Alles zu meiner Zeit

Im Leben kommt es nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch wann. Vieles gelingt uns mit dem richtigen Timing besser.

Im Alltag kommt es sehr auf gutes Timing an. © Inga Israel

Alles zu meiner Zeit

Im Leben kommt es nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch wann. Gutes Timing ist dabei keine Glückssache, sondern hängt von verschiedenen Faktoren ab – biologischen, kulturellen und persönlichen. Wie uns vieles mit dem richtigen Timing besser gelingt

Wenn man Leonard Bernstein glaubt, gibt es nur einen einzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, der für den Start eines Konzerts genau richtig ist. „Da ist die Wartezeit“, schreibt der 1990 verstorbene Stardirigent in seinem Buch The Joy of Music, „während sich das Orchester vorbereitet und seine Kräfte sammelt, der Dirigent seinen ganzen Willen und seine Kraft auf das vorliegende Werk konzentriert, das Publikum zur Ruhe kommt und der letzte Husten verstummt. Nicht mehr das kleinste Rascheln eines Programmheftes; die Instrumente sind bereit und – bang! Das ist es. Eine Sekunde später ist es zu spät.“

Musiker wissen, wie wichtig Timing ist. Nicht nur beim Zeitpunkt, wenn die erste Note erklingt, sondern auch bei Rhythmus, Tempo und Pausen. Glücklicherweise kommt es bei den meisten Entscheidungen und Aktivitäten im Alltag nicht auf einen Sekundenbruchteil an. Dennoch spielt die richtige Zeitgestaltung in vielen Lebensbereichen eine bedeut­same Rolle. Nicht nur was und wie man etwas tut, sondern auch wann, wie schnell und wie lange, bestimmt, wie erfolgreich und zufrieden man ist.

Anders als Musiker machen wir uns über Zeitfragen jedoch meist relativ wenig Gedanken oder schieben sie beiseite, weil wir nicht wissen, wie wir sie beantworten sollen. Viele Leute meinen, das richtige Timing für eine Aktivität oder eine Entscheidung zu bestimmen sei zwecklos, sagt Stuart Albert, Psychologe und emeritierter Professor an der University of Minnesota. „Die Welt sei zu komplex. Es gebe zu viele Unbekannte. Jede Situation unterscheide sich in irgendeiner wesentlichen Hinsicht von anderen – was frühere Erfahrungen zu einer unvollkommenen Richtschnur mache. Das richtige Timing – zur rechten Zeit oder am richtigen Ort zu sein –, sei manchmal einfach reine Glückssache.“ In all diesen Beobachtungen stecke ein Körnchen Wahrheit, räumt der Zeitplanungsexperte in seinem Buch Jetzt! Die Kunst des perfekten Timings ein. Aber die Ansicht, dass wir kein Können im Timing erwerben können, sei nicht nur allzu pessimistisch, betont er. „Es ist schlichtweg nicht wahr.“

Woran erkennt man den richtigen Zeitpunkt?

Auch Journalist und Autor Daniel H. Pink beklagt, dass Timing-Entscheidungen viel zu oft in die Sphäre von Spekulation und Rätselraten verbannt werden. Dabei habe sich die Bestimmung des richtigen Zeitpunktes zu einer regelrechten Wissenschaft entwickelt, schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch When. Der richtige Zeitpunkt. „Immer mehr Ergebnisse aus verschiedenen und interdisziplinären Untersuchungen bieten dazu neue Einsichten. Und sie liefern einen nützlichen Leitfaden für effektiveres Arbeiten und ein besseres Leben.“

In der Tat haben sich Chronobiologen, Sozial- und Wirtschaftspsychologen, Motivationsforscher, Psychiater und andere in den letzten Jahren intensiv mit Timing-Aspekten befasst. Erledigt man den schwierigen Anruf besser vor- oder nachmittags? Wann soll man mit der Diät anfangen? Wäre es gut, jetzt den Job zu wechseln / umzuziehen / zu heiraten oder besser zu warten? Die Erkenntnisse der Wissenschaftler liefern umfassende und teilweise überraschende Antworten auf diese Fragen.

