschauliches Beispiel.

Ein Patient legt sich auf die Couch und schweigt. Nach einer Weile empfindet sein Psychoanalytiker Angst. Dornes erörtert verschiedene Fantasien, die dieser durchspielen könnte. Aber dann lenkt der Therapeut, wie Dornes schreibt, seine Aufmerksamkeit auf seine Körperprozesse. „Er bemerkt, dass er auf eine eigenartige Weise atmet – nicht wie sonst, ruhig und tief, sondern kurz, gepresst und angespannt. Dann spürt er seine ungewöhnlich feuchten Hände, und seine Aufmerksamkeit wandert wieder zum Patienten, der immer noch daliegt und schweigt. Er sieht Schweißperlen auf dessen Stirn und bemerkt einen eigenartigen Atemrhythmus. Langsam wird ihm klar, dass der Patient von Anfang an so dalag und er, der Therapeut, ohne es zu merken, den Atemrhythmus des Patienten übernommen hat. Die Angst des Analytikers war eine Folge dieser vom Patienten übernommenen Atmung.“

Zu diesem Beispiel könnte man sagen: Aufgrund seiner vegetativen Resonanz hat der Therapeut die Angst des Patienten mitempfunden. Und vielleicht wollte der Patient genau das erreichen: dass ein anderer mitbekommt, wie er sich fühlt. Das nennt man in der Psychoanalyse eine konkordante Übertragung. In der Körperpsychotherapie betrachten wir ein solches Geschehen als ein kommunikatives Geschehen, das sich durch körperliche Resonanz herstellt.

Am Bewegungsverhalten lässt sich die Schwere einer psychischen Störung erkennen

Die Atmung ist ein Kanal, über den in einer Therapie kommuniziert werden kann. Als einer Patientin zum wiederholten Mal der Atem stockte und ich mit einem betont tiefen langen Ausatmen reagierte, sagte sie mir: „Jetzt atmen Sie wieder für mich.“ Aber das war nicht das, was ich wollte. Vielmehr wollte ich sie mit meinem Atem anregen, selbst tiefer und freier zu atmen.

Andere Kanäle sind der Geruch eines Menschen, der Klang der Stimme oder der Tonus der Haut oder die Reaktion auf Berührung. Die Psychotherapeutin Melissa Griffith berichtet davon, wie sie eine Patientin mit ihrer Körperhaltung und -bewegung etwas erzählen ließ. Die Patientin litt unter starken Kopfschmerzen, griff sich in der Therapiestunde an Kopf und Nacken und beschrieb ihre Empfindung des Kopfes als „deformiert“ und „erdrückend“. Zugleich sagte sie, sie sehne sich danach, klein zu sein. Griffith schreibt: „Ich fragte, welche Körperposition sie einnehmen würde, wenn sie der Führung des Körpers folge. Sie nahm sich Kissen, kringelte sich auf der Couch zusammen und bedeckte sich mit den Kissen. Dann fragte ich sie, welche wichtigen Geschichten aus ihrem Leben sie mit dieser Körperhaltung verbinde. Während sie zusammengerollt und versteckt blieb, erzählte sie, wie sie sich als kleines Kind in dieser Weise auf der Toilette zusammenrollte, wenn der Vater sie geschlagen hatte.“ Die körperlichen Empfindungen erzählten von ihrer Not als Kind, und die Arbeit mit der Körperhaltung in der Therapiestunde führte sie zurück zu der Schlüsselsituation.

In der therapeutischen Arbeit kann es helfen, dass Patienten körperlich mit ihrer Haltung in eine frühere Situation hineingehen, damit sie empfinden, wie und was sie damals empfunden haben. Eine Patientin von mir konnte über die Haltung am Grab ihrer Mutter wieder spüren, wie es ihr mit dem Verlust als Kind ergangen war.