Eine Frage der Biologie

Wenn Haruki Murakami einen Roman schreibt, steht er jeden Tag der Woche um 4 Uhr auf und arbeitet sogleich fünf bis sechs Stunden; nachmittags läuft oder schwimmt er lange Strecken, macht Erledigungen und liest oder hört Musik; Licht aus um 21 Uhr. Simone de Beauvoir gönnte sich nach dem Aufstehen erst mal Tee, um in die Gänge zu kommen; am Schreibtisch von 10 bis 13 Uhr; danach Treffen mit Freunden oder Jean-Paul Sartre und um 17 Uhr für ein paar Stunden zurück an die Arbeit. Franz Kafka wiederum schrieb vor allem nachts. Nach seinem Job in einer Prager Versicherung (8 bis 14 Uhr) und einem Mittagessen legte er sich ins Bett und schlief bis 19.30 Uhr; danach 10 Minuten Körperübungen am offenen Fenster, gefolgt von einem einstündigen Spaziergang; Schreiben von circa 22.30 bis 1, 2 oder gar 3 Uhr morgens; dann nochmals Übungen und schließlich bis zum Morgen ins Bett.

Viele berühmte Schriftsteller, Komponisten und Maler planen bzw. planten ihren Tagesablauf genau, wie man im Buch Daily Rituals. How Artists Work von Mason Currey nachlesen kann. Die moderne Forschung bestätigt, wie wichtig das richtige Timing täglicher Aufgaben und Aktivitäten ist, um produktiv, erfolgreich und ausgeglichen zu sein. In der Chronobiologie und -psychologie weiß man heute, dass Körper und Psyche von natürlichen Rhythmen beeinflusst werden, die dazu führen, dass grundlegende physiologische Prozesse wie Hormonproduktion und Verdauung, aber auch die Stimmung und kognitive Funktionen wie analytisches Denken, Erinnerungsvermögen, Entscheidungsfreude und Selbstkontrolle im Tagesverlauf schwanken. Das Wissen um das Auf und Ab in Körper und Psyche lässt sich für das Timing im Alltag auf vielfältige Weise nutzen, so Autor Daniel H. Pink. Analytische Aufgaben beispielsweise erledigen die meisten Leute besser noch vor dem Mittagessen; Aufgaben dagegen, bei denen man seine Perspektive verändern und in neuen Bahnen denken muss, um zu einer Lösung zu kommen, fallen der Mehrheit am Nachmittag leichter (mehr zur Chronobiologie siehe Seite 23).

Mancher mag die Zeitgestaltung nach chronowissenschaftlichen Erkenntnissen als etwas schematisch empfinden. Zudem wird es nicht immer möglich sein, das Timing von Aktivitäten auf die biologisch beste Zeit abzustimmen. Auf der anderen Seite: Wer gegen die eigene Biologie und die anderer handelt, muss es möglicherweise teuer bezahlen. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie von Jing Chen (University at Buffalo, New York) und Kollegen belegt. Die Wirtschaftswissenschaftler analysierten Abschriften von mehr als 15 000 Telekonferenzen, in denen Aktiengesellschaften Analysten und Großinvestoren über wichtige Finanzdaten informierten. Das Ergebnis: Je später am Tag ein solcher earnings call erfolgte, desto negativer wurde der Ton. Während Morgengespräche in insgesamt positiver Stimmung verliefen, überwog ab etwa 11 Uhr eine eher unerquickliche Atmosphäre. Für die Firmen beunruhigend: Nach den nachmittäglichen Telefonaten reagierten die Aktienkurse prompt negativ, zumindest für eine kurze Zeit. Aufgrund ihrer Ergebnisse raten die Wissenschaftler Verantwortlichen dringend, die Kommunikation mit wichtigen Investoren früh am Tag zu terminieren.

Motivierende Zeitpunkte

Manche Zeiten sind für Entscheidungen und Aktivitäten besser geeignet als andere – das bestätigen auch Motivationspsychologen. Sie haben dabei allerdings nicht die menschliche Biologie, sondern die Antriebswirkung bestimmter Zeitpunkte im Blick. An sogenannten zeitlichen Landmarken (temporal landmarks), die einen Neuanfang oder den Start einer neuen Periode signalisieren, so ihre Erkenntnis, fühlen sich Menschen besonders motiviert, die Umsetzung von Zielen anzugehen.

Solche Landmarken können kalendermäßig, kulturell oder persönlich bedeutsame Tage sein. Der auffälligste ist sicher der Neujahrstag, an dem viele Leute Vorsätze für das neue Jahr fassen. So schießen bei Google die Suchen nach dem Stichwort „Diät“ am Jahresanfang um 82 Prozent in die Höhe, wie die Forscherin Hengchen Dai (University of California, Los Angeles) und Kollegen ermittelten. Auch zum Wochenbeginn (plus 14 Prozent), am Anfang eines neuen Monats (plus 4 Prozent) und nach Feiertagen (plus 10 Prozent) interessierten sich die Nutzer auffällig häufig für das D-Wort. Ähnliche Muster fanden die Wissenschaftler beim Thema Sport: Zum Jahres-, Monats- und Wochenbeginn nahmen die Besuche in einem universitären Fitnessstudio zwischen 12 und 33 Prozent zu. Aber auch zu anderen Zeiten trainierten die Studenten mehr, etwa zu Semesterbeginn (plus 47 Prozent) und nach ihrem Geburtstag (plus 8 Prozent). Dahinter stehen nicht etwa nur Korrelationen, wie das Forscherteam in späteren Experimenten sicherstellte, sondern es sind tatsächlich die spezifischen Tage, die Menschen dazu veranlassen, ihre Ziele (stärker) zu verfolgen.

Zugegeben, der Motivationseffekt des Jahresbeginns (und anderer Zeitpunkte) mag nicht ewig anhalten, wie die vielen Diätabbrecher wissen, die Ende Januar schon wieder genüsslich Nutellabrote und Pasta mit Sahnesoße verzehren. Doch zumindest scheinen sie Menschen, die ihr Leben gesünder gestalten oder anderes erreichen wollen, einen gewissen Anfangsschub zu geben. Wie ist das zu erklären? Zeitliche Landmarken mit Neustartcharakter, argumentieren Dai und ihre Kollegen, setzen zwei psychologische Prozesse in Gang:

  1. Zum einen erlauben sie, neue mentale Konten zu eröffnen, ähnlich wie man auch in der Buchhaltung zum Jahreswechsel einen Kontoabschluss vornimmt und eine neue Rechnungsperiode eröffnet. Man kreiert praktisch innerlich zwei getrennte Zeiträume: das, was vor dem Stichtag passierte – und was danach passiert. Dies wiederum hilft dabei, das aktuelle Selbst von früheren Schwächen zu distanzieren und sein Verhalten mehr in Richtung eines neuen und positiven Selbstbildes zu lenken („Das war ich in der Vergangenheit, das bin ich heute“.)
  2. Zum anderen reißen einen herausgehobene Tage aus dem täglichen Klein-Klein heraus und bringen einen dazu, sich mehr auf das große Ganze und längerfristige Ziele zu konzentrieren.

Zeitliche Wendepunkte kann man sich in der persönlichen oder beruflichen Zeitgestaltung zunutze machen, so die Forscher, indem man sich vom frischen Wind, den man an Tagen wie dem Jahresanfang, dem Geburtstag oder dem Ferienende spürt, zum Start oder Neustart eines Projektes antreiben lässt. Mehr noch: Persönlich bedeutsame Tage mit Neustartcharakter, betonen sie, lassen sich auch gezielt konstruieren. Daniel H. Pink beschreibt in seinem Buch das Beispiel von Isabel Allende. Die chilenisch-US-amerikanische Autorin schrieb am 8. Januar 1981 einen Brief an ihren sterbenden Großvater, der zur Basis für ihren Bestseller Das Geisterhaus wurde. Seitdem nutzt sie diesen Tag ganz bewusst und beginnt jeden neuen Roman an diesem Datum.

Das eigene Timing-Wissen zutage fördern

Neben zeitlichen Landmarken und biologischen Rhythmen gibt es viele weitere Faktoren, die beim Timing eine Rolle spielen. Die können, je nach Lebensbereich, außerordentlich vielfältig sein: momentane Situation, Umweltbedingungen, Kultur, frühere Erfahrungen, Wissen, Stimmungen und Gefühle, Belange anderer Menschen. Bei der Frage etwa, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für das erste Kind ist oder man noch warten soll, können folgende Überlegungen eine Rolle spielen: Wie alt sind wir? Wie sieht die berufliche und finanzielle Situation aus? Ist einer von uns in der Ausbildung? Wie gefestigt ist die Beziehung? Löst die Vorstellung einer gemeinsamen Familie positive Gefühle bei uns aus? Fühlen wir uns der Aufgabe gewachsen? Werden wir von der Familie und Freunden unterstützt? Zu ergründen, ob die äußeren Umstände zu einem bestimmten Zeitpunkt günstig sind, kann dabei manchmal einfacher sein, als sich darüber klarzuwerden, ob man innerlich bereit ist.