Empirischen Untersuchungen zufolge lässt sich am Bewegungsverhalten die Schwere einer psychischen Störung erkennen. Schwer kranke Menschen zeichnen sich oft durch körperliche Immobilität aus. Magersüchtige zeigen einen eher gebundenen Bewegungsfluss, eine Regungslosigkeit des Unterkörpers, isolierte Bewegungen von Körperteilen und wenig ganzkörperliche Bewegungen.

Mehr als bestimmte Störungen aber zeigen sich in der Bewegung die Emotionen, das Befinden oder die Eigenheiten eines Menschen. Auch hierzu ein Beispiel aus einer Therapie:

Eine Patientin geht vor mir die Treppe hoch, und ich habe den Eindruck, als sei sie steif in ihren Gelenken. Ich erkenne sie in ihrer Art, sich zu bewegen, nicht wieder und frage mich, ob sie Schmerzen hat. Dann aber sehe ich im Therapiezimmer ihren Gesichtsausdruck. Sie wirkt, als habe sie sich in sich selbst zurückgezogen. Ich spreche meinen Eindruck an. Sie sagt, es habe sie zum ersten Mal gefürchtet, hierherzukommen. Auf dem Weg zum Haus habe sie dieses Grauen überkommen.

In der vorangegangenen Stunde hatten wir darüber gesprochen, dass sie zu keinem Menschen in ihrem Leben je eine befriedigende freundschaftliche Beziehung hatte und dass sie zu niemandem eine Herzensverbindung spüre. Sie hatte gesagt, sich auch mir gegenüber zurückzuhalten und Angst zu haben, die Grenze zwischen uns könne verschwimmen. Es war ihr klar, dass dies ein „heißes Eisen“ war, und sie spürte große Unlust, darüber zu reden.

Als ich nun ihren veränderten Gang ansprach, konnte sie sagen, sie habe Angst, zu viel zu wollen und dann nicht mehr loslassen zu können. Das mitzubekommen, bremse sie. Sie müsse ihre Wünsche im Zaum halten. In ihrem Gang hielt sie sich selbst im Zaum. Das war zu sehen, bevor wir darüber sprachen, aber ohne dass beim ersten Sehen die Bedeutung zu erkennen gewesen wäre. Die Bedeutung erschloss sich erst, als wir darüber sprachen.

Bewegung steckt an. Sie verändert sich, wenn ein anderer auf sie reagiert. Experimentalpsychologische Untersuchungen zeigen, dass Menschen unbewusst Bewegungen anderer übernehmen. Zum Beispiel greifen sie sich ans Gesicht, wenn es ihr Gegenüber zuvor getan hat. In einer therapeutischen Beziehung finden daher unbewusste mimisch-gestische und motorische Dialoge statt, in denen Therapeut und Patient aufeinander einwirken und Annahmen übereinander bilden.

Die New Yorker Wissenschaftler Martha Davis und Dean Hadiks untersuchten die Körpersprache einer Patientin und einer Therapeutin anhand von Videoaufzeichnungen. Ging die Patientin dazu über, ihre innere Welt zu explorieren, wurde ihre Haltung sichtbar offener. Bei der Therapeutin korrelierte das Ausmaß ihrer affektiven Reaktion und der Komplexität ihrer Erläuterungen mit der Intensität und Komplexität ihrer Gesten. Sprach die Therapeutin eher distanziert, zeigte sie weniger Bewegung in ihrem Körper.

Fabian Ramseyer und Wolfgang Tschacher von der Universität Bern konnten in einer Prozessanalyse psychotherapeutischer Behandlungen zeigen, dass synchrone Bewegungen von Klient und Therapeut die Zufriedenheit der Klienten mit der therapeutischen Beziehung steigern. Anhand der Synchronisierung von Körperpositionen in der Bewegung lässt sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent das Sympathieurteil der Beteiligten übereinander voraussagen. Der Göttinger Psychotherapeut Ulrich Streeck meint aufgrund seiner Beobachtungen videografierter Therapien sogar, dass sich an dem körperlichen Verhalten, das Patient und Therapeut zeigen, noch bevor sie ein Wort gewechselt haben, erkennen lässt, wie sich ihre Beziehung entwickelt. Das setze sich „wie auf einer Bühne pantomimisch in Szene“.