Psychologe und Wirtschaftsprofessor Stuart Albert hat in seinem Buch Jetzt! eine Methode entwickelt, die Richtung und Struktur in Timing-Entscheidungen bringt. „Eine Timing-Analyse“, erläutert er, „verdeutlicht, was vielleicht nur vage ist. Und sie sollte eine größere Bandbreite von Optionen sichtbar machen, als auf den ersten Blick erkennbar ist.“ Albert empfiehlt, folgende sieben Schritte durchzugehen – hier dargestellt an dem Beispiel „Ich möchte eine Fortbildung parallel zum Job beginnen“. Zunächst sollte man die Situation zeitlich beschreiben, mit Anfang, Ende, Prüfungszeiten, Ferien etc. (Schritt 1). Dann kann man ein Zeitdiagramm erstellen, in dem man – wie in einer Musikpartitur – die verschiedenen Lebensbereiche wie Job, Familie, Hobbys etc. zeitlich übereinanderlegt (Schritt 2). Und sich diese Mehrstimmigkeit daraufhin anschauen, was alles zeitgleich passiert und wie die „Stimmen“ sich gegenseitig beeinflussen (Schritt 3) – in unserem Beispiel: Wenn im Job gerade Messezeit ist, wie wirkt sich das auf die Einschulung der Kinder und die Fortbildung aus? Weiterhin rät Albert, windows of opportunity zu identifizieren, also besonders günstige Zeitfenster. Das könnte sein, dass der Chef in der Firma gerade in dem gewünschten Fortbildungsbereich Mitarbeiter sucht und daher jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ihn zu bitten, die Fortbildung finanziell zu unterstützen (Schritt 4). Als fünften Schritt kann man – nach den Chancen – die Risiken identifizieren, wie beispielsweise in unserem Szenario die Gefahr, dass die Fortbildung länger dauert als geplant, weil man immer wieder keine Zeit findet, an den Prüfungen teilzunehmen. Und schließlich, so Albert, bewertet man auf dieser umfassenden Grundlage die Optionen (Schritt 6) und trifft eine Entscheidung (Schritt 7).

Albert möchte seinen Ansatz nicht als starre Formel verstanden wissen. Sie sei ein Weg, reale Situationen zu prüfen und dabei die vielen Faktoren, Unwägbarkeiten und Komplexitäten zu berücksichtigen, die in der heutigen Welt relevant sind. „Erfahrung und Urteilsvermögen sind nicht zu ersetzen. Aber in einem Punkt bin ich mir sicher: Wenn Sie eine solche Timing-Analyse durchführen, werden Sie feststellen, dass Sie mehr über Timing wissen, als Sie dachten. Dieses Wissen brauchen Sie einfach nur abzurufen und zu nutzen.“

Wenn die Ungeduld im Weg steht

Die kalifornische Psychiaterin Judith Orloff hat viele Erfahrungen damit gesammelt, wie schwer es Menschen fällt, den richtigen Zeitpunkt für eine Veränderung im Leben abzupassen, sei es ein Baby zu bekommen, eine Beziehung einzugehen, zu heiraten, den Job zu wechseln oder sich scheiden zu lassen. „Es ist eine der zentralen Fragen in der Therapie“, sagt die Amerikanerin, die neben der Arbeit in der eigenen Praxis auch Buchautorin (zuletzt: Wenn dir alles unter die Haut geht) und Assistenzprofessorin an der University of California, Los Angeles ist.

Im Gespräch mit Psychologie Heute beschreibt Orloff zwei Problemstellungen, die sie häufig erlebt: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die von Angstgefühlen gelähmt werden. Zum Beispiel bei der Partnersuche. „Jemand hat vielleicht Angst vor Intimität oder fürchtet, ausgenutzt zu werden“, erläutert sie. „Solche Gefühle können erdrückend sein und einen vom Handeln abhalten.“ Mögliche Folge: Man fühlt sich zu jemandem hingezogen, aber redet sich ein, jetzt sei einfach nicht die richtige Zeit für eine Beziehung. In der Therapie hilft die Ärztin Patienten, die Hintergründe solcher Ängste zu ergründen und sie langsam abzubauen.

Auf der anderen Seite erlebt Orloff Klienten, die unbedingt ein Ziel erreichen wollen und deshalb zu ungeduldig sind: „Jemand macht sich vielleicht Sorgen, dass er niemals einen Seelenpartner finden oder den Absprung in den Traumberuf schaffen wird. Ein bisschen Sorgenmachen kann durchaus motivierend sein. Doch zu viel davon kann dazu führen, dass man zu sehr drängt. Wenn die Umstände aber gerade nicht passend sind, wird alles Vorpreschen nichts nutzen.“ In diesem Fall geht es darum, Geduld aufzubauen.

Der Intuition trauen

Wie im Fall der 38-jährigen Rebecca, von der Judith Orloff erzählt. Als Rebecca in Orloffs Praxis kam, wollte sie möglichst schnell einen Partner finden, denn sie wünschte sich unbedingt Kinder. Als Marketingfachfrau war sie ein Machertyp und gewohnt, schnell Lösungen für Probleme zu produzieren, erzählt die Psychiaterin. „Aber diese Haltung half ihr nicht dabei, einen Lebenspartner zu finden. Sie wollte es erzwingen, aber ihre unablässigen Versuche, in Onlineportalen den Mann fürs Leben zu finden, indem sie vor allem nach Faktoren wie Einkommen, Bildung und Wohnort schaute, waren erfolglos geblieben.“

Mit Orloffs Hilfe lernte Rebecca, sich Zeit zu nehmen und ihr Bauchgefühl einzusetzen. Sie übte, sich innerlich auf andere Menschen einzuschwingen und die Zeichen zu erkennen, die ihr signalisierten, ob sie sich mit jemandem wohlfühlte, ob ihr eine potenzielle Beziehung stimmig erschien oder nicht. Mehrere Monate ging das so. „Eines Tages“, erzählt Orloff, „saß Rebecca im Flugzeug neben einem Mann, den sie auf den ersten Blick gar nicht besonders attraktiv fand. Aber sie setzte ihre Intuition ein und stellte fest, dass sie eine innere Verbindung zu ihm verspürte. Es entspann sich ein intensives Gespräch zwischen ihnen – und jetzt heiraten sie bald.“

Meditieren, den Atem nutzen

Der richtige Moment kann also durchaus länger auf sich warten lassen, wie auch die Geschichte von Sebastian Schmidt zeigt. Der promovierte Mathematiker, der früher in einem Fraunhofer-Institut arbeitete, bietet heute mit der eigenen Firma Raftingtouren und andere Wildnisabenteuer in verschiedenen Ländern an. Für den Sprung in die Selbständigkeit, durch den er seine Liebe zu Outdooraktivitäten zum Beruf machte, ließ sich der Enddreißiger mehrere Jahre Zeit, wie er in einer Serie zu Karriereumsattlern der Zeitung Die Zeit erzählte. Erst nachdem er seine Stelle als Mathematiker Schritt für Schritt reduziert, eine Ausbildung zum Wildnisführer absolviert und erste Erfahrungen als Unternehmer gesammelt hatte, machte er den Schnitt und schied komplett beim Forschungsinstitut aus.

Für das österreichische Ehepaar Rosenlechner dagegen, das ebenfalls in der Zeit-Serie porträtiert wurde, kam der richtige Zeitpunkt, eine berufliche Veränderung durchzuziehen, sehr schnell. Der langjährige Lehrer und die Coachingspezialistin, die sich beide in ihren bisherigen Tätigkeiten nicht mehr wohlfühlten, nutzten einen Osterurlaub an der Côte d’Azur, um über die Zukunft nachzudenken. Rasch entstand die Idee, in Südfrankreich ein Anwesen zu kaufen und eine Ferienvermietung aufzumachen. Schon an Pfingsten fanden sie ein Château in der Nähe von Toulouse, das sie spontan liebten und das auch finanziell stemmbar war. Sechs Monate nach ihrem Osterurlaub zogen sie ein und heißen dort heute Besucher in ihren Gästezimmern willkommen.

Die Rosenlechners und Sebastian Schmidt hatten offenbar ein Gespür dafür, wann und wie schnell sie ihre Ziele umsetzen sollten. Was aber, wenn einem dieses fehlt, man einfach nicht weiß, ob die Zeit reif ist? Psychiaterin Orloff ermuntert dazu, intuitiv vorzugehen: „Man kann meditieren; den Atem nutzen, um nach innen zu gehen; sich auf den Körper konzentrieren und die Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Und dann kann man sich selbst Fragen stellen: Ist die Zeit reif für das, was ich vorhabe? Fühlt es sich richtig an?“ Meist, so die Erfahrung der Psychiaterin, stellt sich daraufhin ein Bauchgefühl ein: „Das kann Entspannung, Wohlbefinden, Begeisterung, ein Gefühl von Ankommen und Stimmigkeit sein. Oder aber man fühlt sich unwohl, mulmig, energielos. Intuition drückt sich oft durch physische Empfindungen aus. Auch Träume können einem hilfreiche Informationen liefern.“ Orloff ist bewusst, dass mancher diese Vorgehensweise als fremd empfinden mag. Sie hat das in ihrer Praxis selbst erlebt. „Ich hatte Klienten, die ihrer Intuition nicht trauen wollten. Die fanden diesen Ansatz zu bizarr. Aber später stellte sich heraus, dass ihr Instinkt genau richtig war.“