Insbesondere kommunizieren wir mit den Händen. Nicht nur dass wir bei den Worten „Schau mal!“ den Finger in eine Richtung strecken oder ihn senkrecht einem anderen Autofahrer zeigen oder mit den Händen die Größe einer Pizza verdeutlichen. Unwillkürliche Gesten können vielmehr auch versteckte Nebenbedeutungen kundtun, und darum geht es zuweilen in einer Therapie, wie Hedda Lausberg von der Deutschen Sporthochschule in Köln und ihre Kollegin Monika Kryger in einer Fallstudie zur Gestik einer depressiven, magersüchtigen Patientin zeigen. Wenn diese zu Beginn der Therapie von ihrer Mutter sprach, wies sie mit ihrer Hand auf sich selbst, zum Ende der Therapie nach außen, in einen Bereich links vom Körper. Man könnte die Gesten so verstehen, als habe sie die Mutter anfangs wie zugehörig zu sich, nachher aber getrennt von sich erlebt.

Untersuchungen zufolge kündigen unbeabsichtigte Bewegungen in einer Therapie zuweilen das Auftauchen neuer Themen an. Auch hierzu ein Beispiel aus einer meiner Therapien:

Eine Patientin sitzt nahe bei mir. Sie ist verzweifelt und vermittelt mir, ich sei so gut zu ihr. Sie möchte sich an mich drücken und fühlt sich in diesem Wunsch wie ein sehr kleines Kind. Ich bemerke, dass eine ihrer beiden Hände während des Gesprächs ganz unruhig ist. Ich mache die Patientin auf die Unruhe ihrer Hand aufmerksam und bitte sie, der Hand in ihren Impulsen einmal freien Lauf zu lassen. Zu unser beider Erstaunen beginnt sich die Hand immer kräftiger zu bewegen, bis die Patientin schließlich einen Impuls bemerkt, mich zu boxen und zu schlagen, weil ich auch ein anderer bin als der, den sie in mir sehen möchte. Die Befreiung dieser spontanen Bewegung lässt Gefühle der Wut mir gegenüber aufscheinen, die in den Worten verdeckt waren.

Nicht allein die Worte entscheiden, ob die Therapie gut verläuft

Die Gefühle und das momentane Befinden anderer Menschen erkennen wir nirgendwo so gut wie in ihrer Mimik. Das Gesicht ist aber auch ein Ausdruck der Persönlichkeit, wenn etwa die Mundwinkel häufig skeptisch nach unten gezogen oder die Brauen chronisch misstrauisch zusammengezogen sind. Mimik begleitet jede Kommunikation.

Zwei verschiedene Studiengruppen gingen der Frage nach, wie gut Psychiater das Risiko von Patienten, nach einem Suizidversuch einen zweiten zu begehen, einschätzen können. Die Psychiater waren nicht gut darin. Filmte man aber ihre Gesichter, konnten Beobachter in 80 Prozent der Fälle einen späteren Selbstmordversuch aus mimischen Reaktionen der Besorgnis im Gesicht der Psychiater vorhersagen. Das heißt: Körperlich hatten die Psychiater das Risiko erfasst. Es war ihnen nur nicht bewusstgeworden. Das zeigt, wie außerordentlich wichtig es ist, dass Therapeuten ihre eigenen körperlichen Empfindungen registrieren. In der Körperpsychotherapie sprechen wir von somatischer Resonanz. Diese fördert man vor allem durch viel Selbsterfahrung. Wer mimisch etwas mitempfinden will, muss sich selbst empfinden können. Das hatte der Ahnherr der Körperpsychotherapie, Wilhelm Reich, schon 1948 festgestellt, als er schrieb: „Nur dann, wenn wir den Gesichtsausdruck des Kranken empfunden haben, sind wir in der Lage, ihn auch zu begreifen.“