Den richtigen Rhythmus finden

Die Chronobiologie lehrt, dass die biologischen Funktionen des Menschen nicht statisch sind, sondern von verschiedenen Rhythmen bestimmt werden. Der wichtigste, der zirkadiane Rhythmus, ist ungefähr einen Tag lang und führt dazu, dass Stoffwechsel, Hormonproduktion, Körpertemperatur und Wachheit im Tagesverlauf schwanken. Aber auch psychologische Größen weisen Wellenbewegungen auf. Zum Beispiel die Stimmung, wie etwa eine großangelegte Studie des amerikanischen Psychologen Arthur Stone mit fast 1000 Probanden belegt. Positive Emotionen, so zeigte die Auswertung, folgen einem ausgeprägten zweigipfligen Muster. Im Laufe des Morgens werden Gefühle von Glück, Wärme gegenüber anderen und Vergnügen stärker, erreichen am späten Vormittag einen Gipfel, durchlaufen mittags ein Tief, um am späten Nachmittag oder frühen Abend ein zweites, schwächeres Hoch zu erreichen. Andere Studien zeigen ähnliche Wellenlinien für die physische und kognitive Leistungsfähigkeit.

Die meisten Menschen durchlaufen dieses Mus­ter aus vormittäglichem Höhenflug, Mittagstief und einem nachmittäglichen Wiederaufschwung – aber nicht alle. Bei ausgeprägten Morgenmenschen, den sogenannten „Lerchen“, die laut Autor Daniel H. Pink etwa 14 Prozent der Bevölkerung ausmachen, treten Höhen und Tiefen früher am Tag ein. Bei ausgeprägten Nachtmenschen (circa 21 Prozent) dagegen sind sie nach hinten verschoben, so dass diese „Eulen“ ihren ersten Höhenflug tendenziell erst am Nachmittag erleben. Zudem verändert sich der Chronotyp typischerweise im Laufe des Lebens. Kleine Kinder und Senioren tendieren zum Lerchenrhythmus, während Jugendliche und junge Erwachsene eher Eulen sind.

Wie man das Auf und Ab in Körper und Psyche im Alltag und insbesondere im Arbeitsleben berücksichtigen kann, dazu gibt Pink in seinem Buch einige grundlegende Richtlinien. Danach erledigen die meisten Leute analytische Aufgaben – komplizierte Berichte schreiben, Kalkulationen vornehmen, Informationen recherchieren – am besten im Laufe des Vormittags (Lerchen sogar früh am Morgen; Eulen dagegen besser am Nachmittag). Das Gleiche gilt für wichtige Entscheidungen. Wenn es darum geht, Eindruck zu machen, beispielsweise in einem Bewerbungsgespräch oder bei einer Informationsveranstaltung für Kunden und Investoren, muss man den Chronotyp des Gegenübers berücksichtigen. Da die meisten Leute vormittags in besserer Stimmung sind, so Pink, mag in diesem Fall der Morgen besser sein, auch wenn man selbst eine Eule ist. Generell sollte man schwierige Aufgaben dann erledigen, wenn Aufmerksamkeit, Energieniveau und Stimmung einen Höhepunkt haben. Wissenschaftler nennen das Synchroneffekt.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Problem­stellungen, die verlangen, dass man querdenkt und nach ungewöhnlichen Lösungen sucht, geht man besser dann an, wenn man nicht am Optimum seiner geistigen und emotionalen Kräfte ist, wie eine Studie der amerikanischen Psychologinnen Mareike Wieth und Rose Zacks zeigt. Das heißt: Nachtmenschen sollten solche Aufgaben morgens angehen, alle anderen eher am späten Nachmittag oder frühen Abend. Die Begründung: In einem Tief ist man weniger fokussiert und eher abgelenkt. Und wenn die Gedanken schweifen, stellen sich Inspirationen und Gedankenblitze leichter ein.

Neben dem Tagesrhythmus unterscheiden Chronobiologen noch weitere biologische Taktungen, etwa solche, die ungefähr eine Woche, einen Monat oder ein Jahr dauern. So hält eine Reihe von Krankheiten, beispielsweise die Grippe oder Scharlach, typischerweise rund 7 Tage lang an; der weibliche Menstruations­zyklus folgt einem Monatsrhythmus, und die Stimmung und Aktivität des vegetativen Nervensystems schwankt mit den Jahreszeiten.

Von Gleichschritt bis Polychronie

In vielen Lebensbereichen agiert man nicht allein, sondern in einer Gruppe. Dabei muss man sich zeitlich abstimmen. Das ist beispielsweise beim Singen im Chor und im Fußball wichtig, damit es nicht zu Missklängen beziehungsweise Fehlpässen kommt. Im Idealfall entsteht so ein perfekt eingespielter, harmonischer Ablauf, der tief befriedigend wirkt.

Zahlreiche Studien belegen etwa die positiven Effekte des Chorsingens: Der Herzschlag beruhigt sich, das Immunsystem wird angeregt, die Laune hebt sich. Wohlgemerkt, dies rührt nicht vom Singen per se her, sondern vom abgestimmten Singen in der Gruppe. So steigt beispielsweise bei Chorsängern die Stimmung deutlich stärker als bei Solosängern. Auch für andere Aktivitäten sind solche positiven Wirkungen dokumentiert: Nach einem Gruppentanz zeigten sich Leute weniger schmerzempfindlich als zuvor; bei Teamruderern erhöhte sich die Schmerzgrenze stärker als bei Sportlern, die allein in einem Boot saßen. Das eigene Verhalten mit dem von anderen zu synchronisieren, so vermuten Wissenschaftler, führt zu einer erhöhten Endorphinausschüttung, was physiologisch (Schmerzempfindlichkeit) und psychologisch (Stimmung) positiv wirkt.

Synchronizität erhöht das Wir-Gefühl

Aber nicht nur auf den Einzelnen, auch auf die Gemeinschaft wirkt sich koordiniertes Handeln förderlich aus. In einer Studie ließen die amerikanischen Psychologen Scott Wiltermuth und Chip Heath Studenten auf dem Campus der Stanford-Universität wie Soldaten marschieren. Bei einem anschließenden Spiel um Geld verhielten sich Probanden, die zuvor im Gleichschritt marschiert waren, vertrauensvoller, altruistischer und kooperativer als ihre Kommilitonen, die zwar zusammen, aber unkoordiniert über das Unigelände geschlendert waren. Synchronizität, so die Erklärung, erhöht das Wir-Gefühl, ein Effekt, der möglicherweise im Laufe der Evolution Vorteile brachte. 

Bei einer Militärtruppe, einem Chor und einem Ruder-Achter sorgen Marschführer, Chorleiter beziehungsweise Steuermann dafür, dass die zeitliche Abstimmung funktioniert. In anderen Gruppen müssen die Mitglieder das allein schaffen. Das Problem: Die individuellen Vorlieben der Teammitglieder können weit auseinanderliegen. Manche Menschen packen anstehende Aufgaben immer sofort an; andere sind zögerlich. Manche gehen schnell vor, auch wenn das mehr Fehler bedeutet; andere handeln langsam und sorgfältig. Manche erledigen lieber konzentriert eine Angelegenheit nach der anderen (Monochronie); andere jonglieren fünf Sachen gleichzeitig (Polychronie).

Und diese Unterschiede führen oft dazu, dass es kracht, wie eine Studie der Pennsylvania State University zeigt. Die Forscher teilten 151 angehende Köche in drei- bis vierköpfige Teams ein und untersuchten, wie harmonisch es bei der Zubereitung eines Menüs aus Vorspeise, Hauptgang und Dessert zuging. Das Ergebnis: Je unterschiedlicher die Vorlieben der einzelnen Teammitglieder hinsichtlich Arbeitsschnelligkeit und Zahl der gleichzeitig zu erledigenden Aufgaben, desto mehr stritt sich die Gruppe.

Ein starker Steuermann

Es ist also wichtig, Friktionen wegen Zeitfragen zu vermeiden. Wie kann das gelingen? Eine Lösung: Bei der Einteilung von Gruppen darauf achten, dass Menschen mit ähnlichen Zeitvorstellungen zusammenkommen, denn diesen fällt es leichter, eine gemeinsame Geschwindigkeit zu finden und sich zeitlich aufeinander abzustimmen.