Es sind also nicht allein Worte, die darüber entscheiden, ob eine Psychotherapie für den Patienten gut verläuft. Atem, Stimme, Mimik, Gestik oder Körperbewegungen wirken entscheidend mit an dem, was zwischen einem Patienten und einem Therapeuten geschieht. Und was in dieser Kommunikation von Körper zu Körper geschieht, kann sogar wichtiger sein als die Worte.

Literatur

  • James L. Griffith, Melissa E. Griffith: The body speaks: Therapeutic dialogues for mind-body problems. New York, Basic Books 1994
  • Martha Davis, Dean Hadiks: Nonverbal behavior and client state changes during psychotherapy. Journal of Clinical Psychology, 46, 1990, 340–351
  • Fabian Ramseyer, Wolfgang Tschacher: Synchrony in dyadic psychotherapy sessions. In: S. Vrobel u. . (Hg.): Simultaneity.Temporal structures and observer perspectives. World Scientific, Singapore 2008, 329–347
  • Hedda Lausberg, Monika Kryger: Gestisches Verhalten als Indikator therapeutischer Prozesse in der verbalen Psychotherapie: Zur Funktion der Selbstberührungen und zur Repräsentation von Objektbeziehungen in gestischen Darstellungen. Psychotherapie-Wissenschaft, 1/2011, 41–55
  • Ulrich Streeck: Auf den ersten Blick. Psychotherapeutische Beziehungen unter dem Mikroskop. Stuttgart, Klett-Cotta 2004

Der Autor Ulfried Geuter arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis in Berlin und lehrt Körperpsychotherapie im Masterstudiengang Motologie der Universität Marburg. Dieser Beitrag beruht auf dem Kapitel „Kommunikation mit dem Körper“ aus seinem Buch Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis (Springer, 2015). Die Therapiebeispiele sind weitgehend diesem Text entnommen.

Was ist Körper­psychotherapie?

Körperpsychotherapie bezieht sich immer auch auf den Körper des Patienten und auf sein körperliches Erleben. In der therapeutischen Praxis nutzt man neben dem Gespräch vielfältige andere Methoden: Körperwahrnehmung, Wahrnehmung und Regulation des Atems, Berührung, Körperausdruck von Gefühlen, Erkunden von Themen in einem körperlichen Dialog, Regulation von Affektspannungen über den Körper, Klärung des Sinns körperlicher Signale, Spüren körperlicher Potenziale und anderes.

Lange Zeit existierte die Körperpsychotherapie in Form von Schulen, die den ein oder anderen Schwerpunkt hatten. Dieser Schwerpunkt ist:

- in der Bioenergetik von Alexander Lowen der körperliche Ausdruck von Spannungen und Emotionen

- in der Biodynamik von Gerda Boyesen die harmonisierende und mobilisierende Wirkung von Massagen

- im Hakomi von Ron Kurtz die Arbeit mit der inneren Achtsamkeit

-in der funktionellen Entspannung von Marianne Fuchs die Reorganisation körperlicher Funktionen durch das Lösen im Ausatmen

- in der konzentrativen Bewegungstherapie von Helmuth Stolze das sinnhafte Erschließen körperlicher Wahrnehmungen

- in der analytischen Körperpsychotherapie das Studium der Übertragung in körpersprachlichen, „szenischen“ Dialogen

- in der Pessotherapie das Fördern neuer Beziehungserfahrungen in einem therapeutischen Rollenspiel.

Heute bemühen sich viele Körperpsychotherapeuten um eine einheitliche Körperpsychotherapie, in der das klinische Erfahrungswissen der Schulen in übergreifenden Konzeptionen der Theorie und Praxis aufgehoben ist.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2015: Schöner Stress!
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