Gruppen zu bilden, die nur aus Schnellstartern oder Langsam-und-gründlich-Fans bestehen, mag nicht immer möglich sein. In diesem Fall ist es hilfreich, wenn jemand die zeitliche Führung übernimmt. Ein Gruppenleiter beispielsweise, der Milestones und zeitliche Prioritäten setzt, sicherstellt, dass es Zeitpuffer gibt, und Mitglieder an ablaufende Fristen erinnert, kann Reibereien durch unterschiedliche zeitliche Vorlieben mildern oder sogar verhindern.

Mehr noch: Mit einem starken Steuermann können vielfältige Timing-Vorstellungen sogar vorteilhaft sein, wie Studien zeigten. Wenn jemand die Vielfalt dirigiert, dann ist ein Team, in dem eine Mischung unterschiedlicher Stile wie schnell / langsam, langfristig /kurzfristig, sofort / später existiert, besser darin, ganz unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen.

Zeitmanagement-Typen im Beruf

Coach und Autorin Eva Brandt hat drei Zeitmanagement-Typen im Berufsleben beobachtet und jeweils spezielle Tipps für sie:

  • Der Macher: Er ist spontan und braucht sofortige Ergebnisse – gesagt, getan, abgehakt. Auf­schieben und Detailrecherche mag er nicht.
  • Der Gesellige: Er liebt das Gewohnte, Aufgaben werden erst einmal gescannt und in Ruhe bewertet. Dieser Persönlichkeitstyp will Muße und das Immervertraute, das schnelle Entscheiden ist nicht sein Ding.
  • Der Analytiker: Für ihn stehen Wissen, Logik, Fakten im Vordergrund. Er will denken, aber bitte ohne Druck. Seine Stärke ist der Weitblick, und er beugt Eventualitäten vor. Es gilt: Nur keine Eile, es könnten sich Fehler einschleichen.

Der Macher

  • Ihre A-Aufgaben, die wichtig und dringend sind, erledigen Sie wie von selbst. Fokussieren Sie deshalb Ihre B-Aufgaben, die genauso wichtig, doch nur halb so dringend sind
  • Schätzen Sie die Zeitfenster für ein Projekt noch bewusster ein und denken Sie daran, dass der erste Tag im Projekt genauso wichtig ist wie der letzte
  • Treffen Sie keine Ad-hoc-Entscheidungen. Schlafen Sie eine Nacht darüber. Am nächsten Morgen könnte Ihr Enthusiasmus abgekühlt sein
  • Weil Gleichmäßigkeit langweilig ist, entsteht bei Ihnen leicht Chaos im Büro. Denken Sie daran, das immer wieder zu beheben, am besten jeden Abend, bevor Sie nach Hause gehen

Der Gesellige

  • Konzentrieren Sie sich auf Ihre Tätigkeiten im Team, dadurch haben Sie mehr Freude an der Arbeit
  • Versuchen Sie, sich von vertrauten Menschen Wege zeigen zu lassen, eine neue Aufgabe zu lösen
  • Starten Sie früher im Büro für Ihre wichtigen und dringenden Aufgaben, während die Kollegen, die Ihre Hilfe wollen, noch nicht da sind
  • Räumen Sie sich realistische Zeitfenster ein, um eine Aufgabe abzuarbeiten, damit kein Zeitdruck entsteht

Der Analytiker

  • Achten Sie darauf, dass Sie sich nicht überorganisieren. Perfektion kostet zu viel Zeit im Verhältnis zum Ertrag
  • Versuchen Sie, etwas mutiger an Projekte und Aufgaben heranzugehen. Sie können nicht alle Eventualitäten vorausplanen
  • Delegieren Sie mehr. Beginnen Sie mit leichten, kurzen Aufgaben und versuchen Sie, diese in ganze Delegations­pakete zu erweitern
  • Nutzen Sie, wenn Sie können, Home-Office-Tage. Sie brauchen zwischendurch Abstand vom Team und den vielen Menschen um Sie herum. Wenn Sie allein arbeiten können, tanken Sie auf

Dieser Text entstammt Eva Brandts Buch Zeit­management im Takt der Persönlichkeit (Beltz, Weinheim 2017). Er wurde gekürzt und redigiert.

Die Illustration zeigt eine Frau mit Uhren im Tagesrhythmus
Frau mit Uhren

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2018: Alles zu meiner Zeit
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